Gräser der Nacht

Heute habe ich keine Angst mehr vor diesem schwarzen Notizbuch. Es hilft mir, mich über die Vergangenheit zu beugen, und bei diesem Ausdruck muss ich lächeln. Das war der Titel eines Romans. Ein Mann beugt sich über seine Vergangenheit, den ich in der Bibliothek des Hauses – ein paar Regalbretter mit Büchern, neben einem Fenster im Salon – entdeckt hatte. Vergangenheit? Nein, nein, es handelt sich nicht um die Vergangenheit, vielmehr um Episoden eines geträumten, zeitlosen Lebens, die ich Seite um Seite dem trüben Alltagsleben entreiße, damit es ein bisschen Schatten und Licht bekommt. Heute nachmittag sind wir in der Gegenwart, es regnet, Menschen und Dinge versinken in einem Grau-in-Grau, und ich warte ungeduldig auf die Nacht, in der sich alles klar und deutlich abzeichnen wird, ja, eben dank der Kontraste von Schatten und Licht.

Neulich, in der Nacht, fuhr ich im Auto durch Paris, und ich war gerührt über diese Lichter und diese Schatten, über die verschiedenen Arten von Laternen oder Kandelabern, bei denen ich das Gefühl hatte, sie würden mir, entlang einer Avenue oder an einer Straßenecke, Zeichen schicken. Es war genau das Gefühl, das du verspürst, wenn du lange ein erleuchtetes Fenster betrachtest: ein Gefühl von Anwesenheit und von Abwesenheit zugleich. Hinter der Glasscheibe ist das Zimmer leer, doch jemand hat die Lampe angelassen. Für mich hat es Gegenwart oder Vergangenheit niemals gegeben. Alles verschmilzt, wie in dem leeren Zimmer, wo eine Lampe brennt, jede Nacht.

Patrick Modiano, „Gräser der Nacht“

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8 Gedanken zu “Gräser der Nacht

    1. Wie zutreffend er dieses Gefühl in Worte gefasst hat, nicht wahr, und dabei nimmt er dem Leser nichts von seiner Freiheit, diese An- und Abwesenheit mit ureigensten Bildern zu speisen…

  1. …das leere Zimmer, in dem die Lampe brennt in der Nacht, da könnte es versteckt sein, das Geheimnis um die Gleichzeitigkeit der Dinge…

  2. „Vergangenheit? Nein, nein, es handelt sich nicht um die Vergangenheit, vielmehr um Episoden eines geträumten, zeitlosen Lebens, die ich Seite um Seite dem trüben Alltagsleben entreiße, damit es ein bisschen Schatten und Licht bekommt.“ Danke für diesen Satz. Das Buch habe ich vorgemerkt.

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