Hingabe

Bildquelle: AP

Ich sehe mir die Bilderreihen der Wolken an, / Bis sie zerfließen und enthüllen ihre blaue Bahn.

Und jedes Bild, das ich von dieser Welt gewann, / Verlor ich doppelt, und auch das was ich ersann.

Else Lasker-Schüler, „Hingabe“

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Dance me to the end of love

Hinwendung zu einem meiner Lieblingslieder von  Leonard Cohen.

Er selbst sagt über dessen Genese:

Dance Me to the End Of Love’ … it’s curious how songs begin because the origin of the song, every song, has a kind of grain or seed that somebody hands you or the world hands you and that’s why the process is so mysterious about writing a song. But that came from just hearing or reading or knowing that in the death camps, beside the crematoria, in certain of the death camps, a string quartet was pressed into performance while this horror was going on, those were the people whose fate was this horror also. And they would be playing classical music while their fellow prisoners were being killed and burnt. So, that music, “Dance me to your beauty with a burning violin,” meaning the beauty there of being the consummation of life, the end of this existence and of the passionate element in that consummation. But, it is the same language that we use for surrender to the beloved, so that the song — it’s not important that anybody knows the genesis of it, because if the language comes from that passionate resource, it will be able to embrace all passionate activity.

Einmal mit diesem Wissen um seine Entstehungsgeschichte betraut, höre ich das Stück noch einmal mit anderen Ohren:

Dance me to your beauty with a burning violin
Dance me through the panic ’til I’m gathered safely in
Lift me like an olive branch and be my homeward dove
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Oh let me see your beauty when the witnesses are gone
Let me feel you moving like they do in Babylon
Show me slowly what I only know the limits of
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love
Dance me to the wedding now, dance me on and on
Dance me very tenderly and dance me very long
We’re both of us beneath our love, we’re both of us above
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Dance me to the children who are asking to be born
Dance me through the curtains that our kisses have outworn
Raise a tent of shelter now, though every thread is torn
Dance me to the end of love

Dance me to your beauty with a burning violin
Dance me through the panic till I’m gathered safely in
Touch me with your naked hand or touch me with your glove
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Leonard Cohen

Momentaufnahmen

Auf dem Gemälde hält die Tochter des Malers die Kamera in der Hand, mit der das Foto gemacht wurde:

THE GOLDEN ECHO

Spare!
There ís one, yes I have one (Hush there!);
Only not within seeing of the sun,
Not within the singeing of the strong sun,
Tall sun’s tingeing, or treacherous the tainting of the earth’s air,
Somewhere elsewhere there is ah well where! one,
Oné. Yes I can tell such a key, I do know such a place,
Where whatever’s prized and passes of us, everything that ’s fresh and fast flying of us, seems to us sweet of us and swiftly away with, done away with, undone,
Undone, done with, soon done with, and yet dearly and dangerously sweet
Of us, the wimpled-water-dimpled, not-by-morning-matchèd face,
The flower of beauty, fleece of beauty, too too apt to, ah! to fleet,
Never fleets móre, fastened with the tenderest truth
To its own best being and its loveliness of youth: it is an everlastingness of, O it is an all youth!

Gerard Manley Hopkins, „The Leaden Echo and the Golden Echo“

Die zerknitterte Zartheit des Crêpe de Chine und den Duft des Reispuders

An einem Novemberabend, kurz nach dem Tod meiner Mutter, ordnete ich Photos. Ich hoffte nicht, sie „wiederzufinden“, ich versprach mir nichts von „diesen Photographien einer Person, durch deren Anblick man sich weniger an diese erinnert fühlt, als wenn man nur an sie denkt“ (Proust)…

