Memento Mori

Jedes Jahr portraitiert Nicholas Nixon seine Frau Bebe und ihre drei Schwestern. Seit nunmehr vierzig Jahren. Das erste Foto entstand 1975 mehr oder weniger zufällig anlässlich eines Familientreffens:

Nicholas Nixon, "The Brown Sisters" (New Canaan/Connecticut, 1975)
Nicholas Nixon, „The Brown Sisters“ (New Canaan/Connecticut, 1975)

Von links nach rechts stehen Heather (23), Mimi (15), Nixons Ehefrau Bebe (25), und Laurie (21). Ein Jahr später, als eine von ihnen ihren Collegeabschluss feiert, fotografiert er die vier kind of on a whim in derselben Anordnung wieder:

Nicholas Nixon, "The Brown Sisters" (Hartford, 1979)
Nicholas Nixon, „The Brown Sisters“ (Hartford, 1976)

Seitdem kommen jedes Jahr fünf Menschen für eine Aufnahme zusammen. Es wechseln die Gesichtsausdrücke und die Posen, die Kleidung und die Haartracht, all jene Attribute also, an denen sich das Vergehen der Zeit ablesen lässt, aber nie die Anordnung. Die Bedeutung, die das Projekt für Nixon persönlich hat, beschreibt er so:

Being an only child, it was really gratifying and lovely to be embraced by this family. There’s still a ground water of affection, and support. I look back at these thirty-some pictures and it’s like they’re of my sisters. I can feel myself getting old with them. And I’m part of them; they’re part of my love.

Die bis dato letzte Aufnahme entstand 2014:

Nicholas Nixon, "The Brown Sisters" (Wellfleet/Massachusetts, 2014)
Nicholas Nixon, „The Brown Sisters“ (Wellfleet/Massachusetts, 2014)

Wir wissen nichts über das Leben der Schwestern, wie sie geliebt und gelitten haben, wir sehen nur, dass es so war, und dass jede einzelne von ihnen sich selbst nach all den Jahren immer noch ähnlich sieht.

Zum Fortgang des Projektes meint Nixon:

We joke about it. But everybody knows that certainly my intention would be that we would go on forever no matter what. To just take three, and then two, and then one. The joke question is what happens if I go in the middle. I think we’ll figure that out when the time comes.

Die komplette Bilderfolge gibt es hier:

The New York Times Magazine, „Forty Portraits in Forty Years“

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24 Gedanken zu “Memento Mori

    1. Die Ausstellung hätte ich gerne gesehen. Beim Stöbern auf der verlinkten Seite habe ich einen Fotografen entdeckt, der mich sehr interessiert: Seiichi Furuya. Vielen Dank für den Hinweis, Christin, und liebe Grüße auch an Dich!

  1. Schönheit und Entsetzen. Schönheit, die ich als Betrachter empfinde, die Schönheit der Idee dieses Bilderprozesses, die Schönheit unverbrauchter Jugendlichkeit. Entsetzen, das ich nicht mehr als der Betrachter empfinde, sondern als Beteiligter am Alterungsprozess. Die Schwestern sind dann ich. Wir fallen in eins.

    1. Auf der anderen Seite fält mir eben auf, wie das Alter seine eigene Schönheit zeichnet. Dann nimmt sich das Entsetzen zurück, sein Reflex, alles auf zeitlich-räumlichen Abstand zu halten, wiegt jetzt leicht, ich möchte in die Gruppe hineingehen und teilhaben an der Würde dieser Frauen.

      1. Die Serie wirft viele Fragen auf. Die Würde dieser Frauen, ja, empfinde ich auch so, sie nimmt dem unaufhaltsam voranschreitenden Alter den Schrecken. Gleichzeitig frage ich mich, ist Würde ein natürliches Attribut oder sehen wir gerade so viel davon, wie das Bild, das wir uns von den Frauen machen, unserer Vorstellung von Würde entspricht. Was wird in, sagen wir, 10 Jahren sein?

