Mohn und Gedächtnis

Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe im Leben… zitiert die Mützenfalterin in ihrem wundervollen Tagebuch Karl Ove Knausgård. Während die Zeilen noch in meinem Kopf kursieren, kommt mir Paul Celans Corona in den Sinn: …wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis. Dazu gibt es diese Arbeit von Anselm Kiefer, „Mohn und Gedächtnis – Der Engel der Geschichte“, aus der die beiden oben gezeigten Detailansichten stammen. (Ein Beitrag hierzu, „Ocker, braun, schwarz, wie nähere ich mich einem Künstler“, findet sich im übrigen auf dem schönen Blog von Susanne Haun.) Kiefer bezieht sich neben Celan auch auf Walter Benjamin, dessen Begriff vom Neuen Engel wiederum in Paul Klees Angelus Novus seinen Ursprung hat.

Und weil heute ihr Geburtstag ist, Fusznote 105 zu Friederike Mayröckers nichtgeschriebenem Werk:

der grosze kretische Stein auf meinem Magen, einer auf der Schuhablage von 1 Sonnenstrahl gespornter Sommerschuh, der Geruch einer halbierten Zuckermelone, sobald ich die Eiskastentür öffnete, honigverklebte Medikament Packung auf dem Küchentisch, Schriftzüge auf bodenlosen Zettelchen, das Kind in mir, sagt Amos Oz, ich bin in der Anstalt der Wärter fönt mir die nassen Haarspitzen, es ist 1 Zärtlichkeit, habe Geduld mit mir sagte die Mutter in ihren letzten Tagen, die aufgebissenen Lippen die versunkenen Rosen : die welkenden Blumen des eigenen Lebens, schreibe ab aus den eigenen Büchern.

Friederike Mayröcker, „Ich bin in der Anstalt Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk”

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18 Gedanken zu “Mohn und Gedächtnis

  1. Kiefer mag ich sehr – das mit dem Walter Benjamin hat folgende Bewandtnis. Benjamin hat das Blatt „Angelus Novus“ von Klee Anfang der 20er Jahre gekauft und offenbar geliebt, er hat es bei allen Umzügen mitgenommen (soweit er das bei seiner Flucht vor den Nazis konnte.). Inspiriert von Klees Bild hat er folgenden, nicht leicht verständlichen und nicht gerade geschichts-optimistischen Text geschrieben, auf den sich Anselm Kiefer bezieht:
    „Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm“

    1. Ja, den Text kenne ich. Er machte Klees Bild für mich überhaupt erst interessant. Auf den ersten Blick entschlüsselt sich beides freilich nicht. Aber wenn etwas die Zeit überdauern will, darf es das vielleicht auch nicht, obwohl der Gedanke des Fortschritts als Sturm, der einen wachsenden Trümmerhaufen vor sich her treibt, etwas durchaus Apokalyptisches hat…

      1. Aber ist es nicht genau umgekehrt? Der Trümmerhaufen ist doch die Vergangenheit, das worauf der Engel entsetzt zurück blickt und was langsam verschwindet. Sozusagen die Trümmerspur des Fortschritts. Die Frage ist jetzt, ob Benjamin der Meinung war, dies seien notwendige Folgen des Fortschreitens der Geschichte (wie dies ein Marxist sehen würde) oder ob ihm vor dem Fortschritt als solchem graust (wie dies ein Konservativer bzw. Reaktionär tun würde) … wie Benjamin damals drauf war, weiß ich so genau nicht. Vielleicht wollte er auch einfach ein Denkbild schaffen, auf die Kollateralschäden, wie man heute manchmal sagt, aufmerksam machen …

        1. Aber kommt dieser Sturm, der aus dem Paradies heranweht und den Engel in die Zukunft und damit von uns forttreibt, nicht aus der Vergangenheit? Der Trümmerhaufen wächst seit der Vertreibung aus dem Paradies sozusagen stetig an. Und je größer er wird, um so weniger kann der Engel eingreifen. Physikalisch vermutlich vollkommen absurd, aber anders ergibt es als Denkbild doch gar keinen Sinn, oder?

          1. Klar, genau so verstehe ich das auch – das Paradies liegt ja in der Vergangenheit, bildet den Anfang der Geschichte und auch der Fortschrittsgeschichte. Was ich nicht so sehe, ist, dass der Wind den Engel von uns forttreibt. Der Engel ist, meine ich, immer genau in der Jetzt-Zeit, also in unserer Gegenwart. Wir werden gemeinsam mit dem Engel in die Zukunft getragen. Und, wenn man es recht bedenkt: Ebenso wie der Engel haben wir, um uns im Prozess der Geschichte zu orientieren, nichts als einen Rückspiegel, und selbst der ist fleckig und beschlagen …

            1. Ah, daher weht der Wind! Das ist ein Denkbild, das ich so nicht gesehen habe. Manchmal sind die Spiegel eben fast blind, und es braucht jemanden, der einmal kräftig darüber fährt. Danke sehr, Martin, ich will gerne versuchen, den Engel in der Gegenwart zu verorten..:-)

  2. Liebe Pagophila,
    ein echtes Bildungsblog betreibst Du hier, und beinahe jedes Mal, wenn ich es besuche, lerne ich etwas oder nehme etwas zum Nachdenken mit.
    Weder die Arbeit Anselm Kiefers „Mohn und Gedächtnis-der Engel der Geschichte“ kannte ich, noch den von Emhaeu oben zitierten Text zu Klees Angelus Novus. Was für ein starkes Bild: der Trümmerhaufen des Fortschritts!

