They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

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20 Gedanken zu “They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

  1. Deine fiebrigen Assoziationen sind der Kracher und lösen bei mir sowas wie unfiebrige Folgeassoziationen aus. Winterreise meets Klosterfraumelissengeist, Lindenblütentee hatte ich nie.
    Der Baustellentraum? Vielleicht sollte man nichts unfertiges zurücklassen, der daraus entstehenden Dynamik ist man nicht gewachsen. Vielleicht aber auch als Kind zu viel Werbung im TV gesehen, nein, ein Spaß.
    Wünsche aber gute Besserung.

    1. Danke auch Dir, Autopict! Nun, Klosterfraumelissengeist hatte ich bislang noch nie, aber was die Dynamik angeht, die aus allem Unfertigen entsteht, da gebe ich Dir unbedingt recht… ein Imperium, das irgendwann zurückschlägt.

  2. Lindenblüten riechen, Lindenblüten pflücken, Lindenblüten trinken aaaah, zurück in die Kissen sinken, die Augen lassen den fiebrigen Glanz in andere Welten tauchen, Labyrinthe aus allem und dann eine so feinsinnige Geschichte … kühler Schnee auf heisser Stirn
    gute Besserung und Herzensgrüsse
    Ulli

  3. Der Duft der Linden ist ein Versprechen von Glück.
    Ich wünsche Dir, dass es Dir gut gehe möge, ob mit oder ohne Fieber. Mir scheint aber, dass Dich die innere Wärme sehr inspiriert und beflügelt- ein so schöner Text!

    1. Ja, so empfinde ich den Duft der Linden auch, zauberhafte Tikerscherk … einfach betörend. Es freut mich sehr, dass Dir der Text gefällt, und Deinen Wunsch gebe ich von ganzem Herzen zurück!

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