Von Erinnerungen

Theodore Shaw, "Dutch Scene"
Theodore Shaw, „Dutch Scene“

Im Zeitmagazin vom 28. Februar 2015 erzählt Liv Ullmann unter der Rubrik Ich habe einen Traum von der einzigen Erinnerung, die sie an ihren Vater hat. Berührend. An meinen Vater habe ich viele Erinnerungen. Ich wünschte, es wäre eine gute dabei.

Mein Vater war Zahnarzt, und ich hatte von Geburt an schlechte Zähne. Die waren wohl nicht das einzige, was ihn an mir gestört haben mag. Meine Mutter meint, er hätte doch meine schmalen Schultern  und nicht nur meine krausen Haare sehen können. (Die krausen Haare hatte ich von ihrem Vater, die schmalen Schultern von seiner Mutter.) Für schwere Lasten waren diese Schultern nie gemacht, und nur mit einer Prise Galgenhumor lässt es sich nach jedem Niederschlag wieder aufstehen.

An den ersten erinnere ich mich nicht, doch es gibt diese Anekdote, nach der ich eine Ohrfeige meines Vaters, die mich zur Räson bringen sollte, mit einem Gegenschlag konterte. Ich war noch sehr klein und unbedarft, die Situation entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn ich lachte meinem Gegner den Erzählungen zufolge dabei schamlos ins Gesicht. Den Ernst der Lage galt es erst noch zu begreifen. Dass er es todernst meinte, war mir längst klar, als er zum letzten Mal handgreiflich wurde, mir seine Hände um den Hals legte und damit den Morddrohungen aus seinem Munde den nötigen Nachdruck verlieh. Dabei hatte er selber rein gar nichts begriffen. Ich war längst so eingeschüchtert, dass ich mich nichts von alledem traute, was für andere Mädchen meines Alters selbstverständlich war. Nur um sein Missfallen nicht zu erregen, tapezierte ich die Wände meines Zimmers statt mit männlichen Konterfeis mit Bildern schöner Frauen: Greta Garbo, Katherine Hepburn, Ingrid Bergman, Romy Schneider, Liv Ullmann. All die Frauen, die nicht nur schön waren, weil sie hübsche Gesichter hatten. Was sich am Ende als ebenso großer, wenn nicht größerer Fehler erwies, lieferte ich ihm damit doch den augenfälligen Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Selbst meine schulischen Leistungen bereiteten ihm Anlass zur Sorge, wenn ich meiner Mutter Glauben schenken darf. Die waren zwar vorzeigbar, legten jedoch die Befürchtung nahe, dass ich ihm eines Tages geistig überlegen sein würde.

Das Geistige. Mein Vater hat mir vieles genommen, und noch heute stehe ich manchmal der Macht gegenüber, mit der er meine Gefühle kontrolliert hat. Hilflos. Nur die Welt in meinem Kopf, die um so vieles schöner und wirklicher war als die mich umgebende Realität, die entzog sich seinem Zugriff. Das war meine Rettung. Dieses Kind, ich wüsste nur zu gerne, was es denkt. Dieses Kind, dem nichts anderes übrig blieb, als um sich eine Aura von geistiger Abwesenheit zu erschaffen. Please, don’t bother trying to find her, she’s not there. Mag sein, dass er mir ausgerechnet den Sinn für die Kunst mitgegeben hat. Schöne Dinge hat er geliebt und sie am Ende doch zerstört. Vor seinen unkontrollierten Wutausbrüchen war nichts und niemand sicher.

Irgendwann bekam ich nach langem Bitten und Betteln endlich ein eigenes Radio, ein lumpiges Transistorradio zwar, kaum größer als die ersten Mobiltelefone, aber egal, ich war überglücklich. Bis dahin hatte ich mir am Abend, wenn ich durfte, das Kofferradio aus der Küche mit in mein Zimmer genommen. (An ein Stück, das damals im Dunkel der Nacht durch den Äther waberte, erinnere ich mich ganz besonders: „Spain“ von Chick Corea.) Jetzt konnte ich überall Radio hören, das Ding wurde zu meinem ständigen Begleiter. Nur, so hatte sich mein Vater das nicht gedacht. Als ich eines Tages damit aus dem Bad kam, griff er nach der Antenne, hob in einer archaischen Geste seinen Arm und zertrümmerte den kleinen Weltempfänger mit einem Schlag auf dem Boden. Das war’s. Von da an traute ich mich nicht einmal mehr, nach dem Radio in der Küche zu fragen.

