Only Child

Greg Sand, "Only Child" (aus der Serie "Snapshots")
Greg Sand, „Only Child“
(aus der Serie „Snapshots“)

„Ich lese gleichzeitig: das wird sein und das ist gewesen; mit Schrecken gewahre ich eine vollendete Zukunft, deren Einsatz der Tod ist. Indem die Photographie mir die vollendete Vergangenheit der Pose (den Aorist) darbietet, setzt sie für mich den Tod in die Zukunft. Was mich besticht, ist die Entdeckung dieser Gleichwertigkeit. Das Kinderphoto meiner Mutter vor Augen, sage ich mir: sie wird sterben: ich erschauere wie der Psychotiker bei Winnicott vor einer Katastrophe, die bereits stattgefunden hat. Gleichviel, ob das Subjekt, das sie erfährt, schon tot ist oder nicht, ist jegliche Photographie diese Katastrophe.“

Roland Barthes, „Die helle Kammer“

Das Zitat von Roland Barthes hat Greg Sand im Kopf, wenn er alte Fotografien betrachtet, deren Portraitierte lange schon nicht mehr leben. Aus diesem Grund bearbeitet er in der Mehrzahl auf Flohmärkten und in Nachlässen aufgelesene Bilder. „Snapshots deals with my struggle to reconcile reality, perception, time, and death. These personal anxieties manifest themselves in old family snapshots – the mementos of past times and lives.“ Der Schnappschuss eines „Einzigen Kindes“ hat mich ganz besonders berührt. Wie ein Déja-vu. Als hätte ich genau dieselbe Situation schon einmal erlebt.

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4 Gedanken zu “Only Child

  1. Ich meine auch, da wird die Fotografie spannend, wenn sich das dargesellte überlebt hat. Wie das allerdings in wenigen Jahrzehnten funktioniert, erschließt sich mir angesichst der Flut an unwichtigen Fotos noch nicht.
    Das Foto ist sensationell.

    1. Das Bild hätte mich auch angesprungen, wenn es unbearbeitet gewesen wäre. Die Manipulation ist aber so dezent und dabei gleichzeitig so intelligent, dass ich für einen Moment die Luft angehalten habe…

  2. Jetzt ist die historische Diskussion, ob Photographien Quellencharakter haben weitgehend ausdiskutiert.
    Sie sind Quellen. Jetzt muss man lernen, diese Quellen zu lesen, um Vergangenheiten rekonstruieren zu können. Da ist es praktisch viel Auswähl zu haben fürderhin.
    Das Problem wird das Nichtssagende Moment in vielen Fotos sein.
    In Frankfurt laufen derzeit mehrere Fotoausstellungen 😉
    Nachmitternächtlichrotweinbeflügelte Grüsse aus der schönen Stadt /a.M.

    1. Ich bin keine Wissenschaftlerin. Für mich ist ein Foto nichtssagend, wenn ich ihm nicht, wie Yamamoto Masuo sagt, gewogen bin. Die Zuneigung zu einem Bild zu hinterfragen, bedeutet immer wieder eine spannende Reise in die eigenen inneren Gefilde. Abneigung ist allerdings auch nicht ohne, jedenfalls besser als die Gleichgültigkeit, mit der ich der Fülle an unwichtigen Fotos begegne. Wobei Fülle in diesem Zusammenhang wohl eher als Euphemismus zu werten ist…

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