Dinge des Lebens

Michel Piccoli in "Die Dinge des Lebens"
Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens“

Zum ich weiß nicht wievielten Male Die Dinge des Lebens (Les choses de la vie) von Claude Sautet angeschaut. Einer meiner Lieblingsfilme. Nicht wegen des Kette rauchenden Michel Piccoli und der wie immer unvergleichlichen Romy Schneider, nicht wegen seiner technischen und ästhetischen Brillanz, sondern weil ich den Film das erste Mal mit meiner Oma sah. Da war ich noch keine 15.

Ein erfolgreicher Architekt, der in einem ungeklärten Dreiecksverhältnis lebt, wird bei einem Autounfall schwer verletzt und stirbt zwei Stunden später. Während der Fahrt lässt er les choses de son vie Revue passieren.

Ob der Film es tatsächlich vermag, den vermeintlichen Belanglosigkeiten eines Lebens aus der Perspektive des Todes Bedeutung zu verleihen, will ich nicht beurteilen. Für mich schöpft er seinen Wert aus der oben erwähnten Zweisamkeit und allem, was jemals über Leben, Liebe und Tod zwischen meiner Oma und mir ungesagt blieb. All das finde ich ausgesprochen in seinen bewegten Bildern, jedes Mal, wenn sie über den Bildschirm flimmern.

Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in "In einer besseren Welt"
Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in „In einer besseren Welt“

Ein anderer Film, der mich wie lange keiner sehr berührt hat, war In einer besseren Welt (Hævnen) der dänischen Regisseurin Susanne Bier. Eine so feinfühlige wie komplexe Allegorie auf die biblischen Motive von Schuld und Rache. Obwohl der Film darauf verzichtet, eindeutige Antworten zu geben und die Fehlbarkeit für immer in unser Genom implantiert ist, bleibt am Ende eine leise Zuversicht. Es fallen so schöne Sätze wie: „Vom Tod trennt uns nur ein hauchzarter Schleier, und wenn ein Mensch stirbt, der uns nahe steht, hebt sich dieser Schleier für einen kurzen Moment, und wir sehen dem Tod ins Gesicht.“ An den Jungen gerichtet, der den Anblick seiner Mutter nicht vergessen kann. Im Tod sah sie aus wie ein Kind. Als wäre sie nie seine Mutter gewesen. „Bis er wieder fällt, dann wird alles wieder besser.“

Ich habe mich schon als Kind mit dem Tod beschäftigt. Natürlich ohne ihn wirklich denken zu können. Der Tod war einfach eine andere Art von Leben. Ob ich mich selbst darin wiedererkennen würde? Oder wäre Ich dann ein Anderer? Es war dieses Über-sich-selbst-Hinausgehen, das ich mir nicht vorstellen konnte und das mir eigentlich schon ein Leben lang Angst macht. Warum das schon immer so war und woher es rührt, kann ich mir mit Ereignissen in diesem Leben nicht erklären. Ich glaube nichts und halte alles für möglich.

Im Moment lese ich „Eismond“ von Jan Costin Wagner. Eine Empfehlung von Jarg. Es ist wirklich schön:

Er versuchte sich den letzten Moment seines Lebens vorzustellen und den ersten Moment danach, den es nie geben würde.

Er versuchte sich einen Moment vorzustellen, den es nicht gab.

In seinem Kopf summte eine Melodie, die immer wiederkehrte und von der er nicht wußte, woher er sie kannte.

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27 Gedanken zu “Dinge des Lebens

  1. Ich glaube nicht daran, den Tod denken zu können. Wie etwas denken können, was das ganz Andere ist. Wir sind auch noch in den Stunden des Sterbens so sehr im Sein, was auch immer wir dann fühlen werden, das uns das Nicht-Mehr-Sein kein Gegenstand des Gedachten sein kann. Spannend wird es allemal und wenn ich es jetzt recht bedenke ist es nicht das Nichts, was uns Angst bereitet, sondern das Nicht-Mehr-Sein. Oder vielleicht ist alles auch ganz anders …………….