So schließt das Leben eines Menschen, dessen Existenz der unseren um ein weniges vorausgegangen ist, in seiner Besonderheit gerade die Spannung der GESCHICHTE, ihre Abspaltung mit ein. Die GESCHICHTE ist hysterisch: sie nimmt erst Gestalt an, wenn man sie betrachtet – und um sie zu betrachten, muß man davon ausgeschlossen sein. Als lebendiges Wesen bin ich das genaue Gegenteil der GESCHICHTE, ich bin das, was sie dementiert, was sie zugunsten meiner eigenen Geschichte zerstört (es ist mir unmöglich, an „Zeugen“ zu glauben; unmöglich zumindest, deren einer zu sein; …). Die Zeit, in der meine Mutter vor mir lebte, das ist für mich die GESCHICHTE (übrigens ist es diese Epoche, die mich historisch gesehen am meisten interessiert). Keine Anamnese kann mich je diese Zeit, die vor meiner Existenz liegt, erahnen lassen (das ist die Definition der Anamnese) – während ich beim Betrachten eines Photos, auf dem die Mutter mich als Kind an sich drückt, die zerknitterte Zartheit des Crêpe de Chine und den Duft des Reispuders in mir wachrufen kann.

Roland Barthes, „Die helle Kammer“

Mohn und Gedächtnis

Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe im Leben… zitiert die Mützenfalterin in ihrem wundervollen Tagebuch Karl Ove Knausgård. Während die Zeilen noch in meinem Kopf kursieren, kommt mir Paul Celans Corona in den Sinn: …wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis. Dazu gibt es diese Arbeit von Anselm Kiefer, „Mohn und Gedächtnis – Der Engel der Geschichte“, aus der die beiden oben gezeigten Detailansichten stammen. (Ein Beitrag hierzu, „Ocker, braun, schwarz, wie nähere ich mich einem Künstler“, findet sich im übrigen auf dem schönen Blog von Susanne Haun.) Kiefer bezieht sich neben Celan auch auf Walter Benjamin, dessen Begriff vom Neuen Engel wiederum in Paul Klees Angelus Novus seinen Ursprung hat.

Und weil heute ihr Geburtstag ist, Fusznote 105 zu Friederike Mayröckers nichtgeschriebenem Werk:

der grosze kretische Stein auf meinem Magen, einer auf der Schuhablage von 1 Sonnenstrahl gespornter Sommerschuh, der Geruch einer halbierten Zuckermelone, sobald ich die Eiskastentür öffnete, honigverklebte Medikament Packung auf dem Küchentisch, Schriftzüge auf bodenlosen Zettelchen, das Kind in mir, sagt Amos Oz, ich bin in der Anstalt der Wärter fönt mir die nassen Haarspitzen, es ist 1 Zärtlichkeit, habe Geduld mit mir sagte die Mutter in ihren letzten Tagen, die aufgebissenen Lippen die versunkenen Rosen : die welkenden Blumen des eigenen Lebens, schreibe ab aus den eigenen Büchern.

Friederike Mayröcker, „Ich bin in der Anstalt Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk”

I am not I

Unbekannter Fotograf, "Espejo"
Unbekannter Fotograf, „Espejo“

I am not I.

                   I am this one
walking beside me whom I do not see,
whom at times I manage to visit,
and whom at other times I forget;
who remains calm and silent while I talk,
and forgives, gently, when I hate,
who walks where I am not,
who will remain standing when I die.
Juan Ramón Jiménez
(übersetzt von Robert Bly)

In Venedig

Georg Trakl am Lido in Venedig, 1913Stille in nächtigem Zimmer.
Silbern flackert der Leuchter
Vor dem singenden Odem
Des Einsamen;
Zaubrisches Rosengewölk.

Schwärzlicher Fliegenschwarm
Verdunkelt den steinernen Raum,
Und es starrt von der Qual
Des goldenen Tags das Haupt
Des Heimatlosen.

Reglos nachtet das Meer.
Stern und schwärzliche Fahrt
Entschwand am Kanal.
Kind, dein kränkliches Lächeln
Folgte mir leise im Schlaf.

Georg Trakl, aus „Die Dichtungen“ (Dritter Teil, „Gesang des Abgeschiedenen“)

Maman

The Spider is an ode to my mother. She was my best friend. Like a spider, my mother was a weaver. My family was in the business of tapestry restoration, and my mother was in charge of the workshop. Like spiders, my mother was very clever. Spiders are friendly presences that eat mosquitoes. We know that mosquitoes spread diseases and are therefore unwanted. So, spiders are helpful and protective, just like my mother.

Louise Bourgeois

Louise Bourgeois - Maman
Louise Bourgeois, „Maman“