Kafka und ich

Ich will doch nur spielen
Ich will doch nur spielen

Beide kamen wir in diesen Tagen unters Messer. Kafka und ich. Für ihn war der Eingriff sicher einschneidender. Er wurde kastriert. Obwohl er naturgemäß nicht wusste, wie ihm geschieht. Nun ja: Watt mutt, dat mutt. Was zwar auch für mich galt, aber die meiste Angst hatte ich vor der Narkose. Ich gebe die Zügel nur ungern aus der Hand. Du könntest mein Sohn sein, dachte ich, während der Anästhesist sich bemühte, meinen flackernden Blick mit seinen dunklen Augen über dem hellen Mundschutz auf sich zu ziehen. Das machte er gut. Der russische Akzent, der seinerseits etwas sehr Väterliches hatte, tat ein Übriges zu meiner Beruhigung. Seine letzten Worte waren „Tief ein- und ausatmen… ganz tief einatmen… und wieder ausatmen“, dann reißt der Film. Faszinierend. Wie das Skalpell mit einem einzigen glatten sauberen Schnitt auch ein Stück Lebenszeit entfernt.

Als ich die Augen zum ersten Mal wieder aufschlage, tätschelt der Operateur mein Bein. „Alles gut“, flüstert er mir zu. Beim zweiten Mal beugt sich der junge Anästhesist, der mein Sohn sein könnte, über mich. „Ah, ohne Mundschutz“, meine Stimme klingt wie von fern, „auch gut“, seufze ich und beschließe, noch eine Weile zu schlafen. Jegliches Zeitgefühl ist mir abhanden gekommen. Erst als ich zur Toilette muss, geht plötzlich alles ganz schnell. Kaffee und Kekse sind köstlich, in der Tat, alles gut. Bald darauf werde ich in die Obhut meiner Schwester entlassen.

Für Kafka war in weniger als einer halben Stunde alles vorbei. Wie tot lag er da, mit weit geöffneten Augen und so leblos, dass ich ihm die Hand auflegte, um seinem Atem nachzuspüren. „Sehen Sie nur, er ist ganz entspannt“, versicherte mir die Ärztin mit ihrem vertraut klingenden südamerikanischen Akzent. Im Gegensatz zu mir hatte er dann aber mit den Nachwirkungen der Narkose zu kämpfen und verbrachte den Rest des Tages als Häuflein Elend auf meinem Schoß. Nur wenn ihm wieder schlecht wurde, schleppte er sich ein ums andere Mal brav ins Badezimmer, um sich dort auf den kalten weißen Fliesen ganz erbärmlich zu erbrechen. Seitdem haben wir ein noch innigeres Verhältnis zueinander, Kafka und ich.

Der König in seinem Exil, denke ich manchmal, wenn er, wie jetzt, eingerollt wie ein Wüstenfuchs auf meinem Schoß liegt. Ob er einen Artgenossen neben sich akzeptieren würde? Seit dem Auszug meines Sohnes trage ich mich nämlich mit dem Gedanken, noch eine Katze in meine Obhut zu nehmen. „Oh, nein, Frau S., bitte nicht, Sie werden sonst noch so eine Katzenfrau“, meinte ein Freund meines Sohnes mit unverhohlenem Entsetzen.

So eine Katzenfrau, so so. Ich schätze, das bin ich schon.

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18 Gedanken zu “Kafka und ich

  1. Gute Besserung.
    Der Bericht ist das Kontrastprogramm zum heutigen Beitrag der Frau Knobloch…
    Die Welt ist wahrlich gross.
    Spätabendlichruhesuchende Grüsse aus dem mainspitzigen Bembelland

