Dangerous Liaison

Für Dagmar

Nadja Haefeli, Germanic Funeral 2, 2007
Nadja Haefeli, „Germanic Funeral 2“ (2007)

Manchmal laufe ich ihm zufällig über den Weg. Dann merke ich, nach wie vor habe ich ihm  nicht verziehen. Was daran so schwer sei, meinte dereinst eine Therapeutin. Jeder von uns beiße doch ab und an in einen sauren Apfel.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Ist das der Punkt? Gekränkte Eitelkeit? Und warum komme ich nicht darüber hinweg? Nicht schön genug, nicht gut genug gewesen zu sein. Oder wenigstens vorausschauend genug, zu wissen, die Liebe lässt sich nicht verdienen.

Die erwähnte Therapeutin befand sich damals kurz vor ihrem Rückzug ins Private. Sie wollte den Abschluss unserer Sitzungsperiode möglichst rund gestalten. Und weil ich auch in dieser Situation, die Haut, in der ich lebe, nicht abstreifen konnte, mimte ich die perfekte Patientin und gab vor, geheilt zu sein.

Nur, immer wenn ich ihm zufällig über den Weg laufe, antwortet der Spiegel in mir:

Frau Königin, ihr seid die schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als ihr.

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15 Gedanken zu “Dangerous Liaison

  1. Ja — Liebe lässt sich nicht verdienen.

    Und Alice nahm die schwarze Königin vom Schachbrett und setzte sie vor das Kätzchen hin, als Vorbild: aber die Sache ging nicht, hauptsächlich, weil das Kätzchen seine Arme nicht richtig kreuzen wollte, wie Alice sagte. Zur Strafe hielt sie es vor den Spiegel, um ihm zu zeigen, wie mürrisch es aussehe. — „Und wenn du nicht gleich lieb bist,“ fügte sie hinzu, „will ich dich in das Spiegelhaus durchstecken. Wie würde dir das gefallen?“

    Aus „Alice im Spiegelland“ von Lewis Carroll — 1923

    1, Kapitel: Das Spiegelhaus

  2. Lass mich dein Spieglein sein, der sagt: Du bist die Schönste im ganzen Land!
    Und weil er weiser als deine Therapeutin ist, und sich noch lange nicht auf’s Altenteil setzen will, fügt er hinzu: Der Idiot hat dich nicht verdient, und du findest jemanden, der dich ganz und gar mit Haut und Haar liebt. 🙂
    ein vergnügliches Wochenende wünsch ich dir,
    Dagmar

  3. Liebe Pagophila,

    das kann ich gut nachvollziehen, dieses Gefühl „nicht gut genug“, nur zweite Wahl gewesen zu sein – das hinterlässt Wunden. An meinen habe ich die letzten Monate geknabbert. Aber eines Morgens war die Einsicht da: Ich bin Schneewittchen. Und ich hab was besseres verdient.

    Und je nachdem, wie man beigebracht bekommt – da gibt es eine, die schöner, besser, interessanter, neuer bist als Du – je nachdem gibt es auch nichts zu verzeihen. Darüber solltest Du Dir – ohne dass ich die Umstände kenne – keine Gedanken machen. Er hat dich einfach nicht verdient. Du hast das nicht verdient.

    Gib ihm die goldene Kugel und trage die Krone aufrecht!

    Herzlichst, Birgit

    1. Ich bin froh, dass es noch mehr Schneewittchen im Lande gibt, aber lasst uns selbst aus dem Sarg klettern. Mich selbst zu lieben, so selbsthelferisch es auch klingt, war die beschwerlichste Reise in meinem Leben und ich bin noch nicht ganz angekommen, aber jedenfalls werde ich niemandem mehr erlauben, mich respektlos zu behandeln oder zu entwürdigen (zeigt den Finger allen die es versuchen).

      Birgit, dir wünsche ich einen wahrhaften und spannenden Neuanfang und ein Besinnen auf dich selbst und alles was dir Freude und Glück bringt.

      Liebe Pagophilia, Verzeihen ist gleich Loslassen, so schwer es auch ist. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Glücklichsein die beste Rache ist, daran arbeite ich 🙂

      Freu mich so Euch hier auf WP getroffen zu haben,
      Dagmar

      1. Danke, Dagmar, ja, it’s a long way, und Deine Mona-Lisa-Geschichte ist eine wunderbare Ergänzung, finde ich. Es irgendwann satt zu haben, einem Bild von sich zu entsprechen, das längst überholt ist, und sich vom Acker (oder von der Wand..;-) zu machen, ist schon viel mehr als nur der erste Schritt, denn auch während wir in unseren gläsernen Särgen schlafen, geschieht ja etwas mit uns. Am Ende müssen wir uns aber selber wachküssen! Und, ja, ich freue mich auch, Dich getroffen zu haben und Deine wunderbaren Geschichten lesen zu dürfen..:-)

        1. Und ich die deinen! Das hast du grossartig gesagt, nicht mehr einem Bild von sich zu entsprechen, weil es überholt ist und von vornherein Mist war. Bei mir hat’s mit dem Selberwachküssen lange gedauert, aber better late than never. Die ersten 40 Jahre waren ziemlich miefig, aber die nächsten 40 werden dafür umso besser. Wir halten uns gegenseitig auf dem Laufenden von wegen Liebe und so 🙂
          Dicker Valentinsdrücker von mir,
          Dagmar

    2. Liebe Birgit, meine Geschichte liegt schon viel länger zurück als Deine, und ich weine der Person eigentlich keine Träne mehr nach. Aber wie sich die Missempfindungen verselbständigen und ihre Finger in noch ältere Wunden legen, das beschäftigt mich immer wieder. Wie so manches Selbstbild, das ich wie ein Brandzeichen auf der Haut mit mir herumtrage, immer wieder aufscheint und ich mir immer wieder sagen muss, das bin ich nicht. Nicht mehr. Aber wie heißt so schön: La reine est morte, vive la reine. In diesem Sinne..:-)

  4. Meine Einsicht (???) ist, dass wir es doch selbst sind, die denken, wir wären nicht gut genug. Ein Mensch kann nicht zur Liebe überredet werden. Und ist es Euch nicht auch selbst schon passiert, dass Ihr blöd geworden seid, weil ein/e anderer/andere Euch unbedingt wollte, nur Ihr eben nicht und garstig ward, um da raus zu kommen? Mir ist das mal passiert, weil ich mich so wahnsinnig in die Enge getrieben fühlte, und das bei einem Mann, den ich mehr als die meisten anderen geschätzt habe. Ziemlich dumm gelaufen, zumal er gestorben ist, bevor ich das wieder grade biegen konnte. Der hat bestimmt gedacht, ich fände ihn nicht gut genug. Dabei gehört er zu den Sternen, denen ich im Leben begegnet bin.

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