Five Years

Für Asallime: Hörst du drei oder vier Lieder mit mir?

Seine Tage waren schon immer gezählt. Nichtsdestotrotz hielt sich der Schuppen – jahrzehntelang – im Hinterhof eines sanierungsbedürftigen Altbaus. Bis sich am Ende doch noch ein Investor gefunden hat. Heute gibt es das Roxy nicht mehr. Time flies oder: Die Zeit geht nicht, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin…

Zu einer Zeit jedenfalls, als mein Trommelfell noch nicht rebellierte, sobald die Bässe zu vibrieren begannen, zog es auch mich dorthin. Ich war neu in der Stadt. Ich kannte niemanden. Ich dachte, das wäre gut so. Jemanden kennen bedeutete, früher oder später etwas von mir preisgeben zu müssen. Die DJs trugen orangefarbene Overalls wie Gefallene aus einem anderen Orbit. Und erst viel später würde einer von ihnen mein Vorgesetzter sein. Ich habe mich immer gefragt, was aus seinem orangefarbenen Overall geworden ist. Ob er ihn einfach irgendwann abgestreift hat wie eine blutleere Haut oder an die Wand des stillen Kämmerleins genagelt, in dem er noch immer die alten Platten auflegt. Aber als ich dort im Roxy stand, unter jener Glasglocke, die ich nun schon eine ganze Weile mit mir herumschleppte und die, hartnäckig wie sie war, ihren Platz beanspruchte inmitten der Welt da draußen, hatte ich keine Ahnung, wie das Leben sich verlaufen oder, sagen wir, keinen Plan, wie sich das in letzter Minute vielleicht verhindern lassen konnte.

Ziellos ließ ich meine Blicke schweifen, bis sie eines Abends an jemandem hängenblieben, der aussah wie David Bowie, ja, in meiner Erinnerung hat er sogar diese beiden verschiedenfarbigen Augen. Von da an tauchte er immer wieder auf, wie aus dem Nichts, und war auch jedes Mal genau so plötzlich wieder verschwunden. Eine jener creatures of the night, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie meinen Weg tatsächlich gekreuzt haben oder mir nur im Traum begegnet sind. Aber wenn er da war, konnte ich meine Augen nicht von ihm lassen, was mir im übrigen als vollkommen risikoloses Unterfangen vorkam, denn niemals nahm er auch nur irgendeine Notiz von mir.

Heute würde ich ihn als rauchblauen Engel mit einem grauen Flügelpaar malen, don’t think you knew you were in this song, oder als arroganten Schnösel, der sich heimlich genau daran weidete. Wie auch immer, sowohl das eine wie das andere sagt sicher mehr über mich als über die Erscheinung des Menschen, der gemeint ist.

Vielleicht wäre ich irgendwann sogar aus meiner Deckung gekommen, doch von einem Tag auf den anderen war er für immer verschwunden. Ich hatte keinen Namen, nichts. Ich habe ihn einfach nie wieder gesehen, und, um es mit Patrick Modiano zu sagen: Er wird ein Rätsel bleiben, wie so viele andere […] Gesichter, die wir für einen Augenblick entdecken und die in unserer Erinnerung leuchten mit dem Flimmern eines fernen Sterns, bevor sie am Tag unseres Todes erlöschen, ohne ihr Geheimnis preisgegeben zu haben.

And now, Ladies and Gentlemen:

 

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22 Gedanken zu “Five Years

      1. Du darfst 😉
        Die durch deine Wortwahl und die Formulierungen entstehende Atmosphäre. Die ists, die mir gefällt und mich beeindruckt.
        Sonntäglichsonnige Grüsse aus dem klaren Bembelland

  1. Sehr schön, vielleicht bist du in einem Song gefangen und weißt es nicht
    „She looked at me and I had no answer“ oder so…
    Gerade auch wegen Bowie erinnert mich dies an den Film „Velvet Goldmine“, insbesondere die Songs von Venus in Furs. Aber das nur am Rande. Schönen Sonntag!

      1. Psst: Selbst erfunden….
        😀
        (Die Idee kam mir nach einem Bericht über Clapton, der seine Frau, die die frühere Frau von George Harrison war, besungen hat. Diese Dame wurde aber 3x besungen, 3x Welthit.)

  2. Da hast du die Idee wirklich perfektioniert! Was für ein schöner, schöner Text und ein wundervoller Song und du in jeder Zeile, auch wenn man dich nicht kennt. Den Satz zur Glasglocke rahme ich ein und trage ihn von nun an in mir. Danke, liebe Pagophila!

