Naokos Lächeln

1. KAPITEL

Ich war siebenunddreißig Jahre alt und saß in einer Boeing 747. In ihrem Anflug auf Hamburg tauchte die riesige Maschine in eine dichte Wolkenschicht ein. Trüber, kalter Novemberregen hing über dem Land und ließ die Szenerie wie ein düsteres flämisches Landschaftsbild erscheinen: die Arbeiter in ihren Regenmänteln, die Fahnen auf dem flachen Flughafengebäude, die BMW-Reklametafeln. Ich war also wieder einmal in Deutschland.

Ich richtete mich auf, sah aus dem Fenster auf die dunklen Wolken, die von der Nordsee herüberzogen, und dachte an all die Verluste, die ich in meinem Leben schon erlitten hatte. Verlorene Zeit, Menschen, die gestorben waren oder mich verlassen hatten, Gefühle, die nie mehr wiederkehren würden.

Mit der Erinnerung ist es eine seltsame Sache. Als ich tatsächlich mit beiden Füßen in dieser Landschaft stand, hatte ich ihr kaum Beachtung geschenkt. Nie hätte ich gedacht, daß sie einen solchen Eindruck hinterlassen würde, und schon gar nicht, daß ich mich nach achtzehn Jahren noch bis in jede Einzelheit an sie erinnern würde. Erhrlich gesagt, mir war die Landschaft an jenem Tag völlig egal. Ich dachte an mich, an das schöne Mädchen an meiner Seite, ich dachte an uns beide und dann wieder an mich selbst. In jenem Alter kehrte alles, was ich sah, was ich fühlte, was ich dachte, am Ende wie ein Bumerang stets zu meiner eigenen Person zurück. Noch dazu war ich verliebt. Und diese Liebe hatte mich in eine entsetzlich komplizierte Lage gebracht. Schon deshalb gab es für so etwas wie eine Landschaft keinen Platz in meinem Kopf.

Und doch kommt mir, wenn ich heute zurückdenke, als erstes die Wiese in den Sinn. Der Duft des Grases, die Brise mit ihrem Anflug von Kühle, die Hügelkette, das Hundegebell. Alles ist ganz deutlich, so deutlich, als müßte ich nur die Hand ausstrecken, um es zu berühren. Aber in dieser Szenerie gibt es keine Menschen. Niemanden. Naoko nicht und mich auch nicht. Was wohl aus uns geworden ist? Wie konnten wir einfach so verschwinden? Alles, was mir damals so wichtig schien – Naoko, ich und meine damalige Welt: Wohin sind sie nur verschwunden? Dabei kann ich mich ja kaum noch an Naokos Gesicht erinnern. Geblieben ist mir nur dieses menschenleere Bild.

Ähnlich wie Schatten in der Dämmerung allmählich immer länger werden, bis die Dunkelheit sie ganz verschluckt, entfernte sich mein Gedächtnis tatsächlich immer weiter von Naoko, ebenso wie es sich immer weiter von meinem damaligen Ich zu entfernen schien. Allein die Landschaft, die Wiese im Oktober, spulte sich wie eine Schlüsselsequenz in einem Film immer wieder vor meinem inneren Auge ab, drängte sich stets von neuem in mein Bewußtsein. Und jedesmal, wenn diese Landschaft in meinem Kopf erschien, versetzte sie mir einen Stoß. He, wach auf, ich bin noch da, wach auf, wach auf und überleg dir den Grund dafür, überleg dir, warum ich noch da bin…

Haruki Murakami, „Naokos Lächeln“

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12 Gedanken zu “Naokos Lächeln

  1. schönes buch. hab es nach „die gefährliche geliebte“ gelesen… und damit meinen eindruck vom relativ „normalen“ murakami (fälschlicherweise) zementiert. danach hat mich „mister aufziehvogel“ ganz schön weggeschossen 😀

      1. bei „kafka am strand“ hatte ich mich dann wieder berappelt 😀 „der schafsmann“ folgte, „sputnik sweetheart“ hinterließ irgendwie gar keine spuren… aber das neue (dessen titel ich jetzt vergessen habe… irgendwas mit wundersam und herrn tanaka?) hat mir wieder sehr gefallen.

        1. Das Buch mit dem schönen Titel „Die Pilgerreise des farblosen Herrn Tazaki“. Da genieße ich Murakami ja nur in vergleichsweise homöopathischen Dosen..;-) – Durch die Verfilmung von „Naokos Lächeln“ bekam ich erstmals wieder richtig Lust auf ihn. Mal sehen, wie sehr er mich diesmal packt…

            1. Ja, das kenne ich, ging mir erst kürzlich mit Jan Costin Wagner so, wobei ich in seinem Fall wirklich zum ersten Mal eine kontinuierliche Steigerung von Buch zu Buch erlebt habe. Sehr schön war das.

                1. 🙂 – Vorausgesetzt Du magst Krimis… und Wagners Kimmo-Joentaa-Reihe hat ganz besonders viel Tiefgang. Am besten in der richtigen Reihenfolge, siehe Wikipedia!

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