Die letzten Worte, die mein Vater zu mir sagte, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, waren: „Geh weg. Mach die Tür zu.“ Das tat ich dann auch. Erleichtert. Geblieben sind mir nur traurige Erinnerungen, die von Zeit zu Zeit am Horizont aufscheinen, und keine, die gut und stark genug wäre, sie zu ersetzen. Wenngleich ich sie immer wieder umarrangiere, ändere ich damit nur das Erscheinungsbild des Schmerzes. Nur der Schmerz verfügt über eine schier unendliche Zahl von Masken. Nicht dass ich ihn noch spüren würde, wenn ich an meinen Vater denke. Nein. Die Gestalt, die dort in weiter Ferne an einem anderen Ufer steht, ist viel zu weit weg. Nein. Der Schmerz hat sich selbständig gemacht. Die Gesichtsnervenneuralgie, die sich bei mir in chronischen Zahnschmerzen manifestiert hat, ist nur eine der vielen Masken, die er sich immer wieder aufsetzt. Keine besonders phantasievolle in meinem Fall, by the way. Lebe damit. Wie T. C. Boyle im Interview mit Günter Keil sagt:

Weil das die Realität ist, weil wir alle in einem ganz und gar willkürlichen Universum leben. Die Grausamkeit schlägt bei jedem von uns zu. Und wir sind dazu verurteilt, ein illusorisches und viel zu kurzes Leben zu leben.

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5 Gedanken zu “Von Erinnerungen

  1. Hier fällt Kommentieren schwer. Erziehung oder das was davon übrigbleibt, das prägt. Den Menschen, sein Denken, sein Tun, seinen Umgang, hierbei alle Betroffene.
    Man muss, meine ich, sehr bewusst leben, nicht in den Tag hinein, um es gut zu machen. Nicht nur gedankenlos dem Üblichen folgen. Gleichgültigkeit im Alltag kann zerstörerisch sein.
    Wie kann man dauerhaft aus sich herausgehen, wenn man dauerhaft erniedrigt wurde? Ich weiß es nicht. Da sind wir wieder beim Bewusstsein. Es ist mitunter jedes Mal ein Kraftakt. Den braucht es tagtäglich, im Privaten wie im Beruflichen.
    Wenn dein Text etwas Gutes in sich trägt, dann vielleicht die Vermittlung des Bewusstsein, dieses auch zu nutzen, nicht in der Gleichförmigkeit und Gleichgültigkeit des Alltags unterzugehen.
    Man tut es auch für sich selbst, nicht nur für das was nach uns kommt.

  2. Sehr berührend, sehr traurig. Ich finde es immer wieder erschreckend, wie gedankenlos Eltern ihre Kinder lebenslang verletzen können. Natürlich macht mir das auch Angst, wer weiß, welche Verletzungen ich unbewusst meinen Kindern bereits zugefügt habe.
    Um die Ohnmacht auszuhalten, angesichts von so viel Ungerechtigkeit, jedes Mal, wenn ich etwas höre oder lese, was nicht sein sollte, frage ich nach dem Sinn. Vermutlich eine sehr dumme Reaktion. Mein jüngerer Sohn hat letztens ein Buch von einer Überlebenden von Theresienstadt mitgebracht, wir haben es gemeinsam gelesen und uns dann darüber unterhalten, dass es vermutlich sehr schwer für dieses Mädchen gewesen ist, weiterzuleben nach all den Erfahrungen. Aber sie hat davon erzählt, vielleicht hat sie überlebt, um davon erzählen zu können. Und auch Du erzählst von Deinen Verletzungen, von den Ungerechtigkeiten, die Dir widerfahren sind. Dieser Widerstand des davon Erzählens ist trotz aller Betroffenheit und Trauer über das Geschehene, ein Trost.

  3. Das macht mich betroffen und traurig, wenn ich so etwas lese und, ich gebe es auch zu, es macht mich wütend, weil niemand dir damals geholfen hat, selbst deine Mutter, nahe Verwandten, Nachbarn und Lehrer nicht. – Ich bewundere deine Stärke, wie du es damals geschafft hast, dich durchzukämpfen und dadurch zu überleben. Und ich bewundere auch deine Stärke heute, dass du darüber schreiben und dich dadurch mit deiner Kindheit auseinandersetzen kannst. Von Herzen wünsche ich dir alles Gute.

  4. Immer wieder zu erzählen von den menschentief so tief eingegrabenen Erfahrungen macht es möglich, Wunden zu schließen, sich fürsorglich um die Narbenpflege zu kümmern. Man kann ganz gut so leben!

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