A Second Life

Zum Tod von Stanley Greene:

Stanley Greene, "Zelina, after the death of her child" (Downtown Grozny, April 2001)
Stanley Greene, „Zelina, after the death of her child“ (Downtown Grozny, April 2001)


After this life / we’ll need a second life / to apply what we learned / in the first.

We make one mistake / after another / and need a second life / to forget.

We hum endlessly / as we wait for the departed: / we need a second life / for the whole song.

We go to war / and do everything Simon says: / we need a second life / for love alone.

We need time / to serve out our prison terms / so we can live free / in our second life.

We learn a new language / but need a second life / to practice it.

We write poetry and pass away, / and need a second life / to know the critics’ opinions.

We rush around / all over the place / and need a second life / to stop and take pictures.

Suffering takes time: / we need a second life / to learn to live / without pain.

Dunya Mikhail, „A Second Life“

(translated by Kareem James Abu-Zeid, from “The Iraqi Nights“)

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Die Anrufung des Großen Bären

Großer Bär, komm herab, zottige Nacht,
Wolkenpelztier mit den alten Augen,
Sternenaugen,
durch das Dickicht brechen schimmernd
deine Pfoten mit den Krallen,
Sternenkrallen,
wachsam halten wir die Herden,
doch gebannt von dir, und mißtrauen
deinen müden Flanken und den scharfen
halbentblößten Zähnen,
alter Bär.

Ein Zapfen: eure Welt.
Ihr: die Schuppen dran.
Ich treib sie, roll sie
von den Tannen im Anfang
zu den Tannen am Ende,
schnaub sie an, prüf sie im Maul
und pack zu mit den Tatzen.

Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht!
Zahlt in den Klingelbeutel und gebt
dem blinden Mann ein gutes Wort,
daß er den Bären an der Leine hält.
Und würzt die Lämmer gut.

’s könnt sein, daß dieser Bär
sich losreißt, nicht mehr droht
und alle Zapfen jagt, die von den Tannen
gefallen sind, den großen, geflügelten,
die aus dem Paradiese stürzten.

Ingeborg Bachmann

Luftmensch

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Vilhelm Hammershøi, „Young Girl pouring Tea“ (The Artist’s Sister, 1884)

The out-of-work painter sketches the ghetto / emptied of its inhabitants. / The painting is filled with objects. / The absence of the living is only temporary / and hints at the most delicious mysteries. / The “somewhat overstocked zoos” of pre WWII Europe. / Zeppelins are required. Liftships leave every day. / We all took pretty ponies up the golden stairs to the sun. / Extraordinary visions all last night. / Along the lake of Silvaplana, / not too far from a certain powerful pyramidal rock near Suler / I was given the envelope. / Into the teacup, quickly, my friends! / The cup (as the mirror shows) / is indeed the cracked yellow one / Otto Frank is now holding in his trembling hands / as the Nazis march down the little street. / But little teacup does make it through! / And the silence and dust are so dear to us.

Later the teacup is filled with the eyelashes of owls. / A wind comes and we waft through the night.

Joe Green

Lila

Michael Andrews, „Melanie and me swimming“ (1978-79)

Sie wusch gern ihre Sachen. Manchmal stiegen Fische nach den Blasen. Die Seife roch etwas streng, wie der Fluss. In solchem Wasser konntest du Sachen schön sauber ausspülen. Konnte zwar sein, dass es nach einem ordentlichen Regen etwas braun war, Ackerboden, aber der Schlamm floss ab oder setzte sich. Ihre Hemden und ihr Kleid kamen ihr vor wie Wesen, die gar nicht zur Welt kommen wollten, so welkten sie in sich rein und sanken unter die Oberfläche, als wollten sie nur gelassen werden, vielleicht um einen tieferen, dunkleren Gumpen zu finden. Und wenn sie sie dann herauszog und an den Schultern hochhielt, sahen sie nach blanker Erschöpfung aus und nach Bedauern. Wie ihre eigene geschundene Haut. Aber wenn sie sie über eine Kordel hängte und das Wasser herauslaufen und Sonne und Wind sie trocknen ließ, kriegten sie langsam was von Wesen, die leben könnten. In der Kirche hatten sie einmal die Geschichte gelesen, wie die Königin von Ägypten an einen Fluss kam und ein Baby fand, das in einem Korb trieb, und das war dann ihr Baby. Lebe! Die richtige Mutter sollte das Kind eigentlich töten, aber das konnte sie nicht. Sie legte es auf den Fluss, und die Königin fischte es heraus. Aber es wurde erwachsen und zum Mann, und der beschloss, dass er nicht ihr Kind sein wollte. Oder vielleicht war sie gestorben, und ihr Vater konnte mit dem Burschen nicht, bloß ist das nicht Teil der Geschichte. Na ja, dachte Lila, ich kann nur hoffen, dass sie gestorben ist, bevor er sie so schlecht behandeln konnte. Sie hätte ihm trauen können müssen. Ach, jetzt denk ich schon wieder so. Kannst niemand trauen. Das denke ich die ganze Zeit. Wenn ich’s überhaupt noch versuchen will, dann am besten jetzt, wo ich gehen kann, wenn’s sein muss, und wo ich noch jung genug bin, eine Weile über die Runden zu kommen. Wo es nicht so drauf ankommt, wenn’s schief geht.

