Die Kleine Bijou

Erwin Blumenfeld, "Sleeping face of Marua Motherwell" (1941)
Erwin Blumenfeld, „Sleeping face of Marua Motherwell“ (1941)

Ich war in einem großen Glaskäfig. Ich habe mich umgeblickt: andere Glaskäfige, bestückt mit Aquarien. […] In den Aquarien schienen Schatten sich zu bewegen, Fische? Ich hörte, stärker und stärker, das Brausen von Wasserfällen. Lange war ich eingeschlossen gewesen in Eis, und jetzt schmolz es und floß weg. Ich fragte mich, was diese Schatten in den Aquarien wohl darstellten. Später wurde mir erklärt, es habe keinen Platz mehr gegeben, und so sei ich in den Saal der Frühgeburten gelegt worden. Noch lange habe ich das Brausen der Wasserfälle gehört, als ein Zeichen, daß auch für mich, von diesem Tag an, das Leben begann.

Patrick Modiano, „Die Kleine Bijou“

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8 Gedanken zu “Die Kleine Bijou

      1. Dass das Leben kein Ponyhof ist das weiß ich ja. Möglicherweise stelle ich mir auch nur die Frage nach dem Sinn. Vielleicht bin ich da etwas zu empfindlich um mich an den guten Ende zu erfreuen. Ein Happy End… immerhin. Nein, um das Happy End geht es mir nicht. Ich habe den Weg dort hin wohl nicht verstanden. Und dann überwiegen für mich die Bilder… und die finde ich grauselig.

        1. Zugegeben, mich haben sie an eine gruselige Szene im Film „Matrix“ erinnert und dabei gleichzeitig fasziniert. Geboren- oder Neu-Geboren-Werden geschieht nicht schmerzlos, darum geht es vielleicht.

  1. Ich muss ehrlich gestehen, dass die Zitate aus „Die Kleine Bijou“ mich weniger in den Bann ziehen als die anderen, die du bisher von Modiano zitiert hast, etwa aus „Gräser der Nacht“. Ich habe noch keines seiner Bücher gelesen, aber nach deinen ersten Zitaten wollte ich das unbedingt, weil seine Beschreibungen, wie Erinnerung passiert, mir sehr gefallen haben. Steckt das hier weniger drin? Was ist dein Urteil zu diesem Buch im Vergleich zu den anderen?

    1. Die Kleine Bijou ist vielleicht insofern ein bisschen anders, als der destruktive Charakter, den Erinnerungen haben können, wenn sie einen verfolgen (oder umgekehrt: man sie nicht loslässt) im Vordergrund steht. Der Schluss ist also so etwas wie ein Happy End. Ich fand ihn schön, wie mir überhaupt das Mädchen auch beim Lesen sehr nah war, vielleicht sogar näher, als andere Figuren bislang.

      1. „…der destruktive Charakter, den Erinnerungen haben können, wenn sie einen verfolgen (oder umgekehrt: man sie nicht loslässt)“ Das kann ich so verstehen. Danke dafür! mick.

      2. Interessant! Ich werde wohl noch etwas Zeit brauchen, bevor ich mich mit Modiano beschäftige. Vielleicht ist es auch so, dass mich Erinnerungen gar nicht verfolgen, weil ich sie noch nicht einmal zulasse. Wie dem auch sei, ich bin schon an seinem Werk interessiert und finde, dass er oft schöne Bilder entwirft und auch ein sehr guter Beobachter ist. So wie du!

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