Nur die notwendigen Bewegungen.

Ich habe dieses Buch in meinen Regalen wiedergefunden. Ich habe keine Erinnerung daran, es gelesen zu haben. Ich weiß, dass ich es getan habe, dass ich es war, die es gelesen hat, ich erkenne meine Unterstreichungen wieder, doch ich sehe mich nicht beim Lesen dieses Buches.

So ähnlich beginnt Der Schmerz von Marguerite Duras. (Immer wenn die Mützenfalterin sie erwähnte, wollte ich es einmal wiederlesen.) Ich habe es am 18.03.1986 gekauft, und möglicherweise war es das letzte Buch, bevor ich lange Zeit keines mehr gelesen habe.

Man darf nicht allzu viele Bewegungen machen, das ist vergeudete Energie, man muß alles Kräfte für das Martyrium aufsparen… – Auf den Straßen sind viel zu viele Leute, ich möchte in einer großen Ebene vorwärtsgehen, allein… – Jene, die von Allgemeinheiten leben, haben nichts mit mir gemein… – Sie haben das spezifische Lächeln von Frauen, die wollen, daß man ihre große Erschöpfung wahrnimmt, aber auch ihre Anstrengung, sie zu verbergen…

Ein paar der Unterstreichungen, die mir auf den ersten Seiten wiederbegegnet sind.

Nun lässt der Frühling sein blaues Band wieder flattern, nicht nur in der Natur, auch in der Stadt flattert wieder blütenzarte Wäsche durch die Lüfte, und selbst das Summen der Motoren vernimmt sich plötzlich viel verführerischer als den ganzen Winter über, streift wie etwas von Sehnsucht erfülltes ahnungsvoll das Ohr. Wie jedes Jahr schlägt die Frühjahrsmanie allerorten bei mir ins Gegenteil um. Als müsste ich mich mit Händen und Füßen gegen einen gut gemeinten Ratschlag zur Wehr setzen. Während sich unter immer noch winterhartem Tweed welke Haut in Falten legt, denke ich dann beim Anblick der wehenden Wäsche im Wind.

In die Notwendigkeit des Häutens und Hüllenabwerfens muss ich mich erst wieder einfinden. So lange es irgendwie geht, weiche ich dem aus, verfolge lieber die seichte Fährte des Lichts schweifend im milchigen Mittag. Auch schön. Zu sehen, wie sie von Woche zu Woche länger wird.

…sobald das Leben wieder zu uns zurückkommt, finden sich auch alle Chancen wieder.

Knausgårds Sterben vorerst auf Eis gelegt.

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5 Gedanken zu “Nur die notwendigen Bewegungen.

  1. Das Frühlingsgetriebe also kontraproduktiv?
    Was ich kenne, ist eine abgrundtiefe Müdigkeit, mit der man gleich ins bekannte Raster fällt. Macht aber nix!

  2. Mir fallen die saisonalen Häutungen auch immer schwerer …….. immer wenn ich denke, bleib doch so wie es ist, ist schon wieder Wechsel angesagt ….. Trotzdem, Duldsamkeit hilft dabei

  3. Vielleicht hat diese innere Verweigerung der „Frühjahrsmanie“ damit zu tun, dass dem Dazwischen, von dem du in deinem nächsten Blogbeitrag sprichst, zu wenig Raum gewährt wird. Mir kommt es manchmal so vor, als sei „früher“ mehr Übergang gewesen und weniger direkt vom Winternantel ins Kurzärmelige. Vielleicht täusche ich mich aber auch … Jedenfalls ist mir der Unterschied häufig zu krass, fehlt mir ein sanfter Übergang, ein Dazwischen, in dem man Zeit hat, ganz gemächlich das Alte ab- und das Neue überzustreifen.

  4. „…und selbst das Summen der Motoren vernimmt sich plötzlich viel verführerischer als den ganzen Winter über, streift wie etwas von Sehnsucht erfülltes ahnungsvoll das Ohr.“
    Ein wunderbarer Satz- ich kann hören was Du schreibst.
    Das blaue Band des Frühlings färbt selbst die karstigen Geräusche ein, verzaubert sie in Töne und Klänge, die zusammen die Melodie des Frühlings spielen. Seufz.

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