Also.

Marilynne Robinson, „Lila“

Lila

Dorothea Lange, „Migrant Mother“ (Florence Owens Thompson, 1936)

So seltsam das war, es war was dran. Allein schon wie seltsam es war. Der alte Mann hatte keine Ahnung. Lasst uns beten, und alle beteten sie. Lasst uns gemeinsam Lied Nummer egal was anstimmen, und alle sangen sie. Wozu verschwendeten sie Kerzen ans Tageslicht? Und er stellte sich hin und redete von Leuten, die wer weiß wie lange tot waren, wenn die Geschichten über sie überhaupt wahr waren, und die meisten Leute hörten zu, oder versuchten es. Das war alles unnötig. Die Tage kamen und gingen ganz von alleine, ganz ohne beten. Und trotzdem überall Versammlungen und Erweckungen, Leute, die sehend wurden. Die Trost fanden, wo es keinen Trost gab, bloß diesen alten Mann, der Dinge sagte, die er so oft schon gesagt hatte, dass er sie scheints selber gar nicht hörte. Ging um den Sinn der Existenz, sagte er. In Ordnung. Von der Existenz verstand sie ein bisschen was. Es war ziemlich das Einzige, wo sie was von verstand, und das Wort dafür hatte sie von ihm gelernt. Das war wie mit den Vereinigten Staaten von Amerika – irgendwas mussten sie dazu ja sagen. Der Abend  und der Morgen, schlafen und aufwachen. Hunger und Einsamkeit und Erschöpfung und trotzdem mehr davon wollen. Existenz. Wozu plage ich mich damit ab? Das konnte er ihr auch nicht sagen. Dabei wusste er’s, das sah sie ihm an. Warum will er mehr davon, wo sein Haus doch so leer ist, seine Frau und sein Kind längst unter der Erde? Der Abend und der Morgen, singen und beten. Die Seltsamkeit des Ganzen. Du hörst nicht auf zu suchen. Er würde den Hügel zu der traurigen Stelle hochsteigen und sie mit Rosen bedeckt vorfinden. Ob er nun wusste oder nicht wusste, wer sie zum Blühen gebracht hatte, er würde es seltsam und recht finden. Rosen waren unnötig.

Marilynne Robinson, „Lila“

[fremd bin ich eingezogen unter meine haut]

Eva Rubinstein, „Bed in Mirror“ (Rhode Island, 1972)

fremd bin ich eingezogen unter meine haut / so lässt sich das am anschaulichsten sagen / im spiegel das visavis es bleibt unvertraut / besser so als anders kein grund, zu klagen

das hirn vollgepumpt mit sehnsuchtsdrogen / mit chimären die den winter pulverisieren / der blick hat sich den raum zurechtgebogen  / um die tür nicht aus den augen zu verlieren

sitze ich in mir mit dem rücken zur wand / tu so als hätte es sich zwangsläufig ergeben / die koffer griffbereit den pass in der hand

wie ein schlafgänger im körpereigenen haus / keine ahnung wer mich treibt so zu leben / ich weiß nur eins fremd zieh ich wieder aus

Christoph W. Bauer

Dem Moment Dauer geben

Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität.

André Breton, „Erstes Manifest des Surrealismus“ (1924)

Hör gut hin

Hör gut hin, Kleine[r], / es gibt Weißblech, sagen sie, / es gibt die Welt, / prüfe, ob sie nicht lügen.

Ilse Aichinger, aus „Verschenkter Rat“

Delil Suleiman / AFP, „Young Iraqi refugee at a camp in al-Hol“ (Syria, October 19, 2016)

They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Die Aufgabe zu erinnern statt zu vergessen

Bilder unterbrechen nicht den Zeitfluß, sie machen ihn nur reißender. Reißerischer würde Marlies sagen. Mag sein, daß die Photos bleibende Präparate von Querschnitten durch die Zeit waren, sie fraßen einen aber auch von innen auf, waren Würmer, die sich fortpflanzten.

Torturen dauerhafter Wiederbelebung.

Sabine Gruber, „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“

Sterne im September

Bei Katja Schraml alias Herrn Zitter ein Gedicht von Ingeborg Bachmann wiederentdeckt. Ich  erlaube mir, meine Lieblingszeilen an dieser Stelle zu ergänzen:

In die Formel unfruchtbarer Gedanken / fügt sich das Universum nach dem Beispiel / des Lichts, das nicht an den Schnee rührt.

