Auf weite Sicht

 

Eliza French & Jeff Charbonneau, "Europa" (2010)
Eliza French & Jeff Charbonneau, „Europa“ (2010)

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als wir zunächst die Elektronen und dann auch andere Elementarteilchen des Universums zu manipulieren begannen, war das menschliche Leben einem raschen Wandel unterworfen. Ein Beispiel dafür, wie schnell das alles ging: Noch vor knapp hundert Jahren – bevor Marconi die drahtlose Nachrichtenübermittlung und Edison den Phonopgraphen erfanden – war alle Musik, die jemals auf der Erde gehört worden war, live. Heute ist es nur noch ein winziger Bruchteil: ein Prozent. Der Rest wird elektronisch wiedergegeben oder in den Äther ausgestrahlt, Tag für Tag zusammen mit Billionen Wörtern und Bildern.

Diese Radiowellen verschwinden nicht einfach – wie Licht breiten sie sich aus. Das menschliche Gehirn sendet ebenfalls elektrische Impulse von sehr niedriger Frequenz aus: ähnlich den Radiowellen, die man zur Kommunikation mit U-Booten verwendet, nur sehr viel schwächer.

Auch die Emanationen unserer Gehirne müssen sich, wie Radiowellen, endlos ausbreiten – wohin? Der Raum wird heute als expandierende Blase beschrieben, allerdings ist das nur eine Theorie. Daher ist die Vorstellung vielleicht gar nicht so abwegig, dass unsere Gehirnwellen eines Tages auf geheimnisvollen interstellaren Raumzeitkrümmungen wieder hierher zurückfinden. So könnten unsere Gedanken und Erinnerungen – lange nach unserem Hinscheiden – irgendwann mittels einer kosmischen elektromagnetischen Welle zur Erde zurückkehren, voller Sehnsucht nach der Welt, aus der wir uns selbst vertrieben haben.

Alan Weisman, „Die Welt ohne uns – Reise über eine unbevölkerte Erde“

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13 Gedanken zu “Auf weite Sicht

  1. Kurz nach Erscheinungstermin dieses Buches sah ich einen anderen wie den jetzigen Einband. Man sah in einem ziemlich von Pflanzen überwucherten Parkhaus einen großen Hirschen hochlaufen…

  2. „Gedanken sind lebendige Wesen“, behauptete jemand vor hundert Jahren. Mich fasziniert dieser Gedanke seit ich ihn kennenlernte. Man muss vorsichtig sein, mit dem was man denkt. Einfaches Beispiel, das jeder Erwachsene der sich an seine Schulzeit erinnert kennen dürfte: wenn alle Kinder in der Klasse einen Mitschüler unablässig kollektiv schlecht andenken, wird er irgendwann zum Aussenseiter werden.
    Sonntäglichbrütendheisse Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Wisemans Vorstellung ist faszinierend, solange es sich um gute Gedanken und Erinnerungen handelt. Die Tatsache, dass sich auf die Art aber auch die schlechten ausbreiten könnten wohl weniger.

      Tja, auch hier steht immer noch die Luft, obgleich der Regen längst schon am Himmel. Einen schönen Restsonntag Dir und eine gute, wohltemperiertere Woche!

      1. Vielen Dank für den Wunsch für wohltemperierte Woch – danach siehts nach der Wetterwahrsage eher nicht aus…
        Diese „Blasentheorie“ wird wahrscheinlich Bezug nehmen auf die Sphärentrilogie von Peter Sloterdijk. Im Zentrum des ersten Bandes steht die Blase als soziales Medium (sehr vereinfacht gesprochen). Für mich war die Trilogie so schwierig, dass ich gegen Ende des zweiten Bandes schlicht aufgegeben habe. Aber der Versuch wars allemal wert.
        Wochenanfänglichdrückendheisse Grüsse vom Schwarzen Berg

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