Du sagst es

connie palmen - du-sagst-esIch glaube an so etwas wie ein echtes Selbst, und ich weiß, wie selten es ist, so ein Selbst sprechen zu hören, zu sehen, wie es sich aus dem Kokon der Falschheit und des Nichtssagenden herausschält, aus den Scheingestalten, die wir anderen präsentieren, um ihnen zu gefallen, sie irrezuführen. Je gefährlicher das echte Selbst, desto raffinierter die Masken. Je ätzender das Gift, das wir am liebsten über andere ausspeien würden – um sie zu lähmen, zu töten -, desto süßer der Nektar, mit dem wir sie locken, zu uns zu kommen, in unserer Nähe zu sein, uns zu lieben.

Sie war ein süß duftendes Gefäß voll Venenum.

Ich war nie zuvor jemandem begegnet, bei dem Lieben und Hassen so nah beieinanderlagen, dass es fast keinen Unterschied gab. Sie wollte nichts lieber, als jemanden lieben, aber sie hasste es, wenn sie es tatsächlich tat. Sie wollte nichts lieber, als geliebt werden, aber sie hat jeden, der sie je geliebt hat, gnadenlos für diese Liebe bestraft.

Hinter einer Fassade umwerfender Fröhlichkeit verbarg sich ein scheuer Hase mit einer Seele aus Glas, ein Kind voller Ängste, voll alptraumhafter Bilder von Amputationen, Eingesperrtsein, Stromstößen. Und ich – der verliebte Schamane – betete das zerbrechliche, verwundete Mädchen an, ihr wahres Selbst, wollte tun, was die Liebe vom Liebenden verlangt: ihr Konterfei zertrümmern wie ein zärtlicher Ikonoklast. Weil ich sie liebte, war es an mir, sie als Frau und Schriftstellerin aus der unechten Schale zu pellen, sie dazu zu bewegen, dass sie ihre eigene Stimme zu Gehör brachte. Die bange Stimme, die böse Stimme, die quengelige Stimme, mit der sie über Nichtigkeiten nörgelte, die wortlose Stimme, mit der sie demütigte und schikanierte, die verbotene Stimme, mit der sie wie eine wütende Rachegöttin Bannflüche über jeden aussprach, der sie verletzte. Ihre steinerne Zunge sollte im Versmaß ihrer Seele tanzen können, der schwarzen Seele, vor der sie – zu Recht – Angst hatte. Es war an mir, sie aus dem Tod auferstehen zu lassen.

Was ich damals nicht sah, war, dass ich damit auch mich selbst zu befreien suchte.

Ihr Wahnsinn ist mein Wahnsinn.

Connie Palmen, „Du sagst es“

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5 Gedanken zu “Du sagst es

  1. Das geht unter meine Haut und ich werde sofort dieses Buch bestellen, denn ich spüre sehr deutlich, das hat viel mit mir zu tun!
    Ich danke dir
    herzliche Grüsse
    Ulli

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