Am Fluß

Esther Kinsky - Am FlussUnd jedesmal überkam mich das gleiche Staunen, wenn ich sah, was sich zwischen meinem Auge, der Linse, dem Lichteinfall und den an Luft und Licht wirkenden Chemikalien ereignet hatte. Jedesmal der gleiche Gedanke, daß das Geheimnis dieser nicht besonders ansehnlichen Kunststoffschachtel womöglich darin bestand, daß ihre Bilder mehr mit dem Sehenden als mit dem Gesehenen zu tun hatten. Unter der abgezogenen Entwicklungsfolie kam auf dem Schwarzweißfoto mit seinen unzähligen Grauabstufungen eine Erinnerung zum Vorschein, von der ich noch gar nicht gewußt hatte, daß ich sie besaß. Es waren Bilder von etwas, das hinter den Dingen lag, auf die das Objektiv gerichtet gewesen war und die der Auslöser einen unmerklichen Augenblick lang beiseite gestreift haben mußte. Die Bilder gehörten in die Vergangenheit, von der ich allerdings nicht sicher war, ob es meine war, sie rührten an etwas, für das mir der Name abhanden gekommen sein mochte, vielleicht hatte ich ihn auch nie gekannt. Etwas selbstverständlich Vertrautes lag in den Landschaftsszenen, die bis auf den gelegentlichen Zufallspassanten leer waren und mir aus dieser weiß umrandeten Ferne der Fotografie zuwinkten und weißt du noch flüsterten, du weißt doch noch. Und gleich daneben diese Welt im Negativ, nächtlich, fremdtuend, wieder in Frage stellend, was zu welcher Seite gehörte, hier oder dort, rechts oder links.

Esther Kinsky, „Am Fluß“

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12 Gedanken zu “Am Fluß

      1. Ich fühlte mich nur daran erinnert, wie ich in der Foto AG in der Dunkelkammer stand, den Film entwickeln lernte, das Fotopapier in die Becken eintauchte und diesen magischen Moment erlebte, wenn aus „weiß“ plötzlich Vergangenheit wurde; eine Szene, an die ich mich anders oder gar nicht oder sehr gut erinnern konnte. Ob ich noch einmal in einer Dunkelkammer landen werde, ist fraglich. Ich liebe das alles, auch das Knattern der Projektoren im Kino. Ich bin keine Nostalgikern und schon gar keine Fotografin, aber ich glaube, dass das Gehirn bestimmte Erlebnisse braucht, um zu bestimmten Gedanken zu gelangen… wenn das Erleben des Analogen verschwindet nimmt es vielleicht noch einiges andere aus der Welt der Gedanken mit sich, das nun vielleicht nicht mehr gedacht werden wird. Klingt allerdings doch sehr nostalgisch… oh weh!

        1. Genau… im Digitalen fehlt dieses mehrfach sinnliche Erlebnis. Ich glaube, das Visuelle sucht in jedem Augenblick nach lebendigen Entsprechungen, und von den vielfältigen Verknüpfungen, die sich im Analogen ergeben, lässt das Digitale doch so manche vermissen. Insofern halte ich ein bisschen Nostalgie, als Ausdruck für dieses Fehlen, für gar nicht so verfehlt…

  1. Ein tolles und bemerkenswerter Artikel.
    Meiner bescheidenen Meinung nach stecken da mehrere Themen drin, das Fotografieren und die zeitversetzte Entstehung der Fotos sowie die Beschäftigung mit der Bildentstehung und dann auch eine andere Lebensphilosophie.
    Heute entstehen Bilder in Massen, das Gesehene kann sofort geprüft werden, am Computer die Varianten ‚entwickelt‘.
    Die Faszination des Fotografierens, wie ich auch ich es noch erlernt habe (oder eben getan, ich habe es ja nicht gelernt), das zeitversetzte Ausbelichten in der Dunkelkammer und dann das Feststellen, manchmal Monate später, was man geknipst hat, super. „Die Bilder gehörten in die Vergangenheit“. Perfekt.
    Diese Ruhe ist tot, heute, egal ob Hobby oder Beruf, egal welche Tätigkeit, ist man geprägt von Hektik und Schnellschnell und so fort. Die Zeiten als man Omas Fotoalbum geerbt hat, sind vorbei. Wer meine Millionen Terraquattromegabyte an Fotos mal durchschauen will, ob zufällig das Foto mit der netten Nachbarin dabei ist, wird scheitern. Direkt in den Datenmüll. Ich bin Müllproduzent. Schlimm, oder?
    Vielleicht sollte ich mir doch noch eine Dunkelkammer einrichten.

    1. Ja, ich glaube, da hast Du das Zauberwort gesagt: „Schnellschnell“! Da sollten wir suchen, wenn wir noch Fragen haben…und- vor allem Träume! Und wenn wir merken, daß uns die Luft ausgeht…

      1. Bleibt noch Zeit zum Träumen? Ich hab mir die Tage mal unseren Terminkalender zu Hause angeschaut. Die Hobbies werden in die Lücken gepresst. Ich weiß gar nicht wie ich früher noch die Zeit für das Fotolabor finden konnte. Was ich selten machte, da auswärts, aber wenn, dann lang. Das Jahr brachte soviele Fotos wie heute eine Woche, wenn viel los ist. Die Zitate hier sind of geprägt von einer nachdenklichen Ruhe, die man sich heute kaum gönnt, warum auch immer, das ist ja vielfältig.

    2. Omas Fotoalbum… ein solches liegt auf meinem Nachttisch. Auf einer Seite prangen nur Passbilder meiner Großeltern aus unterschiedlichen Epochen, vor den Kriegen, währenddessen und danach. Manchmal löse ich sie auch aus ihren Fotoecken und nehme sie in die Hand. Das zeichnet ein Erinnerungsstück letzten Endes aus, dass man es in der Hand halten kann. Und dass es einzigartig ist. Das gefällt mir auch so an den Arbeiten von Yamamoto Masao, klitzekleine Formate, die man in die Hand nehmen kann wie ein Erinnerungsstück. Was meine Festplatte angeht, mache ich mir da überhaupt keine Illusionen: alles Schall und Rauch. Am Ende zählt, was die Lieben uns und wir unseren Lieben in Herz und Hände legen. Ja, an Deiner Stelle würde ich mir eine Dunkelkammer einrichten!

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