Du wartest auf mich mit dem Staub

Liu Xiaobo. Wegen einer Krebserkrankung im Endstadium ist er vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden:

Für meine Frau, die jeden Tag wartet

Nichts bleibt in deinem Namen, nichts
als auf mich zu warten, mit dem Staub in unserem Haus,
Schicht auf Schicht,
in jeder Ecke, du willst
die Vorhänge nicht aufziehen,
denn das Licht soll die Stille nicht stören

auf den Bücherregalen sind die Handschriften mit Staub bedeckt,
die Muster der Teppiche atmen Staub,
wenn du mir einen Brief schreibst
und die Liebe kommt zu mir,
die der Füller in den Staub getaucht hat,
füllen sich meine Augen mit Schmerz

den ganzen Tag sitzt du da
und wagst nicht, dich zu bewegen
aus Furcht, deine Fußspuren könnten die Staubdecke zerstören,
du versuchst, deinen Atem zu kontrollieren
und die Stille dazu zu benutzen, eine Geschichte zu schreiben.
In Zeiten wie diesen
ist der erstickende Staub
der zuverlässigste Freund

dein Blick, Atem und Zeit,
durchdringen den Staub,
in der Tiefe deiner Seele
füllt sich das Grab
Zentimeter um Zentimeter,
von den Füßen zur Brust
zur Kehle
du weißt, dass das Grab
dein bester Ruheplatz ist,
dort wartest du auf mich,
ohne den leisesten Anflug
von Furcht oder Erschrecken,
deshalb ist dir der Staub lieber,
dunkles, stilles Ersticken,
du wartest, du wartest auf mich mit dem Staub

du weist das Sonnenlicht zurück und die Spiele der Luft,
lass dich einfach vom Staub begraben,
schlaf ein im Staub
solange bis ich zurückkehre
um dich wieder aufzuwecken
und den Staub von deiner Haut und deiner Seele zu wischen.

Welch ein Wunder – zurück von den Toten.

09. April 1999

Liu Xiaobo *1955

Übersetzung von Stefanie Golisch

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4 Gedanken zu “Du wartest auf mich mit dem Staub

  1. Eine fast prophetisch vorweggenommene Beschreibung der Lebensumstände nach seiner Festnahme und späteren Inhaftierung. Zurück von den Toten und in den Tod. Und der negative Beweis dafür, dass Worte keine Macht haben über die Mächtigen. Trotzdem ist es schön, wieder von dir zu lesen, Pagophila

  2. Liebe Pagophila,
    mir fällt gerade auf, dass der Link zu meiner Webseite, den du hier unter der Rubrik „Andernorts“ hinterlegt hast leider ein alter ist, der nicht mehr ausgeführt werden kann. Hier die neue Webadresse;
    http://achim-spengler.com
    Wäre super, wenn du das entsprechend anpassen könntest.
    Liebe Grüße
    Achim
    PS: Ich vermisse dich seit einiger Zeit und hoffe, dass alles ok ist bei dir

    1. Hallo Achim, danke für den Hinweis! Ich hatte die Links zwischenzeitlich mal überprüft, aber das ist wohl schon wieder eine ganze Weile her. Die benötigte Pause von der virtuellen Welt gestaltet sich nun doch etwas länger als gedacht. Ich arbeite noch an meinem Status Quo, aber es wird schon. Ich komme wieder.

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