        1. Würde ist kein natürliches Attribut. Vielleicht ist sie etwas, was nur in Interaktion entsteht. Würde ausstralen, Würde verleihen. Aber, ich habe einen bestimmten Begriff von Würde. Der erscheint mir hier erfüllt. Ob dieser Begriff ein natürlicher ist, den ich schon immer mit mir trage, das ist die nächste Frage, die sich mir stellt. Aber ich will es auch damit belassen. Aus diesen Bildern spricht eine Würde zu mir. Ich kann ihre „Worte“ verstehen.

    1. Alles zusammen, ja, so sehe ich es auch, Tikerscherk. Und ich dachte, außer meiner Mutter und meiner Schwester gibt es keinen Menschen auf dieser Welt, den ich seit vierzig Jahren kenne…

      1. So ist das bei mir auch.
        Dass es vier Schwestern sind, die altersmäßig 10 Jahre auseinander liegen, macht das Ganze noch viel eindrücklicher. Gerade die Veränderung der ganz rechts Stehenden fand ich irgendwie traurig. Während die Frau des Fotografen gerade auf den letzetn Fotos immer schöner und weicher wird.
        Mutig, dass sie sich dem gestellt haben.
        Aber gemeinsam altern ist eben, zum Glück, auch leichter als alleine.

        1. Laurie, ja, sie hat sich am stärksten verändert. Als hätte das Leben von ihr verlangt, sich einen Panzer zuzulegen. So sieht sie für mich auf dem letzten Bild aus: extrem robust. Härter sind sie ja alle irgendwie geworden, bis auf Bebe, die Frau des Fotografen. (Wäre doch ein schöner Romantitel: Die Frau des Fotografen..;-)

        2. Wirklich ein sehr berührendes und mutiges Projekt. Vielen Dank, dass du es uns vorgestellt hast! Das Bild von 1987 ist so erstaunlich, als sei es für alle ein schweres Jahr gewesen. Aber ob die Veränderung von Laurie so traurig ist? Ich habe das im ersten Moment ähnlich wahrgenommen wie ihr. Aber vielleicht hat sie einfach die Menopause durchgemacht, sie als schwierig empfunden, eine Krankheit gekriegt, die sie zunehmen ließ. Es ist ja auch gemein, eine Frau so zu bewertet, ihr aussehen als Symptom für ein gutes oder schlechtes, leichtes oder schweres Leben zu werten. Darum ist es ja so mutig von diesen Frauen, sich der Kamera zu stellen und das Altern auf diese Weise zu dokumentieren.

          1. Traurig verstehe ich eigentlich nicht negativ. Das Leben schlägt sich nun einmal in äußerlichen Veränderungen nieder. Davor sind auch Männer nicht gefeit, beileibe nicht. Natürlich vergeht dabei etwas, das traurig stimmt, aber ich würde nicht sagen, sie sieht nicht mehr gut aus. Im Gegenteil, mit robust meine ich, sie wirkt, als hätte sie dieses Leben eben nicht umgeworfen sondern viel stärker gemacht. Gerade auf dem letzten Bild strahlt sie den unbedingten Willen aus, der Gruppe so lange wie möglich anzugehören, vielleicht sogar etwas wie Beschützerinstinkt, sie zusammenzuhalten, das finde ich sehr bewegend.

  2. Danke, das hat mich sehr bewegt, das Betrachten und das aufkommende Nachdenken! Meine Freundin hatte fünf Schwestern, ich sah sie einmal auf einem Foto, sechs blonde, dick bezopfte Mädchen. Zwei von ihnen leben nicht mehr. Beim Betrachten dieser Fotos befürchtete ich auch jedes Mal, dass eine fehlen würde plötzlich. Welche wird die erste sein, irgendwie beängstigend, dennoch normal….
    Danke!

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