Excursion into Philosophy

Mark Strand vermag Edward Hopper’s Excursion into Philosophy kaum etwas abzugewinnen. Hopper’s Frau soll einmal gesagt haben, das aufgeschlagene Buch sei Platon, zu spät noch einmal gelesen. Ein Kritiker berichtet, Hopper selbst habe über den Mann die Bemerkung fallen lassen, dieser habe Platon erst recht spät in seinem Leben gelesen. Strand selbst kann nicht erkennen, welchen Schaden es überhaupt anrichten sollte, Platon zu lesen. Und so endet seine Betrachtung mit den Worten:

Das Leben des Geistes gegen das Leben des Körpers? Das Spirituelle gegen das das Physische? Die streng gerunzelten Brauen des Mannes wirken immer mehr übertrieben und das grob gemalte Gesäß der Frau wie ein Witz.

Wieso, weshalb, warum ausgerechnet Platon? Denn auch von jener Spielart der Liebe, die nach ihm benannt und von seelischer Zuneigung geprägt ist, also auf den Respekt vor der Person des geliebten Menschen gründet, ist in Hoppers Bild wenig zu spüren. Philosophie aber, wie Platon sie versteht, ist selbst eine Weise des Eros, ist vom Wesen her Liebe. Der tiefere Sinn der platonischen Liebe besteht in der Überführung des sinnlichen Begehrens in eine höhere Form des Verlangens. Der Eros, wie Platon ihn versteht, ist Streben nach dem Urbild, nach der Idee des Schönen. Das eigentlich Wirkliche im Wirklichen sind nicht die Dinge, die das Schöne verkörpern, sondern jenes Urbild des Schönen, das in ihnen aufscheint. Die Dinge sind nur die Abbilder der Idee und vergänglich. Die Idee selber jedoch währt ewig. Nur, woher stammt das Urbild, das wir immer schon vor Augen haben, wenn wir das Wirkliche erkennen? Platon erklärt ihren Ursprung anhand eines Bildes, das unser Dasein vor unserer Existenz auf Erden beschreibt, die Seelen im Gefolge der Götter oberhalb des Himmelsgewölbes, wie sie die Urbilder alles Wirklichen erblicken:

Zeus, der große Fürst im Himmel, zieht als erster aus, seinen geflügelten Wagen lenkend; er ordnet alles und sorgt für alles. Ihm folgt ein Heer von Göttern und Dämonen. [Ihnen schließen sich auch die menschlichen Seelen an, als Zwiegespann mit einem Wagenlenker. Sie] fahren, wenn sie zur Höhe gekommen sind, hinaus und betreten den Rücken des Himmelsgewölbes. Wenn sie dort anhalten, führt sie der Umschwung herum, und sie schauen, was außerhalb des Himmelsgewölbes ist. [Der Geist] einer jeglichen Seele, die in sich aufnehmen will, was ihr gemäß ist, sieht so von Zeit zu Zeit das Sein. Er liebt und schaut das Wahre, nährt sich von ihm und genießt es, bis der Umschwung im Kreise wieder an dieselbe Stelle zurückgekehrt ist. Während des Umlaufs aber betrachtet er die Gerechtigkeit selbst, betrachtet die Besonnenheit, betrachtet die Erkenntnis… und das übrige wahrhaft Seiende und labt sich daran. Dann taucht die Seele wieder ein in den Bereich unterhalb des Himmelsgewölbes und fährt nach Hause…

Erkennen ist also Wiedererinnern. Dem Schönen kommt dabei eine besondere Bedeutung bei:

…Wenn einer die Schönheit hier sieht und sich dabei an das Wahre erinnert, wird er mit Flügeln versehen, und so geflügelt sehnt er sich danach, sich hinaufzuschwingen. Das aber vermag er nicht. Darum blickt er nur wie ein Vogel nach oben und vernachlässigt, was unten ist. Dann beschuldigt man ihn, er sei wahnsinnig. Das aber ist der beste aller Enthusiasmen. Doch ist es nicht einer jeden Seele leicht, sich von den Dingen her wieder daran zu erinnern: weder denen, die herabgestürzt und dort nur kurz geschaut haben, noch denen, die herabgestürzt und dabei verunglückt sind und sich nun in fragwürdigem Umgang der Ungerechtigkeit zuwenden und das Heilige vergessen, das sie dort geschaut haben. Nur wenigen bleibt eine ausreichende Erinnerung. Wenn diese aber etwas erblicken, was dem ähnlich ist, was sie dort gesehen haben, geraten sie außer sich und sind nicht mehr ihrer selbst mächtig.

Wilhelm Weischedel, „Die philosophische Hintertreppe“

Die Kunsthistorikerin Gail Levin interpretiert Hoppers Excursion in Philosophy so:

Plato’s philosopher, in search of the real and the true, must turn away from this transitory realm and contemplate the eternal Forms and Ideas. The pensive man in Hopper’s painting is positioned between the lure of the earthly domain, figured by the woman, and the call of the higher spiritual domain, represented by the ethereal lightfall. The pain of thinking about this choice and its consequences, after reading Plato all night, is evident. He is paralysed by the fervent inner labour of the melancholic.

Gail Levin, „The Complete Oil Paintings of Edward Hopper“

Studenten der Ohio University, deren Aufgabe es war, ein 2 – 3minütiges Video zu drehen, in dem die letzte Szene sich mit einem Gemälde von Edward Hopper decken sollte, haben Platon kurzerhand durch Faulkner ersetzt:

They say love dies between two people. That’s wrong. It doesn’t die. It just leaves you, goes away, if you aren’t good enough, worthy enough. It doesn’t die; you’re the the one that dies. It’s like the ocean: if you’re no good, if you begin to make a bad smell in it, it just spews you up somewhere to die. You die anyway, but I had rather drown in the ocean than be urped up onto a strip of dead beach and be dried away by the sun into a little foul smear with no name to it, just this was for an epitaph.

William Faulkner, „The Wild Palms“

Am Ende stellt sich mir die Frage, welche Bedeutung es haben könnte, Platon erst spät oder zu spät noch einmal zu lesen.

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