Unter dem Schnee wird auch Staub sein / und, was nicht zerfiel, des Staubes / spätere Nahrung. O Wind, der anhebt!

Ingeborg Bachmann, „Sterne im März“

Try to remember some details

Hiroshi Watanabe, „Ellis Island 2, New York“ (from the series „American Studies“)

Try to remember some details. Remember the clothing  / of the one you love / so that on the day of loss you’ll be able to say: last seen / wearing such-and-such, brown jacket, white hat. / Try to remember some details. For they have no face / and their soul is hidden and their crying / is the same as their laughter, / and their silence and their shouting rise to one height / and their body temperature is between 98 and 104 degrees / and they have no life outside this narrow space / and they have no graven image, no likeness, no memory and they have paper cups on the day of their rejoicing / and paper cups that are used once only.

… Try, try / to remember some details.

Jehuda Amichai

Psychological Portrait

Marcel Sternberger - Diego Rivera and Frida Kahlo - Mexico - 1952
Marcel Sternberger, „Diego Rivera and Frida Kahlo“ (Mexico, 1952)

Today with our smartphones, we are so immersed in images – and selfies – that it seems doubtful that any one image, among so many, might convey some absolute statement of a person’s inner being. And yet it’s tempting to believe that some personal essence might be captured. Of a portrait made by Sternberger, Diego Rivera said it was “the first time I have seen the real me … behind the mask.”

Lucy McKeon on Jacob Loewentheil’s „The Psychological Portrait: Marcel Sternberger’s Revelations in Photography“

Frau am Fenster VII

Matisse and his wife met for what proved to be the last time, ostensibly to discuss details of their legal separation, in July 1939. The meeting took place in Paris at the Gare St. Lazare and lasted thirty minutes, during which Amélie Matisse kept up a flow of small talk while her husband stared at her in silence, frozen in the pose painted three decades earlier in The Conversation. “My wife never looked at me, but I didn’t take my eyes off her…,” Matisse wrote on the night of that final encounter: “I couldn’t get a word out…. I remained as if carved out of wood, swearing never to be caught that way again.”

Hilary Spurling, „Matisse’s Pajamas“

Frau am Fenster VI

(after the painting by Egar Degas)

There’s nothing in my appearance except that I am disappearing / into the uncertain light; nothing that would make me certain / of any conviction, or if I’ve made the right decisions in my life. / At this point, with my skin drinking in the available light, / I find it impossible to remember if I am widow or wife, / if I’ve had a life of ease, a life of strife…

Jackie Kay, „Woman at a Window“

Frau am Fenster V

[Edward Hopper’s] women do not seem to have lives apart from the rooms in which we find them. They peer out into a world, the one the rest of us occupy – and it may be with a degree of longing – but it is not their world. … We feel it as certainly as we do the assertive geometrical character of the rooms they occupy. This spatial solidity is what lends the paintings an air of permanence and fixes the woman in place, as in Morning Sun (1952):

So much so that imagining them in any other context represents only a form of escape on the viewer’s part from the imprisoning resolution of the painting. The tendency to create narratives around the works of Hopper only sentimentalizes and trivializes them. The women in Hopper’s rooms do not have a future or a past. They have come into existence with the rooms we see them in. And yet, on some level, these paintings do invite our narrative participation – as if to show how inadequate it is. No, the paintings are each a self-enclosed universe in which its mysteriousness remains intact, and for many of us this is intolerable. To have no future, no past would mean suspension, not resolution – the unpleasant erasure of narrative, or any formal structure that would help normalize the uncanny as an unexplainable element in our own lives.

Mark Strand on Edward Hopper

Frau am Fenster IV

Welch eine sonderbare und großartige Erfindung ist doch Glas – nah zu sein, ohne aneinanderzugeraten. … Ich sitze hinter Glas, still, mein eigenes Porträt.

Tomas Tranströmer, „Isländischer Orkan“ in „Sämtliche Gedichte“

Die Zeichnende junge Frau wird erst seit 1996 Marie-Denise Villers zugeschrieben und ist möglicherweise ein Selbstporträt der Künstlerin. Ihr bevorzugtes Motiv waren Bildnisse junger Frauen unter dem selbst gewählten Begriff études des femmes.

Frau am Fenster III

I don’t rise to the occasion unless I’m really moved.

Elisabeth Peyton

Elisabeth Peyton - Annette Greenwich St. - 2004
Elisabeth Peyton, „Annette Greenwich St.“ (2004)

Zitat und Bild haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Aber ich mag das Motiv der Frau am Fenster sehr. Und auf diesem Bild begeistern mich die Details oder was ich in ihnen zu erkennen glaube. Die Passionsblume auf der Fensterbank, aus deren Ranken mir noch einmal das Gesicht der Porträtierten entgegen blickt. Die Passionsfrucht, deren leuchtendes Orange so schön mit ihrer Kleidung korrespondiert. Passion, von lateinisch pati „erdulden, erleiden“ bzw. passio „das Leiden“ oder – im allgemeinen Sprachgebrauch: Passion für Leidenschaft, Vorliebe, Liebhaberei. Ich denke auch an einen Tweet, den ich gestern las: The sound of resilience…

Ein Beitragsfaden zu Elisabeth Peyton findet sich bei der Mützenfalterin und Zeichnungen von Passionsblüten bei Susanne Haun.