    1. Perfektioniert? Echt? Die Perfektion empfinde ich ja für gewöhnlich als eine der Geißeln, die unter meiner Glasglocke ganz großartig wächst und gedeiht. Nachdem ich bei Dir so ungewöhnlich forsch kommentiert hatte, klopfte auch sofort der vertraute Zweifel an meine Tür, ob ich überhaupt dazu imstande wäre, den Faden aufzunehmen. Dann erzählte mir die Woche ein Freund von der Roxy-Revival-Party, die in einer der hiesigen Diskotheken veranstaltet würde, zu der ich nicht gegangen bin, stattdessen aber diese Stelle bei Modiano las und plötzlich verstand, warum mich sein Universum so gefangen nimmt. Dadurch kam eins zum anderen. Am Ende hatte ich natürlich die Befürchtung, die Idee verfehlt zu haben, aus welchem Grund auch immer. Der Satz von der Glasglocke fiel mir während des Schreibens zu. Anfang 20, Mitte der 80er-Jahre, auf der Suche nach einer Achse, die meinem Leben eine Richtung geben sollte, versuchte ich verzweifelt, sie zu zerschlagen. Vergeblich. Stattdessen wäre ich fast selbst an ihr zerbrochen. Es hätte übrigens auch ein anderes Stück von Bowie sein können, „Space Oddity“ zum Beispiel, „for here am I floating in a tin can“, aber das Video musste passen… so viel abschließend noch einmal zur Perfektion..;-) – Und Dank Dir für den schönen Kommentar, Asal!

      1. Mit Perfektioniert meinte ich wohl vor allem, etwas Wahrhaftiges hinzugefügt. Es ist ein anderes Verständnis von Perfektion als das, was du einschränken findest. Ich weiß, was du meinst…

  3. Wirklich toller Text, der mich mal wieder zum Denken anregt…Wieso gibt es Menschen, die unser Leben durchkreuzen oder einfach nur erscheinen und von uns wahrgenommen werden, aber im Grunde nichts in uns verändern oder tun sie es doch? Wieso vergessen wir diese Person nicht? Wieso erinnern wir uns Jahre später noch an sie, obwohl wir weder Namen noch irgendetwas Konkretes von ihnen kennen? Ich kann mich sehr wohl mit dieser Geschichte identifizieren auch wenn ich selbst nicht die Antworten auf die von mir gestellten Fragen habe. Vielleicht gibt es sie auch nicht oder doch und ich brauche noch einige weitere Jahre, um sie zu finden. Auf jeden Fall ein sehr interessanter und der Song von David Bowie, wie auch das Zitat von Patrick Modiano: einfach gut getroffen.

    1. Vielen Dank für Deinen tollen Kommentar, Ana Cristina! Ja, dieselben Fragen stelle ich mir auch. Vielleicht hat die Erinnerung in dem Fall etwas zu tun mit einer Sehnsucht, die immer noch lebendig ist in mir, die unerfüllt geblieben ist. Aber so genau weiß ich das selber nicht…

  4. Liebe Pagophila, was für ein zu Herzen gehender Text! Ich denke an das Gefühl in eine Stadt zu ziehen, etwas liegt hinter einem und dann will man alles anders machen, bis das Leben wieder seinen Lauf nimmt und schwupps hat man doch wieder etwas von sich preisgegeben, das man so gerne unter Verschluss gehalten hätte- wenigstens ging es mir zweimal im Leben so und ich denke gerade an die kleine blaue Frau, an der ich ja gerade schreibe, sie ist auf einem Schiff, hat alle Fäden hinter sich gekappt und nimmt sich für den neuen Ort vor freundlich zu sein, mehr nicht!
    In mir kommen Glasglockenerinnerungen hoch und auch ich erinnere mich an Menschen, die mir ein-, zwei- dreimal begegnet sind, bis sie verschwanden, wie sie kamen: ohne Namen, es blieb ein Gesicht. Was das ist, das frage ich mich immer mal wieder-

    puh, soviel Kommentar, dabei gäbe es noch viel mehr zu sagen, aber mehr jibbet jetzt nich 😉
    danke auch für diesen wunderbaren Bowiesong

    liebe Grüsse
    Ulli

    1. Liebe Ulli,
      Dein Kommentar ist im Spam gelandet, und ich habe es gerade eben erst bemerkt. Herzlichen Dank nochmals, die kleine blaue Frau von Dir, die ich so gerne mag, und der rauchblaue Engel… welch wundersames zartes Band, danke auch dafür!

  5. zweiter Versuch dir einen Kommentar zu senden:

    Liebe Pagophila, was für ein grossartiger text, so vieles schwingt in mir dazu, die neue Stadt mit Vorsätzen, dieses Mal aber wirklic nichts mehr preiszugeben, was mir hinterher wieder nur auf die Füsse fallen könnte, die Glasglocke und diese mysteriösen Begegnungen, die bleiben, wenn auch immer ohne Namen, mir gefällt der Rauchblaue Engel sehr- danke auch für den grossartigen Bowie-Song
    herzlichst Ulli

  6. Pingback: Liebe | Cool Pains

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