Gedankenranken

Himbeere
Himbeere

Um Himbeeren, Sprechblasen, Spruchbänder und Erdbeeren. Der Auslöser war ein Gedicht. Das Gedicht folgt im Anschluss.

Die Fähigkeit, aus dem eigenen Speichel Blasen zu bilden, ist Teil der sprachlichen Entwicklung des Menschen. Bevor das erste Wort seine Lippen verlässt, müssen sämtliche Sprechwerkzeuge aufeinander abgestimmt werden. Spitting bubbles ist eine der kleinstkindlichen Übungen, um die Bewegungen des Mundes koordiniert zu bekommen. Erwachsene haben diese Fähigkeit insofern verfeinert, als sie den Speichel nach bestem Vermögen durch die reine Atemluft ersetzen. Blowing raspberries nennt sich das auf Englisch. Mütter und Väter tun es gerne auf den nackten Bäuchen ihrer Babys:

Enge Grünlippmuschel Himbeer Mund spucken; Komödie Küsse, Lippen klatscht, Himbeeren & Pfeifen.

So lautet die Beschreibung der sich dahinter verbergenden Sounddatei. Der geneigte Leser klicke also auf den Link, um zu hören, wovon hier die Rede ist.

In diesem Zusammenhang fiel mir auf, dass ich die Sprechblase bislang vollkommen vernachlässigt habe. Dabei wurde schon im Mittelalter Gesprochenes auf Gemälden und Druckgrafiken durch flatternde Bänder (Spruchbänder) angedeutet.

Venus steckt in allen Frauen, meint der Kunsthistoriker Professor Eberhard König zum Liebeszauber eines unbekannten niederrheinischen Meisters. Es lässt sich also nicht genau sagen, ob eine heidnische Göttin, eine gute Fee oder nur ein einfaches Mädchen vom Niederrhein das riesige Herz beträufelt, das in einer eigens dafür vorgesehen Schatulle ruht. Versonnen blickt die Frau auf ihr magisches Werk, während in ihrem Rücken ein junger Mann den Raum betritt. Der Meister selbst mag gespürt haben, dass seine Kunst dem Anspruch nicht genügen wollte, nämlich das eigentlich Gemeinte adäquat auszudrücken. Vielleicht lässt er deshalb die Frau und den Mann in ihrem Rücken selber zu Wort kommen und ihre Sätze als geschwungene Spruchbänder durch den Raum ziehen. Sogar der Hund und das in der Schatulle geborgene, gefangene, versteckte oder prunkende Herz haben etwas zu sagen. Das Herz aber scheint jene Erdbeere zu sein, die im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch wahrscheinlich schon längst zu einem allgegenwärtigen Motiv der Wollust geworden ist…
Aus Babeltrack

auf einer insel sitzen, ein kind haben, kindhaben
das gegenteil von verinselung, nämlich archipel werden, die
ränder schwemmen auf, werden durchlässig, bilden neue
festländer für versorgungen – fähren unterwegs bis in den
morgen, ziehen milchbahnen hinter sich her, milchbahnen
und fransige schlafbänder, so dass auch die festländer
wieder dösen, sich lösen von allem, und in der sprach der
insel macht es war, in der sprache des kindes macht es
noch sauglaut, bald sprachlaut, in der schnipselsprache
der mittendrin tippenden schlagen blasen, werden sachen
aufgelesen, steht in einer blase jakobson, sagt: die kinder
mit ihren wilden lauten, mit dem ersten blustern lallen,
sind sie in der lage, alle denklichen laute aller sprachen zu
erzeugen, blase steigt auf, welche sie dann vergessen, blase
schwebt bedeutungsschwanger überm Mittag, wenn sie ihre
muttersprache lernen, platzt

Uljana Wolf, aus: „Meine schönste Lengevitch“

Notiz an die Mützenfalterin: Tausend Dank fürs Auflesen und zu mir Herüberschweben lassen…

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14 Gedanken zu “Gedankenranken

  1. Eine anregende Verknüpfung. Das Gemälde des niederländischen Meisters werde ich in gross suchen, um den Text zu lesen. Junge Leute und Erdbeeren… Im Garten der Lüstemüsste man nachzählen wieviele Erdbeeren Bosch da hineingemalt hat.
    Im christlichen Symbolismus wird die Erdbeere durchaus mehrdeutig gesehen. Erdbeeren blühen und bilden gleichzeitig ihre Früchte aus, schon das liess den frauenlosen Auslegern die Phantasie aus den Beeten schiessen.
    Spontan fällt mir jetzt noch das Marienmärchen ein, in dem ausgeführt wird, warum Erdbeeren nie satt machen.
    (Zum Glück habe ich die Erdbeerkonfitüre schon gekocht 😉 )
    Wochenendlichsonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

      1. Vielen Dank für den Link. Leider ist selbst auf meinem grossen Bildschirm die Schrift nicht zu entziffern…
        Mal sehen, ob ich was dazu finde… (ich lasse es dich wissen)

          1. Kermani ist gut, den Artikel kannte ich nicht. Die Spruchbänder sind leer. Was für eine Enttäuschung, dachte ich zunächst, und doch: Irgendwie passend. Was den König angeht, habe ich nachgebessert. Asche über mein Haupt.

            1. Was den König angeht, verlangt das Internet eine stets wache Aufmerksamkeit. Ich schrieb letzthin locker einen Satz vor mich hin und wurde drauf aufmerksam gemacht, dass er nicht von mir stamme… 😉

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