Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Aber es ist nicht möglich, die Wahrheit über sich selbst zu schreiben.

Man schreibt und versteckt sich. Man kleidet sich in Sprache.

Was Maurice Blanchot über Kierkegaard schrieb, gilt auch für Rousseau: „Indem er bis zu einem gewissen Grad unaufhörlich über sich selbst spricht und die Begebenheiten in seinem Leben reflektiert, stellt Kierkegaard für sich selbst die Regel auf, nichts Wichtiges über sie auszusagen, und gründet seine Größe darauf, das Geheimnis zu bewahren. Er erklärt und verhüllt sich.“

Allan Ramsay, "Portrait von Jean-Jacques Rousseau" (1766)
Allan Ramsay, „Portrait von Jean-Jacques Rousseau“ (1766)

Das armenische Gewand ist eine Verkleidung, und auf die gleiche Art schreibt Rousseau, um sich zu verbergen. Er sucht nicht Zuflucht in der Natur, sondern versteckt sich in der Literatur, hinter einem Wald aus Worten. Er dichtet sich und seine Umgebungen, und so muss es wohl auch sein. Rousseau ist nicht anders, er macht sich anders, der Schriftsteller, der uns glauben machen möchte, dass er ein Kind der Natur ist, entpuppt sich als der künstliche Held schlechthin; ein Provokateur, ein Flaneur, ein echter und wahrer Poseur: „Einzig und allein ich. Ich fühle mein Herz – und ich kenne die Menschen. Ich bin nicht gemacht wie irgendeiner von denen, die ich bisher sah, und ich wage zu glauben, dass ich auch nicht gemacht bin wie irgendeiner von allen, die leben. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich doch wenigstens anders. Ob die Natur gut oder übel daran getan hat, die Form zu zerbrechen, in der sie mich gestaltete, das wird man nur beurteilen können, nachdem man mich gelesen hat.“

Wenn man Rousseau dann gelesen hat, ist man voller Bewunderung für den Schriftsteller Jean-Jacques, der Mensch erscheint einem dagegen unzugänglicher, fast schon unsympathisch, aber es ist das Privileg des Lesers, seinem Schriftsteller niemals guten Tag sagen zu müssen: „So bin ich nun allein auf dieser Welt, habe keinen Bruder mehr, keinen Nächsten, keinen Freund, keine Gesellschaft außer mir selbst.“

War es Rousseau, der die Einsamkeit erfand?

Ursprung der Einsamkeit muss die Sprache sein, denke ich…

Tomas Espedal, „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“

Advertisements

7 Gedanken zu “Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

  1. Ich bin zusehends neugieriger auf dieses Buch…
    Interessanterweise habe ich in meiner letztwöchigen Pause eine kleine Fotoserie gemacht, die aktuell unter dem Arbeitstitel „Losing my direction“ in meinen Entwürfen vegetiert. Mal sehen, vielleicht gibt das ein wenig Auftrieb.
    Schönen Abend.

    1. „Losing my direction“ – das ist ein Titel, der mich neugierig macht. Möge das, was sich darunter verbirgt, schon bald an die Oberfläche treiben…

  2. Ursprung der Einsamkeit die Sprache?
    Das verstehe ich nicht. Sollte man das Pferd von hinten aufzäumen- oder wie erkläre ich mir das? In geliebter, gelebter Einsamkeit spreche ich nicht…

    1. Ich glaube, es geht um das durch die Sprache erschaffene Selbstbild, dem gerecht zu werden Einsamkeit zur Folge hat. Kannst Du damit etwas anfangen, Wildgans?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s