Das Vorhandensein und das Fehlen der Zukunft

Jules_Bastien-Lepage_Johanna_von_Orleans_1879
Jules Bastien-Lepage, „Johanna von Orleans“ (1879)

Drei durchscheinende Engel schweben in der oberen linken Hälfte des Gemäldes. Sie haben Jeanne, die an einem Webstuhl im Garten ihrer Eltern gearbeitet hat, soeben aufgerufen, Frankreich zu retten. Ein Engel hält seinen Kopf in den Händen. Jeanne scheint auf den Betrachter zuzuwanken, einen Arm ausgestreckt, vielleicht in der Verzückung des Gerufenwerdens Halt suchend. Anstatt Zweige oder Blätter zu packen, scheint ihre Hand, die sorgfältig in der Sichtachse eines der anderen Engel platziert ist, sich aufzulösen. Laut dem Begleittext des Museums wurde Bastien-Lepage angegriffen, weil es ihm nicht gelungen sei, das Ätherische der Engel mit dem Realismus des Körpers der künftigen Heiligen zu versöhnen, aber ebendieses „Misslingen“ macht es zu einem meiner Lieblingsgemälde. Es ist, als erzeugte die Spannung zwischen der metaphysischen und physischen Welt, zwischen zwei Ordnungen von Zeitlichkeit, eine Störung in der Matrix des Bildes; der Hintergrund verschluckt Jeannes Finger. Während ich an jenem Nachmittag mit Alex dort stand, wurde ich an das Foto erinnert, das Marty in „Zurück in die Zukunft“, entscheidender Film meiner Jugend, mit sich führt:

Back to the Future - Photo

Während Martys Zeitreise die Vorgeschichte seiner Familie zerrüttet, beginnen er und seine Geschwister auf dem Foto zu verblassen. Nur ist es hier [bei Jeanne] etwas Vorhandenes, nicht etwas Fehlendes, das ihre Hand zersetzt: Sie wird in die Zukunft gezogen.

Ben Lerner, „22:04“

Nachtrag:

„Und weil man nicht spürt, welche Entscheidung die richtige ist, steht man still, wächst zitternd in den Boden bis die Lawine einen überrollt…“

Mützenfalterin

Advertisements

10 Gedanken zu “Das Vorhandensein und das Fehlen der Zukunft

  1. „Es ist besser, auszubrennen – als langsam zu verblassen.“ Soll Kurt Cobain gesagt haben, der mit 27 Jahren an der (selbst-) so genannten „Cobain’s Disease“ starb.

    „I don’t have the passion anymore, and so remember, it’s better to burn out than to fade away.“

    1. Vielleicht ists ja angenehmer, langsam zu verblassen… ich möcht lieber in Leidenschaft verbrennen…aber wer weiß schon darüber wirklich was Genaues…

      1. Da magst Du Recht haben – Kurt wurde mit einer Überdosis H und einem Kopfschuss aus seiner Selbstladeflinte erst drei Tage nach seinem Tod in der Garage gefunden.

        Ob man das als langsames Verblassen bezeichnen Kann – bezweifele ich.

        1. Ach, Kurt, der hat wohl schon zu Lebzeiten an mindestens zwei Enden gebrannt, der konnte gar nicht langsam verblassen – ich mein ja nur, ich sag immer so leichtfertig, daß ich lieber verbrennen würde…aber wenn ich mir Kurts grausiges Ende vorstelle…

  2. Ein wirklich spannender Beitrag durch die Gegenüberstellung von Verblassen in diesem Bild und im genannten Film.

    Das Bild war mir unbekannt, doch den Film besitze ich auf DVD. Den Film könnte ich mir noch einmal anschauen…

    Was bewirkt gefühlsmäßige Zeitwahrnehmung? Wie intensiv kann man in der Zeit „reisen“?

    Es gibt ja diese Zerrissenheit in Entscheidungsphasen und auch das Nachtrauern über ungelebtes Leben ebenso, wie ein zwingendes sich gedrängt fühlen zu einem Handeln, obwohl man es nicht erklären kann und die „Vernunft“ anders entscheiden würde.

  3. Liebe Pagophila, die Bilder geben immer mehr Rätsel auf, je öfter ich sie betrachte…außerordentlche Sogwirkung des ersten Bildes, kann mich kaum entziehen! Dank Dir , da hab ich echt zu tun, denn ich liebe ja Geheimnisse!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s