  2. Oh oh, der Arme, die Arme, aber zusammen leidet es sich sicher besser.
    Der (alte) König in seinem Exil. Ja, irgendwie. Ein Text, der mir seit Jahren immer wieder begegnet, zuerst ein guter Aufsatz, dann ein gutes Buch.
    Er würde sicher einen Artgenossen akzeptieren, aber sicher nicht jeden. Ansonsten ist die Grenze zwischen Katzenfrau und nicht Katzenfrau sicher nicht fließend….
    Jetzt hab ich in 2 Sätzen 3x sicher geschrieben. Das reicht. Sicher.
    😉

    1. Das reicht sicher nicht..;-) – Ja, „Der alte König in seinem Exil“… ein ganz wunderbares Buch, und der junge Kafka ist auch schon King, nur sein Exil hat er selbst gewählt, zu meinem Glück, Katzenfrau hin oder her. Wenn es denn sein soll, wird sich sogar noch ein Artgenosse einfinden…

  3. Ehrlich gesagt erschien mir Katzenfrau schon immer ein recht schöner Lebensentwurf zu sein… auch das kann man stilvoll oder weniger stilvoll leben, und in dieser Hinsicht mache ich mir bei dir wirklich keine Sorgen! Ich wünsche euch beiden gute Erholung und beneide euch ein wenig, dass ihr es hinter euch habt, denn der Eingriff steht Molly, meiner sardischen Streunerin, leider noch bevor. Miauw!

    1. Nach Deinem Kommentar zu „Ein Katzenleben“ hatte ich plötzlich Lust, ein bisschen über mein (selbstverständlich stilvolles!) Leben mit Kafka zu berichten..:-) – Bei Katzen ist der Eingriff ja um einiges schwerer, insofern wünsche ich Euch dafür natürlich alles Gute! (Und dann wirst Du sie sicher irgendwann auch mitnehmen wollen, und aus der sardischen wird eine schwedische Streunerin?) Wir haben uns übrigens schon so weit erholt, dass ich nächste Woche wieder ins Hamsterrad treten werde, maunz maunz…

      1. Schön, dass ihr wohlauf seid! Bisher hatte ich nur Kater, ich bin also ein wenig nervös… Bei uns steht der Eingriff aber erst nach unserer Rückkehr aus Berlin an (nächste Woche geht’s dorthin). Bis dahin wird sie von jemand anderem gepflegt, was sie uns hoffentlich nicht zu übel nimmt. Danach kommt sie natürlich mit nach Schweden. Der Mann, der eigentlich keine Katze wollte, hat jetzt ein Körbchen für sie auf seinem Schreibtisch und arbeitet laut eigener Aussage besser, wenn sie drinsitzt. Sie kriegen also jeden, der nicht aufpasst oder aus Stein ist. 😉

        1. Das Katzenkörbchen auf dem Schreibtisch… wie schön! (Wenn ich übrigens gewusst hätte, dass Du nächste Woche in Berlin bist, hätte ich mir mit der Genesung noch Zeit gelassen und wäre auf besagten Cappuccino in die Hauptstadt gereist, aber aufgeschoben ist hoffentlich nicht aufgehoben…)

          1. Ach Mensch… das wäre wirklich schön! Vielleicht hast du dich ja doch nicht so schnell erholt, wie du dachtest??? Ich werde Berlin jedenfalls besuchen während wir hier auf Sardinien sind, also könnten wir das fürs kommende Jahr ins Auge fassen!

  4. Du bist eine Katzenfrau, da bin ich mir sicher.
    Zum Glück habt Ihr Euch beide erholt, Du und Dein lieber Kafka. Ihm Gesellschaft angedeihen zu lassen halte ich für eine gute Idee. Es ist schön ihnen zuzuschauen, wenn sie sich putzen oder spielen. Außerdem ist er dann nicht so allein, wenn Du ins Hamsterrad gehst.
    Ach, Katzen.

    1. Du hast vollkommen recht, liebe Tikerscherk! Und da die Wahrscheinlichkeit, dass womöglich eine Milena den Weg über die Dächer zu uns findet, mir mehr als gering erscheint, werde ich demnächst die Damen von der Katzenschutzinitiative kontaktieren..:-)

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