    Draußen läuten die Kirchenglocken, es windet und der Himmel reisst in diesem Moment auf.
    Ich wünsche Dir und Kafka und Deinen Leserinnen und Lesern einen schönen 4. Advent und möchte mich ganz herzlich bei Dir bedanken für all das, was Du hier liebevoll zusammenträgst, sichtbar machst und mit uns teilst!

    1. Liebe Tikerscherk, merkwürdigerweise werde ich manchmal für eine Lehrerin gehalten, was vermutlich nur an der Brille auf meiner Nase liegt und hoffentlich nicht etwa an einem erhobenen Zeigefinger..;-) – Aber im Ernst, ich freue mich, wenn Du wieder etwas mitnehmen konntest für Dich. Ich hoffe, der Himmel über Berlin hat nicht, so wie hier, Tür und Tor gleich wieder eng gemacht und blieb Dir den ganzen Tag über gewogen und beschert Dir auch eine gute Zeit zwischen den Kalenderjahren! Nicht zu vergessen die Wintersonnenwende: Ab heute werden sie wieder länger, die Tage…

  3. Ja, Tikerscherk hat Recht. Einen wunderbaren Bildungsblog betreibst du, indem Du die Dinge zusammenbringst, sie miteinander kombinierst, und so immer wieder neue Blickwinkel, neue Türen öffnest. Auch wenn ich mich wiederhole; dieser Blog ist ein Geschenk.

    1. Liebe Mützenfalterin, ohne Dein wunderbares Tagebuch hätte es diese Zusammenführung nicht gegeben. Vor allem Kiefers Arbeit habe ich dadurch selbst ganz neu entdeckt…

  4. Was für ein fantastisches Netz der Referenzen du hier spinnst, vielen Dank liebe Pagophila.
    Mit Klees Engel konnte ich noch nie so viel anfangen, so verstehe ich den Wert des Bildes zum ersten Mal!
    Anselm Kiefer haut mich auch jedes Mal wieder um, so wie Susanne Haun auf ihrem Blog schreibt. Ebenso haut mich Celan immer wieder um, ein wunderschönes Gedicht. Was bedeutet das nur, Gedächtnis und Mohn? Die Mohnblume ist im Iran ein sehr wichtiges Symbol. Es gibt ein trauriges persisches Lied von Dariush, dem wohl beliebtesten Sänger (des alten) Irans, Shaghayegh (Mohnblume) heißt es. Dariush hat so eine traurige Stimme und solch traurige Augen… und dieses Lied lief ständig bei uns Zuhause in den ersten Jahren nach der Flucht, sodass die Mohnblume für mich den Schmerz der Erinnerung an eine verlorene Heimat repräsentiert. Ich lese gerade Edward Saids Essays und denke darüber nach, mal was über Exilanten zu schreiben… vielleicht führt also ein Beitrag von der Mützenfalterin zu dir und dann zu mir. Und wir spinnen unser eigenes Netz.
    (Das Lied gibt es übrigens auf Youtube, vielleicht zur musikalischen Untermalung dieses nun recht persönlichen Kommentars: https://www.youtube.com/watch?v=N_kXQgKpYr8)

    1. Liebe Asal, das fände ich wirklich schön, wenn Du dieses Netz weiterweben würdest!

      Der Rote Mohn ist übrigens meine Lieblingsblume. Stimmt es, dass er im persischen Sprachraum ein Symbol für die Liebe ist? Dementsprechend stünde seine schwarze Mitte für die Leiden in der Liebe. So wohl auch die Leiden, die die Liebe zur Heimat manchmal mit sich bringt. Bei Wikipedia las ich, dass es in einem der berühmtesten Gedichte des persischen Dichters Sohrab Sepehri heißt: „So lange es den Klatschmohn gibt, muss gelebt werden!“ Bisher habe ich vergeblich versucht, das ganze Gedicht in einer deutschen Übersetzung zu finden. Überhaupt kenne ich seinen Namen nur in Verbindung mit dieser einen Zeile.

      Gedächtnis und Mohn. Ich denke in diese Richtung: Der Mohn steht in Celans Gedicht vielleicht für das Unbewusste. Als Hüter einer Art Schlaf, der die besonders schmerzhaften Erinnerungen zwar einem direkten Zugriff entzieht, aber wenn diese Verbindung von Liebe getragen ist, öffnet sich eine Tür?

      Ich bin gerade auf dem Weg in meine Koje, um fünf klingelt schon wieder der Wecke, aber auf diesen, Deinen Kommentar musste ich jetzt doch noch antworten. Das Lied hebe ich mir für die nächsten Tage auf. Wie auch immer Du sie verbringst, liebe Asal, ich wünsche Dir eine gute Zeit im Kreise Deiner Lieben! Bis bald.

    2. Von wegen Weihnachtsstrudel… gerade habe ich mir dieses Lied von Dariush angehört, das wirklich sehr, sehr traurig klingt, und mir fällt es überhaupt nicht schwer, diesen Schmerz nachzuempfinden. Deinem Shaghayegh-Text blicke ich entgegen… wie allem, was Du schreibst. (Ein passender Ausdruck fällt mir gerade nicht ein.) Es nimmt eben einfach einen besonderen Platz ein in meinem Leseleben.

  5. Anselm Kiefer kannte ich noch nicht und klicke mich nun fasziniert durch seine Kunst. Ich kann mich meinen Vorschreiberinnen nur anschliessen, bei dir lerne ich immer wieder etwas dazu. Das gefällt mir sehr!

    P.s. der rote Mohn ist auch meine Lieblingsblume!

    1. Ich liebe den Roten Mohn, seit ich das erste Mal in Südfrankreich war und er mir in solcher Fülle begegnete, während er hier immer nur vereinzelt aus Wiesen und Feldern hervorlugte. Mohn und Licht und was es sonst noch Schönes gibt dort unten versetzten mich damals in einen regelrechten Rausch…

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