Karyatide

Sieh‘ dieses Sommers letzten blauen Hauch / auf Astermeeren an die fernen  / baumbraunen Ufer treiben, tagen / Sieh‘ diese letzte Glück-Lügenstunde / unserer Südlichkeit, / hochgewölbt.

Gottfried Benn

Ein helles Weiß, eine Schande, ein Tintenfleck, rosiger Liebreiz.

The first step is understanding the story. And then it’s finding the places where you think pictures might happen.

Amy Toensing

 

Amy Toensing zum Bild links:

UTUADO, PR – AUGUST 01: Little girl dresses hang from a laundry line on a porch August 1, 2002 in Utuado, Puerto Rico. Puerto Rico was an outpost of Spanish colonialism for 400 years, until the United States took possession in 1898. Today Puerto Rico’s Spanish–speaking culture reflects its history – a mix of African slaves, Spanish settlers, and Taino Indians. Puerto Ricans fight in the U.S. armed forces but are not entitled to vote in presidential elections. They passionately debate their relationship with the U.S. with about half the island wanting to become the 51st state and the other half wanting to remain a U.S. commonwealth. A small percentage feel the island should be an independent country. While locals grapple with the evils of a burgeoning drug trade and unchecked development, drumbeats still drive the rhythms of African-inspired bomba music.

Teju Cole zum Bild rechts:

„The Superhero Photographs of the Black Lives Matter Movement“

Zur Überschrift:

Gertrude Stein, „Drei Gedichte“

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen…

…Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt. / Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

Georg Trakl, „Ellis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft“

Edouard Manet - Jeanne Duval, Baudelaire's Mistress, Reclining (Lady with a Fan) - 1862
Edouard Manet, „Lady with a Fan“(1862)

Die Dame mit dem Fächer war Charles Baudelaires Geliebte Jeanne Duval. Manet malte sie im Jahr ihres vermuteten Todes – 1862. Sowohl Baudelaire als auch Duval waren an Syphilis erkrankt. Es scheint ungeklärt, wer von beiden tatsächlich zuerst verstarb.

Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes war Jeanne bereits erblindet und gelähmt. Zwei schwarze Augenhöhlen, ein ungelenk unter der Krinoline hervorragendes Bein und eine unproportioniert groß und männlich wirkende Hand irritieren den Betrachter. Gleichzeitig quillt das Bild beinahe über von einem Berg aus Tüll, der wie in einem letzten Aufbäumen die Hinfälligkeit des Körpers unter sich begräbt. Halb weht es, halb liegt es kunstvoll drapiert über die Lehne des Canapés, ein zartes Gardinengespinst, dahinter das letzte Gold verfallener Sterne bereits verglüht scheint.

Aufmerksam wurde ich auf das Bild durch einen raffinierten Schnappschuss von Gueorgui Pinkhassov.

Der Tod ist die Kurve an einer Straße

Abbas Kiarostami (* 2. Juni 1940 in Teheran; † 4. Juli 2016 in Paris)

Der Tod ist die Kurve an einer Straße. / Das Sterben entrückt nur dem sehenden Sinn. / Lausch ich, hör ich deine Schritte / Dasein wie ich selber bin.

Die Erde ist aus Himmel geschaffen. / Die Lüge hat kein Geheg. / Niemand ging jemals verloren. / Alles ist Wahrheit und Weg.

Fernando Pessoa

Roads and Rain

Abbas Kiarostami (* 2. Juni 1940 in Teheran; † 4. Juli 2016 in Paris)

It’s said that in the beginning was the word, but for me the beginning is always an image. When I think about a conversation, it always starts with images. And what I love about photography is the inscription of a single moment: it’s completely ephemeral. You take the photograph, and one second later, everything has changed.

Abbas Kiarostami

Questions of Travel

Luigi Ghirri - Mare
Luigi Ghirri, „Tellaro, Italia“ (1980)

Think of the long trip home. / Should we have stayed at home and thought of here? / Where should we be today? / Is it right to be watching strangers in a play / in this strangest of theatres? / What childishness is it that while there’s a breath of life / in our bodies, we are determined to rush / to see the sun the other way around? / The tiniest green hummingbird in the world? / To stare at some inexplicable old stonework, / inexplicable and impenetrable, / at any view, / instantly seen and always, always delightful? / Oh, must we dream our dreams / and have them, too? / And have we room / for one more folded sunset, still quite warm?

