Gräser der Nacht

Konnte es wirklich sein, dass ein Doppelgänger, den ich hier zurückgelassen hatte, immer weiter jede meiner alten Bewegungen wiederholte, meine alten Wege ging bis in alle Ewigkeit? Nein, hier war nichts mehr von uns übrig, die Zeit hatte Tabula rasa gemacht. Das Viertel war neu, saniert, so als hätte man es an der Stelle eines baufälligen Wohnblocks errichtet. Und selbst wenn die meisten Häuser dieselben waren, so hatte man doch den Eindruck, vor einem ausgestopften Hund zu stehen, einem Hund, der dir früher einmal gehörte und den du geliebt hast, als er noch lebte.

Patrick Modiano, „Gräser der Nacht“

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12 Gedanken zu “Gräser der Nacht

  1. Vielleicht werde ich dieses Bild vom ausgestopften Hund in mir tragen, wenn ich wieder in Berlin bin, um meine Wohnung auszuräumen. Die plötzlich nicht mehr meine ist, ohne dass ich wusste, das es so kommen wird. Ein sehr passendes Bild. Ob ich vielleicht auch anfangen sollte, Modiano zu lesen?

    1. Ich lese ja nicht grundsätzlich jeden Nobelpreisträger, aber der Mensch Modiano hat mich auf Anhieb fasziniert. Er schreibt wunderbar. Balsam für jede Nomadenseele. Ich stelle mir das übrigens sehr seltsam vor, in eine Wohnung zurückzukehren, von der ich wüsste, dass sie nicht länger meine Zuhause sein wird. Und wohin das Bündel geschnürt wird, weißt Du es jetzt schon?

      1. Dieses Jahr habe ich Coetzee und Doris Lessing für mich entdeckt und wieder Vertrauen in den Nobelpreis gewonnen. Da Modiano sich mit Erinnerung beschäftigt, interessiert er mich auch und die Auszüge hier bei dir haben mich sehr neugierig gemacht, wie es wäre, in diese Welt über einen gesamten Roman hinweg einzutauchen.
        Balsam braucht meine Seele ohnehin, sie realisiert erst so langsam, dass sie Nomade ist. Ach weh… (Wohin, ja, wohin! Vermutlich erst einmal auf Sardinien überwintern. Danach Schweden. Entscheidungen, die nicht mit dem Herzen getroffen wurden, darum tue ich noch so, als gäbe es eine Alternative.)

        1. Doris Lessing taucht seit Jahrzehnten immer wieder an meinem Horizont auf, und doch habe ich bislang noch nichts von ihr gelesen. Jetzt weckst Du meine Neugier aufs Neue. Comes the time. Und sehe es vielleicht so: Sardinien klingt nach einem guten Ort, um dort zu überwintern. Und weiter daran zu glauben, „dass vielleicht sogar genau das, was wir brauchen und nach dem wir uns sehnen, bald, ganz bald, in unser Leben treten wird.“ Touché?

          1. Ich weiß, was du meinst… es ist ein wenig peinlich, aber ich dachte bei Doris Lessing immer nur im Dreischritt: Feminismus, Kommunismus, igitt. Aber das ist natürlich dumm und auch unglaublich unfair, weil sie eine der größten, klügsten Autorinnen ist, die ich bisher gelesen habe. Auch wenn bei ihr der Stil manchmal nicht ganz glatt ist. Doris Lessing zu lesen ist für mich gerade so, als würde ich in ein rohes Stück Fleisch beißen. Was sich widerlich anhört, aber vielleicht verstehst du das Bild trotzdem? Es ist was ganz Essentielles. Sie rührt in meinem Leben, kritisiert mich, baut mich auf und inspiriert mich sehr. Dabei lese ich gerade mein erstes Buch von ihr, Das Goldene Notizbuch, von dem ich mir nicht vorstellen kann, dass es dich enttäuschen würde. There’s a time for everything…
            Touché, du Liebe… als ich das las, dachte ich plötzlich an Freuds Traumdeutung, wie wir alle Personen in unseren Träumen sind, so sind wir ja auch irgendwie alle Personen und Bilder auf unseren Blogs (und mein Kommentar zu deinem letzten recht persönlichen Post kommt noch, ich verdaue das noch)… das habe ich mir natürlich selbst geschrieben, weil ich diesen Sommer zum ersten Mal merkte, wie mir die Hoffnung ein wenig entglitt… das ist aber nur ein Symptom meiner Erschöpfung, mein Leben ist sehr reich und voller Möglichkeiten, das weiß ich immerhin noch! Ich musste mich nur wieder daran erinnern, was ich mithilfe von Octavia geschafft habe.

            1. Ja, so sehe ich es auch. Insofern ist die Frage, wer bin ich, und wenn ja wie viele fast schon obsolet..;-) – In ein rohes Stück Fleisch beißen… seit ich denken kann, kämpfe ich um das Gefühl von solcher Unmittelbarkeit… und hadere mit der Enttäuschung, weil es viel zu selten gelingt. Ähnlich lautet auch eine Zeile in dem „Am Fenster“ zitierten und gleichnamigen Stück von City: „Einmal fassen, tief im Blute wühlen…“

              1. Ja, sehr gut! Ich muss gestehen, dass ich City nicht kenne aber die Liedzeile ist super. Und erinnert mich wiederum an eine Zeile von Morrissey, die ich sehr mag, auch wenn ich sie nicht so recht verstehe: „You have never been in love until you’ve seen the sunlight thrown over smashed human bone“.

                1. …die mich wiederum an das Buch von Kevin Powers über den Irak-Krieg erinnert: „Die Sonne war der ganze Himmel“. Deshalb vermute ich auch, dass es viel Unschönes im Schlepptau hätte, sagen zu können, ich verstehe die Zeile voll und ganz.

  2. Das Seltsame ist, dass ich das Bild des Doppelgängers sehr gut nachvollziehen kann. Nur ist es so, als sei ich die Doppelgängerin, die die Bewegungen wiederholt und die Wege abschreitet.

    1. Daran hatte ich gar nicht gedacht, aber, ja, ich halte es sogar für eine große Kunst, wenn einem Autor das gelingt, den Leser zum Doppelgänger zu machen. Darüber hinaus frage ich mich noch, ob er recht hat, ob wirklich nichts mehr übrig ist von einem an solch einem Ort, ob die Zeit da wirklich imstande ist, Tabula rasa zu machen.

      1. Ich meinte das anders, wesentlich düsterer… dass man sein wahres Ich am verlorenen Ort hinterlässt und als Doppelgänger weiterzieht. Aber das habe ich in einer üblen Stunde geschrieben. Zu deiner Überlegung, ob er Recht hat, das frage ich mich auch… ich denke oft darüber nach, wenn ich so durch die Straßen laufe, wer noch so alles genau an diesem Ort lief und lebte und versuche sie mir kurz vorzustellen. Ich bin mir sicher, dass irgendwas zurückbleibt.

        1. Ah, verstehe! So ähnlich, wie ich mich immer gerne als Alien bezeichne. Das Bild es Doppelgängers empfinde ich jetzt aber fast noch stimmiger. Denn irgendwie ist einem irgendwo irgendwann dieses Gefühl des Einsseins mit sich und der Welt ja abhanden gekommen. In Gedanken gehe ich immer davon aus, dass es keine strikte Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt, allenfalls eine dünne aber durchlässige Membran mit der Möglichkeit, zu jeder Zeit da hindurch schlüpfen oder zumindest den Arm hinein strecken zu können. Auch ein Gedanke übrigens, der bei Modiano auftaucht…

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