Leicht, vielteilig, auseinanderstrebend

Julien Douvier, "Ohne Titel"
Julien Douvier, „Ohne Titel“

In einem Wort, ich wünschte, daß mein Bild – wandelbar, schlingernd zwischen tausend je nach Situation oder Alter changierenden Photos – stets mit meinem (bekanntlich tiefen) „Ich“ übereinstimmte; doch vom Gegenteil muß die Rede sein: Mein „Ich“ ist’s, das nie mit seinem Bild übereinstimmt; denn schwer, unbeweglich, eigensinnig ist schließlich das Bild (weshalb sich auch die Gesellschaft darauf beruft); leicht, vielteilig, auseinanderstrebend ist mein „Ich“, das, gleich einem kartesischen Teufelchen, nicht stillhält, in seinem Glasgefäß auf- und absteigt: oh, wenn doch wenigstens die PHOTOGRAPHIE mir einen neutralen, anatomischen Körper verleihen könnte, einen Körper, der nichts bedeuten würde! Doch leider bin ich durch die PHOTOGRAPHIE, die es gut mit mir meint, dazu verurteilt, immer einen Ausdruck zur Schau zu stellen: nie findet mein Körper seinen Nullpunkt, niemand kann ihm diesen geben (vielleicht nur meine Mutter? Denn nicht die Gleichgültigkeit hebt das Gewicht des Bildes auf – nichts ist besser als ein „objektives“ Photo wie das Automatenphoto dazu geeignet, aus jedem ein steckbrieflich gesuchtes Subjekt zu machen -, sondern die Liebe, die große Liebe).

Roland Barthes, „Die helle Kammer“

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9 Gedanken zu “Leicht, vielteilig, auseinanderstrebend

  1. Du hast ein neues Design, schön! Und schön auch immer wieder deine Entdeckungen in der Fotografie und Literatur, die du mit uns teilst, so wie Barthes. Seine Mutterliebe ist rührend.
    Bei dem Zitat von Matsuo Bashō fiel mir ein Song von Fleetwood Mac ein… „You said you’d give me light but you never told me about the fire.“

    1. Lieben Dank, Asallime! Bist Du wieder im Lande? Das Stück von Fleetwood Mac hatte ich ewig nicht gehört. Es hat mir gerade einen Flashback in die ganz frühen Achtziger beschert, als diese quasi noch jungfräulich waren..:-)

      1. Nein, ich bin noch auf Sardinien, habe aber einen etwas besseren Internetzugang. Ich kann zumindest hin und wieder vorbeischauen!
        Fleetwood Mac habe ich ja leider erst in diesem Jahrhundert entdeckt, in den 1980ern fand ich sie noch „uncool“.

  2. Liebe Pagophila, jetzt erst habe ich gesehen, daß durch das Foto Schneeflocken rieseln…geheimnisvoll! Entdecke „Die helle Kammer“ mit großer Freude ganz neu dadurch, daß Du sie häppchenweise servierst, hab Dank! Was für ein Freigeist und großer Denker! Liebe Grüße

    1. Sie wird Dir gefallen, denke ich. Mir erschließt sich manches darin immer wieder erst durch andere Bezüge, aber so ist sie eben auch zu einem festen Bestandteil der Büchersäule auf meinem Nachtkästchen geworden…

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