‚Is it lack of imagination that makes us come / to imagined places, not just stay at home? / Or could Pascal have been not entirely right / about just sitting quietly in one’s room?

Continent, city, country, society: / the choice is never wide and never free. / And here, or there… No. Should we have stayed at home, / wherever that may be? ‚

Elisabeth Bishop, „Questions of Travel“

A slender thread

Photography […] I believe it to be an extraordinary visual language for being able to increase this desire for the infinite we all have within us. As I said before, it constitutes a great adventure in the world of thinking and looking, a great, magical toy that succeeds miraculously to combine our adult awareness with the fairy-tale world of childhood […], Borges wrote of a painter who wanted to paint the world, and began with pictures of lakes, mountains, boats, animals, faces, objects. At the end of his life, putting together all of his pictures and drawings, he noticed that this immense mosaic was his own face. The starting point of my project and photographic work may be compared to this tale. The intention of finding a key, a structure for every single image, which all together goes to form another. A slender thread that binds autobiography and the external world.

Luigi Ghirri, „L’opera aperta“

The Double-Take of Seeing

Robert Frank said, “When people look at my pictures I want them to feel the way they do when they want to read a line of a poem twice.” I’m drawn to this poetic notion of photography, and I think Frank’s idea is what Pinkhassov, too, is after. He tries to foster the double-take of seeing.

Teju Cole

I could give all to Time

Gabriele Münter, Breakfast of the Birds, 1934
Gabriele Münter, „Breakfast of the Birds“ (1934)

To Time it never seems that he is brave / To set himself against the peaks of snow / To lay them level with the running wave, / Nor is he overjoyed when they lie low, / But only grave, contemplative and grave.

What now is inland shall be ocean isle, / Then eddies playing round a sunken reef / Like the curl at the corner of a smile; / And I could share Time’s lack of joy or grief / At such a planetary change of style.

I could give all to Time except – except / What I myself have held. But why declare / The things forbidden that while the Customs slept / I have crossed to Safety with? For I am There, / And what I would not part with I have kept.

Robert Frost, „I could give all to time“

Defocus

I don’t want to see blazing sunsets with every blade of grass and every rock in uber-sharp definition; it’s too much for my eyes! I’d rather get a hint of a place, a glimpse of an atmosphere, and until quite recently when I discovered the work of Chris Friel and others of that impressionist photography genre I had always thought that was outside the remit of photography.

Cath Waters

The Truth the Dead Know

 

For my Mother, born March 1902, died March 1959 / and my Father, born February 1900, died June 1959

Gone, I say and walk from church, / refusing the stiff procession to the grave, / letting the dead ride alone in the hearse. / It is June. I am tired of being brave.

We drive to the Cape. I cultivate / myself where the sun gutters from the sky, / where the sea swings in like an iron gate / and we touch. In another country people die.

My darling, the wind falls in like stones / from the whitehearted water and when we touch / we enter touch entirely. No one’s alone. / Men kill for this, or for as much.

And what of the dead? They lie without shoes / in the stone boats. They are more like stone / than the sea would be if it stopped. They refuse / to be blessed, throat, eye and knucklebone.

Anne Sexton

Aging Actress

This is the last time I do this. I’m so sick of using myself, how much more can I try to change myself? … It’s the most sincere thing I can do.

Cindy Sherman

Rooms by the Sea

Über [Rooms by the Sea] liest man in Jo Hoppers Logbuch, daß es erst anders heißen sollte, nämlich The Jumping Off Place. Und das sieht man dem Bild auch an: Gerade noch ist jemand aus der offenen Tür ins Meer hinausgesprungen, das da bis unmittelbar unter die Schwelle des Zimmers heranschlägt, so als sei dieses Haus auf eine Klippe gebaut oder stünde auf Stelzen im Meer. Und im nächsten Moment wird auch in der Ferne, am Horizont, ein Boot erscheinen, zu weit weg, um den noch aufzufischen, der sich da in das unendliche Meer gestürzt hat. [Es] scheint eine herrliche milde Nachmittagssonne (Jo im Tagebuch: „Early October“) in ein leeres Zimmer, aber auch hier kann ihr schönes Licht nicht die Feindlichkeit der Welt vergessen lassen

Wim Wenders in der Zeit in einem Artikel über die vierbändige Ausgabe der Werke Edward Hoppers, „Edward Hopper, An Intimate Biography“ von Gail Levin

Ein wenig anders sieht es Mark Strand in seiner Schrift „Über Gemälde von Edward Hopper“:

