Becoming a Vermeer

Diese helle Freude, wann immer mir ein Vermeer begegnet, was will sie mir sagen?

Ein Tag kann eine Perle sein / Und hundert Jahre – Nichts!“, schreibt Gottfried Keller über die Zeit. Und der Guardian über Gerhard Richters Lesende: “He snaps his daughter reading a letter, meditative in the sunshine, and she becomes a Vermeer.”

Bündele das verfügbare Licht, gieße alle Hingabe in den Moment und werde zu einem Vermeer. So einfach ist das.

A thin place ist ein alter keltischer Ausdruck für einen Ort, an dem der Schleier zwischen Himmel und Erde fast transparent ist. Und in den hebräischen Schriften gibt es eine Erzählung, nach der sich Gott anlässlich dramatischer Ereignisse erst recht nicht zu erkennen gibt, selbst wenn wir uns gerade in solchen Momenten besonders danach sehnen. Dagegen tritt er als kaum wahrnehmbares Flüstern in Erscheinung, in a thin silence, da, wo wir ihn am wenigsten vermuten und vermeintlich brauchen würden.

Vermeer übte keine Gesellschaftskritik. Seine Frauen sind keine ausgemachten Schönheiten wie die Mona Lisa oder Botticellis Unvergleichliche. Die Sujets gleichen sich, unterscheiden sich lediglich in dem, was seine Figuren gerade tun und worin sie so ganz und gar aufgehen. Wie der Maler selbst, vermutlich.

Ich möchte mein Ohr an diese Bilder legen. Ich würde zu gerne jenes kaum wahrnehmbare Flüstern vernehmen, das Vermeer in ihnen eingschlossen hat und das die Jahrhunderte überdauert wie die Inklusen zartgeflügelter Insekten in Bernstein.

„Ein Etwas, form- und farbenlos, / Das nur Gestalt gewinnt, / Wo ihr drin auf und nieder taucht, / Bis wieder ihr zerrinnt.“

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11 Gedanken zu “Becoming a Vermeer

  1. Was für ein wundervoller Text und großen Dank für den Ausdruck „a thin place“! Ich kannte diese Redewendung noch nicht, freue mich sehr darüber und werde Deine Worte mitnehmen, wenn wir (ein paar vertraute Frauen) in der Nacht zum 1. Mai an einen Ort gehen, der manches Mal schon ein „thin place“ war, um in die Nacht zu horchen. Ja, und dieser Vermeer, fast erscheint es mir so, als sollten wir da hineingehen in diesen Raum…viele liebe Grüsse

  2. „Bündele das verfügbare Licht, gieße alle Hingabe in den Moment und werde zu einem Vermeer. So einfach ist das.“ Ist das schön! Ach, würdest du diesen wunderbaren Text hier vorlesen…

  3. „Ich möchte mein Ohr an diese Bilder legen. Ich würde zu gerne jenes kaum wahrnehmbare Flüstern vernehmen, das Vermeer in ihnen eingschlossen hat und das die Jahrhunderte überdauert wie die Inklusen zartgeflügelter Insekten in Bernstein.“ berührt sitze ich hier und lausche … danke

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