Tabu

Sobald sich das Licht der Farben
Grün, Rot und Blau
in gleicher Weise mischt
erscheint es uns als Weiß.

Farbenlehre nach Helmholtz

An einem hellen Frühlingstag des Jahres 1838 wurde in Paris auf dem Boulevard du Temple eine neue Wirklichkeit erschaffen. Sie veränderte das Sehen, das Wissen und die Erinnerung der Menschen. Und schließlich veränderte sie die Wahrheit.

Daguerre war ein französischer Theatermaler. Er wollte Kulissen herstellen, die aussehen wie die Wirklichkeit selbst. Durch ein Loch in einem Holzkasten ließ er Licht auf jodierte Silberplatten fallen. Quecksilberdämpfe machten sichtbar, was sich vor dem Kasten befand. Aber es dauerte lange, bis die Silbersalze reagierten: Pferde und Spaziergänger waren zu schnell, Bewegung war noch unsichtbar, das Licht gravierte nur Häuser, Bäume und Straßen auf die Platten. Daguerre hatte die Fotografie erfunden.

Auf seinem Foto von 1838 ist in den diffusen Schatten der Kutschen und Menschen merkwürdig deutlich ein Mann zu erkennen. Während alles um ihn rast, steht er still, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Nur sein Kopf ist verschwommen. Der Mann wusste nichts von Daguerre und seiner Erfindung, er war ein Passant, der sich die Schuhe putzen ließ. Der Apparat konnte ihn und den Schuhputzer sehen – es waren die beiden ersten Menschen auf einem Foto.

Pariser Straßenansicht (Boulevard du Temple), Daguerreotypie von Louis Daguerre
Louis Daguerre, „Pariser Straßenansicht“(Boulevard du Temple, 1838)

Sebastian von Eschburg hatte oft an den bewegungslosen Mann und seinen zerfließenden Kopf gedacht. Aber erst jetzt, erst nachdem alles geschehen war und niemand die Dinge mehr rückgängig machen konnte, verstand er es: Dieser Mann war er selbst.

Ferdinand von Schirach, „Tabu“

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8 Gedanken zu “Tabu

  1. Liebe Pagophila,

    es ist geradezu unglaublich, dass Du heute dieses Bild von Daguerre und dem ersten Menschen auf einem Foto hier veröffentlichst. Ich schreibe im Moment an eienm Text darüber. Das Bild ist seit langer Zeit ein Faszinosum für mich. Dieser unbekannte Mann, der sich die Schuhe putzen lässt, nichtsahnend, dass er so etwas wie der erste Mensch auf dem Mond sein wird. Mich macht das Foto immer wieder sehr traurig. Es berührt etwas in meinem tiefsten Inneren, was ich gerade heute versuchen wollte in Worte zu fassen. Vergänglichkeit und Gegenwart.

  2. Zauberhafte Tikerscherk, das Buch ist mir erst gestern in die Hände gefallen, und nachdem ich den ersten Absatz gelesen hatte, war ich auch schon darin gefangen, was mir eigentlich sehr selten passiert. Allein die Fotografie schafft es immer wieder, mich in ihren Bann zu ziehen. Um so mehr freue ich mich auf Deine Gedanken zu diesem Bild.

  3. So eine geheimnisvolle Geschichte, spüre eine eigenartige Wehmut beim Anschauen dieses Fotos, weiß nicht, was es ist.

  4. Mir ist, als müsse ich den Mut haben, zu begreifen, daß alles sich auflöst, während wir hinschauen…während wir im Vordergrund emsig beschäftigt sind, löst sich der Hintergrund schon auf…ja, irgendwie so…

    1. Ja, ich glaube genauso ist es mit dem Hintergrund und uns vorn. Das erinnert mich auch an Roland Barthes und seine Camera Lucida. Ich hatte immer das Gefühl, das alles und alle, die ich nicht direkt sehen kann, eigentlich nicht wirklich existieren. Nur der Mensch der gerade vor mir steht/sitzt/liegt, ist wirklich da.

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