Eine heitere Fremdartigkeit hat von den Räumen Besitz ergriffen. Der Ausblick, der den offenen Zugang rechts ausfüllt, ist zwar gewaltig, aber nicht bedrohlich. Das Wasser scheint bis unmittelbar an die Tür zu reichen, als ob es keinen Mittelgrund oder kein Ufer gäbe, ja als ob es von Magritte gestohlen worden wäre. Es ist eine Ansicht der Natur, die ungeschönt und außergewöhnlich ist. Auf der linken Seite des Bildes bietet sich uns ein schmaler, gedrängter Ausblick auf das Gegenstück zur Natur – auf einen Raum, ausgestattet mit einem Sofa oder einem Sessel, einer Kommode und einem Gemälde – eine Auswahl von Gegenständen des häuslichen Lebens. Das Bild drängt uns zu einer Bewegung von rechts nach links, so als ginge es bei dem Anblick, den es uns bieten will, nicht um das Meer, sondern um den teilweise verdeckten, zweiten Raum. Selbst das Meer, so scheint es, schaut auf und herein, und auch das Licht weist uns eben darauf hin und teilt uns mit, wohin wir blicken müssen.

Der zweite Raum ist ein möbliertes Echo des ersten. Die Verdoppelung des Raumes ist beruhigend, weil sie Vorstellungen von Beständigkeit und Gemeinsamkeit ins Bild setzt, die beide zusammen die Grundlage für häusliches Wohlbehagen ausmachen. Und das Meer und der Himmel, zwei Agenten des Willens der Natur, sehen in diesem Zusammenhang unverfänglich aus.

Der vermeintlich bösartige Unterton von „A Jump Off Place“ soll Hopper bewogen haben, den Titel des Bildes zu ändern.

Beiden Sichtweisen kann ich etwas abgewinnen. Was immer mit den Menschen sein mag, die darauf nicht zu sehen sind, es wäre kein Hopper, ohne sein enigmatisches Moment, dem das von Magritte gestohlene Wasser durchaus etwas Heiteres verleiht. Wenn mich etwas beunruhigt, dann ist es das in der Tat unverfängliche Aussehen der beiden Agenten des Willens der Natur. Ein Satz von Herta Müller fällt mir ein:

Die Landschaft steht intakt da, während du nicht weißt, wie es weitergeht. Irgendwie ist es ihr total egal. Sie will dich ja doch fressen. Wenn du stirbst, hat sie dich.

Little Loss

(1)

ich goss mir den morgen ins glas.
auch die pupille schon flüssig, du warst
ein schnappschuss in meinem kopf.

was hast du? – als müsse man alles
begreifen / den aus der sonne
gelassenen korken, geschosse,

das licht, die berichterstattung.
und gestern schon wissen, was morgen

Sina Klein

Quelle: Fixpoetry

Ziemlich viel Glück

Gustav Klimt - Fischblut - 1898
Gustav Klimt, „Fischblut“ (1898)

Ziemlich viel Glück / Gehört dazu, / Daß ein Körper auf der Luft / Zu schweben beginne / Mit Brust, Achsel und Knie / Und auf dieser Luft / einem anderen Körper begegne, / Wie er / Unterwegs.

Die Atmosphäre macht / Zwei innige Torsen aus ihnen. / Unbemerkt beschreibt ihr Entzücken / Zärtliche Linien in Baumkronen. / Eine ganze Zeit noch / Ist Ihr Flüstern zu vernehmen, / Und wie sie einander / Das schenken, /  Was leicht an Ihnen ist.

Glücklichsein beginnt immer / Ein wenig über der Erde.

Dog Women

Inspired by a story a friend had written for her, Paula Rego draws her Dog Woman in pastels, referencing the raw physicality of Degas’ drawings:

„To be a dog woman is not necessarily to be downtrodden; that has very little to do with it. In these pictures every woman’s a dog woman, not downtrodden, but powerful. To be bestial is good. It’s physical. Eating, snarling, all activities to do with sensation are positive. To picture a woman as a dog is utterly believable.“

Quelle: Saatchi Gallery

Speak to me of Rivers

I’ve known rivers:

I’ve known rivers ancient as the world and older than the flow of human blood in human veins.

My soul has grown deep like the rivers.

I bathed in the Euphrates when dawns were young.
I built my hut near the Congo and it lulled me to sleep.
I looked upon the Nile and raised the pyramids above it.
I heard the singing of the Mississippi when Abe Lincoln went down to New Orleans, and I’ve seen its muddy bosom turn all golden in the sunset.

I’ve known rivers:
Ancient, dusky rivers.

My soul has grown deep like the rivers.

Langston Hughes, „The Negro Speaks of Rivers“

Blanketing Space

Zu Kiki Smiths Triptychon siehe bei der Mützenfalterin: „Kiki Smith – Sky, Earth, Underground“.

Mich erinnert es unwillkürlich an die Bilder von Éduard Vuillard, der sich in den 1890er Jahren von Tapisserien inspirieren ließ. Er malte seine Bilder als würde er sie weben. Interieurs, die seine Mutter und Schwester bei der Hausarbeit zeigen oder Näherinnen bei ihrer Arbeit in einer der Korsettwerkstätten jener Zeit. Sie werden durch gemusterte Tapeten konturiert, ja, scheinen daraus hervorzutreten oder darin zu verschwinden, was den vermeintlichen Alltagsszenen eine zuweilen unheimliche Atmosphäre verleiht.

