Liebes Tagebuch

Liebes Tagebuch, Fronleichnam 2014. Es hat mich Überwindung gekostet.

H. heute zum ersten Mal im Pflegeheim besucht.

Ein Häuflein Mensch, und gleichzeitig liegt da der harte Kern dessen, der er einmal war. Spitze Knochen unter weicher Haut. Und der Mund eines Kindes, der jedes Wort nachspricht. Über das ein oder andere lange nicht gehörte scheint er sich zu freuen. Dreht und wendet es, während vieles, was er selbst zu formulieren versucht, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt ist.

Am Ende bleibt eine verbogene Leitplanke.

Die Schwester nimmt kein Blatt vor den Mund. Ein Bewohner in ähnlicher Lage ist kürzlich verstorben. Ein Segen. H. fällt ihr mit seiner Antwort überraschend klar und deutlich ins Wort: Lasst sie doch alle noch ein wenig leben!

Wer sind wir, ein Urteil zu fällen, wann es das wert ist. Hehre Gedanken werden manchmal im selben Moment ad absurdum geführt. Das Leben selbst behält sein Geheimnis für sich. Bis zum Schluss.

Ich denke an die Zeilen von Helma Sanders-Brahms:

Leinen,

Handgewebtes Leinen, das den ganzen Winter über nach Sommer duftet.
Rau ist es am Körper, wie eine feine Massage bei jeder Bewegung, damit das Blut des Schläfers lebendig bleibt, während er in seinen Träumen den Himmel sucht.
In den Schränken früher die Rollen, aus denen Laken und Betttücher geschnitten wurden, auch die für den letzten Gang.

So war das einmal.

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7 Gedanken zu “Liebes Tagebuch

  1. Ich habe mich oft gefragt, ob am Ende wirklich der harte Kern des Menschen übrig bleibt. Und wenn ja, was diesen Kern ausmacht. Das große Thema Identität. Was von uns überdauert die Zeit, und was muss mit der Zeit gehen.

  2. Nachtrag: „Was von uns überdauert die Zeit“ ist natürlich schon der falsche Ansatz, und würde bedeuten, dass es irgendetwas in uns gäbe, das nicht wir ist.

    Ein Tagebucheintrag zum Nachdenken. Danke.

    1. Liebe Tikerscherk, schön dass Du wieder da bist! Aus den Kommentaren zu Deinem letzten Eintrag entnehme ich, dass Du alles gut überstanden hast und hoffe, Du bist weiterhin auf dem besten Wege der Erholung!

      Der Mensch, um den es hier geht, wurde nach einem Herzstillstand viermal reanimiert. Das Gehirn war zu lange ohne Sauerstoff, als dass er ins selbe Leben hätte zurückgeholt werden können. Das Frappierende ist wirklich, dass der, der er einmal war, immer noch greifbar ist. Und ich glaube, dieser harte Kern hat in der Tat nichts mit etwas zu tun, das nicht wir sind, sondern im Gegenteil: Etwas, das wir sind jenseits der Persönlichkeit, die wir uns zugelegt haben. Einen Anspruch darauf, die Zeit zu überdauern, hat natürlich auch das nicht.

    1. Es ist eben nichts leichter, als den Wert des Lebens an der Leistungsfähigkeit zu bemessen. Dabei sollte den Menschen genau das Gegenteil auszeichnen. Aber natürlich ist alles noch viel, viel komplexer, denkt man nur an die Rolle der Medizin…

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