„What is behind it?“,  fragt Charles Simic in seinem Gedicht Tapestry.  – „Space, plenty of empty space.“ Aber während Kiki Smith von diesen Räumen dahinter erzählt, scheint es aus denen von Éduard Vuillard kein Entrinnen zu geben.

Red Riding Hood

Long ago
there was a strange deception:
a wolf dressed in frills,
a kind of transvestite.
But I get ahead of my story.

Those two remembering
nothing naked and brutal
from that little death,
that little birth,
from their going down
and their lifting up.

Anne Sexton, „Red Riding Hood“

Und wunderbar weitergedacht: Die Mützenfalterin über das Schlüpfen aus der Haut eines Wolfes…

[i carry your heart with me(i carry it in]

Carry a Poem in your Pocket…

i carry your heart with me(i carry it in
my heart)i am never without it(anywhere
i go you go,my dear;and whatever is done
by only me is your doing,my darling)
i fear
no fate(for you are my fate,my sweet)i want
no world(for beautiful you are my world,my true)
and it’s you are whatever a moon has always meant
and whatever a sun will always sing is you

here is the deepest secret nobody knows
(here is the root of the root and the bud of the bud
and the sky of the sky of a tree called life;which grows
higher than soul can hope or mind can hide)
and this is the wonder that’s keeping the stars apart

i carry your heart(i carry it in my heart)

E. E. Cummings

Dance me to the end of love

Hinwendung zu einem meiner Lieblingslieder von  Leonard Cohen.

Er selbst sagt über dessen Genese:

Dance Me to the End Of Love’ … it’s curious how songs begin because the origin of the song, every song, has a kind of grain or seed that somebody hands you or the world hands you and that’s why the process is so mysterious about writing a song. But that came from just hearing or reading or knowing that in the death camps, beside the crematoria, in certain of the death camps, a string quartet was pressed into performance while this horror was going on, those were the people whose fate was this horror also. And they would be playing classical music while their fellow prisoners were being killed and burnt. So, that music, “Dance me to your beauty with a burning violin,” meaning the beauty there of being the consummation of life, the end of this existence and of the passionate element in that consummation. But, it is the same language that we use for surrender to the beloved, so that the song — it’s not important that anybody knows the genesis of it, because if the language comes from that passionate resource, it will be able to embrace all passionate activity.

Einmal mit diesem Wissen um seine Entstehungsgeschichte betraut, höre ich das Stück noch einmal mit anderen Ohren:

Dance me to your beauty with a burning violin
Dance me through the panic ’til I’m gathered safely in
Lift me like an olive branch and be my homeward dove
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Oh let me see your beauty when the witnesses are gone
Let me feel you moving like they do in Babylon
Show me slowly what I only know the limits of
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love
Dance me to the wedding now, dance me on and on
Dance me very tenderly and dance me very long
We’re both of us beneath our love, we’re both of us above
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Dance me to the children who are asking to be born
Dance me through the curtains that our kisses have outworn
Raise a tent of shelter now, though every thread is torn
Dance me to the end of love

Dance me to your beauty with a burning violin
Dance me through the panic till I’m gathered safely in
Touch me with your naked hand or touch me with your glove
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Leonard Cohen

An effort to enter into morning

Orange thorns snag the hair. / The old fist of bourbon / flowers in the mouth / as you step out, / the doormat wet and straight / behind your foot, / the screendoor shutting and shutting / like a fact in the mind. / The most difficult thing / is to see the morning / for what it is: a foolish / autumn, a pale crust of dragonflies / frantic in their amber / coats, circling in slow /  difficult joy.

Brenda Hilman

Momentaufnahmen

Auf dem Gemälde hält die Tochter des Malers die Kamera in der Hand, mit der das Foto gemacht wurde:

THE GOLDEN ECHO

Spare!
There ís one, yes I have one (Hush there!);
Only not within seeing of the sun,
Not within the singeing of the strong sun,
Tall sun’s tingeing, or treacherous the tainting of the earth’s air,
Somewhere elsewhere there is ah well where! one,
Oné. Yes I can tell such a key, I do know such a place,
Where whatever’s prized and passes of us, everything that ’s fresh and fast flying of us, seems to us sweet of us and swiftly away with, done away with, undone,
Undone, done with, soon done with, and yet dearly and dangerously sweet
Of us, the wimpled-water-dimpled, not-by-morning-matchèd face,
The flower of beauty, fleece of beauty, too too apt to, ah! to fleet,
Never fleets móre, fastened with the tenderest truth
To its own best being and its loveliness of youth: it is an everlastingness of, O it is an all youth!

Gerard Manley Hopkins, „The Leaden Echo and the Golden Echo“

En Route V

Darum ist die Schönheit niemals frei von Melancholie: Sie trägt gleichsam Trauer um die Philosophie. Bei der Kunst geht es nicht um einfache Arbeit des Negativen, sondern um die von keiner überwindenden Dialektik aufhebbare Trauerarbeit.

Sarah Kofman, „Melancholie der Kunst“

wie vordem die Birke oder Weide den Blick hielt

 

Alexey Titarenko - Untitled - Beach 1 - 1999
Alexey Titarenko, „Untitled“ (Beach 1, aus der Serie „Time standing still“, 1999)

Behältnisse : ach welch 1 Pomp (die flüssige Schokolade und wie die Fingerspitzen noch lange riechen), ach welch 1 Jubel : 1 leerer Kofferz.B., in welchen man Flieder z.B., Fliedersträusze verpackt usw., oder die ganze Mongolei z.B., den Atlas, das welkende Mimosenbäumchen z.B., den Duft des Jasmin oder 1 Singvögelchen, Übersee, die Übungen die Etüden, die Götter des Weinens, die Tränen welche er mir weggeküszt, usw., die lieblichen Ohren der Schwester, die Morgenröte (Fuszreise der Aurora), die Küsse die vielen Küsse des Freunds und wie er über den gedeckten Tisch hinweg seine Arme streckte nach mir, die Veilchen ach Magritte’s Veilchengesicht einer Frau, das Strumpfband, die Arien der Maria Callas, die wechselnden Jahreszeiten, die Flamme des Herzens in einem Taumel der Liebe, das Rumoren des Vögelchens welches in meine Kammer sich verflogen hatte, das Adieu, das lange Adieu z.B. am Ende, das lange Adieu am Ende unseres Lebens nämlich “wie vordem die Birke oder Weide den Blick hielt“, so Elke Erb

10.7.11

Friederike Mayröcker, aus den „études“

Synchronizitäten:

Andreas Reichel, „Das Wort zum Sonntag 7“

Mirko Bonné, „Das Adieu, das lange Adieu“

A Woman’s Bed

A Woman’s Bed, Logan, Ohio 1970, from the series Iowa, by Nancy Rexroth, made with a Diana camera.
Nancy Rexroth, „A Woman’s Bed“ (Logan/Ohio 1970, from the Series „Iowa“)

I remember how my grandparents’ bedroom seemed to conceal something.  The door was closed; you never went in.  When the door stood open by accident the bed was always made, smooth and immaculate.  Large but somehow not large enough. That seemed wrong to think about.  Things were folded, tucked away.  Nothing had happened during the night, and the daylight entering from a side window, seemed to sanctify a kind of order.  But the whiteness of the spread – I couldn’t take my eyes off it.  It seemed to rise like a mountain and spread out like a desert. What if you did lie down there, fall into that whiteness?  Would you feel someone next to you, someone impossibly old?  If they did touch you, would the room suddenly darken?  Would you ever be able to get up again?  Would you be dead?  As a child, I had fevers.  I often lay in a white bed dreaming I could fly.

Lyle Rexer

Alles zählt

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Fan Ho, „Journey to Uncertainty“

Weil sie schon früh wusste, vor allem anderen würde sie ihr Augenlicht verlieren, begann diese Patentante, Gedichte auswendig zu lernen. Celan und Rilke vor allem, sie kaute wochenlang auf einzelnen Wörtern und Versen herum, bis sie deren Bedeutung ganz erfasst hatte. Oder so weit, wie der Dichter das zuließ. Sie verlor ihren Verstand nie. Und mit dem letzten Gedicht, das sie lernte, es war eine der Elegien, spürte sie, wie sich noch einmal ein Raum voller unbekannter Empfindungen und Gedanken öffnete. „Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. [Unser Leben geht hin mit Verwandlung.] Und immer geringer schwindet das Außen.“ Es war ein Raum, zu dem sie erst Zutritt erlangte, als der Tod schon in der Zimmerecke stand und immer öfter zu ihr herüberschaute. Sie hatte ihr das erzählt, um ihr zu sagen, es gibt trotz allem etwas, das nur das Alter zu geben vermag.

Verena Lueken, „Alles zählt“

Dinge

die dinge sind heute irgendwie einsam / die dinge sind wie vasen ohne freunde / sind wie das buffet hier mit seiner schweren / platte an die wand gestellt und stehngelassen. / haben die dinge, wollen wir wissen / denn keine anderen dinge zum spielen? / hat man den dingen denn nichts, aber auch / gar nichts gegeben, was sie halten können? / doch wenn wir einmal ehrlich wären / würden wir nur eines wissen wollen / wo die dinge geblieben, die unsere schuld  / auf sich zu nehmen gewillt sind. / fadenförmige ich, kreiselförmiger du

Monika Rinck