    Liebe Grüße

    Achim

    1. Mir kommt der Tod vor wie der ultimative Kontrollverlust. Sehr beunruhigend einerseits, andererseits auch wieder spannend, da gebe ich Dir recht, Achim. And the rest is rust and stardust..;-)

  2. „Er versuchte sich einen Moment vorzustellen, den es nicht gab.“ Das ist der Satz des Tages.
    Den Film mit Michel Piccoli habe ich auch irgendwann gesehen. Den Schauspieler mochte ich sehr gern. Vielleicht weil der so unmittelbar war.

  3. „Die Dinge des Lebens“ habe ich nur einmal gesehen, und nicht mal von Anfang an (leider) und vor sehr langer Zeit und es ist irgendwie sehr schön, heut wieder daran erinnert zu werden. Die Fragen nach den vermeintlichen Belanglosigkeiten haben bei mir allerdings keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber die Sache mit dem Abschiedsbrief, der im Nachhinein keiner sein sollte (?), die hat mich sehr beeindruckt. Ein Grund, mir den Film zu besorgen und noch einmal in voller Länge zu gucken, danke für die Anregung!
    Einen schönen Ostermontagabend wünscht Marlis

    1. Ja, der Abschiedsbrief… ich atme jedes Mal wieder erleichtert auf, wenn sie ihn dann doch nicht bekommt und wünsche mir natürlich, dass er auch beim nächsten Mal noch Eindruck auf Dich macht, der Film!

  4. Ich kenne (und mag) den Film auch (allerdings ohne die schönen persönlichen Bezüge, die dich mit ihm verbinden) und auch das andere, das Denken an den Tod von klein auf, ist mir vertraut. Ich weiß noch, dass ich immer Angst hatte, meinen Kindern erklären zu müssen, was das ist, der Tod, ihnen eine Antwort darauf geben zu müssen, ob auch sie sterben müssen. Sie haben nie gefragt. Und ich habe trotzdem nie aufgehört, mich vor dem Moment zu fürchten.

    1. lebe die Fragen und die Antwort wird sich finden, als mein Mann vor (ich kann es nicht fassen) 4 Jahren Zuhause plötzlich starb, wurde die genau so ständig vor mir stehende Frage akut und der Film, den wir auch zusammen gesehen hatten, fiel mir wieder ein. Wie geht man aus dem Leben. ..jeder seinen eigenen Tod, wie Rilke so schön sagt!
      Meine Tochter konnte von ihrem Vati ABSCHIED nehmen, aber das Kopfkissen hört nicht auf. Der Film weckt immer wieder Gedanken in alle Richtungen.

    2. Meine haben auch nie gefragt. Als sie damit konfrontiert wurden, waren sie schon so groß, dass wir unbefangen über alles reden und spekulieren konnten. Aber ich erinnere mich, wie meine Tochter, als sie noch klein war, immer in den Sternenhimmel guckte und den hellsten als ihre chilenische Oma ausmachte…

  5. Das ist unglaublich, wie viel ich bei dir entdeckte, das ich auch liebe. Und wenn ich es noch nicht kannte, dann lieben lerne. Das ist einer meiner liebsten Filme, diese wiederkehrende Sequenz, in der der Unfall in Zeitlupe gezeigt wird haut mich immer wieder um. Und die wunderschöne Musik, die wundervolle Romy Schneider, die Stärke und Größe der Ex-Frau… jetzt will ich ihn auch wieder sehen!
    Hævnen mochte ich nicht so gern, ich kam da irgendwie leer aus dem Kino. Aber du hast einen schönen Text zu beiden Filmen und deinem Nachdenken über den Tod geliefert! Danke dir, Pagophila!

    PS: Merkste was?

    1. Es freut mich sehr, das zu lesen, Asallime..:-) – Bei Hævnen irritierte mich zu Anfang die Hollywood-Optik, diese glatt geschmirgelten und blank polierten Bilder, was ich eigentlich nicht mag, bis mich die Beziehungsgeflechte in ihren Bann und damit quasi unter die Oberfläche gezogen hatten. Die Kritiken fallen auch in der Tat ganz unterschiedlich aus…

      PS: Hab’s gemerkt..;-)

  6. Einer dieser französischen Filme, die ich nicht kenne. Ich werde ihn mir ansehen, wenn der Kopf wieder frei ist von dem Schafskäse, der Pasticchieria, dem Terrano und…
    Vielen Dank für den Hinweis & schöne Grüsse aus Tergeste

    1. Mittlerweile sind all die Kulinaria vermutlich echtem Trouble gewichen. Betrachte den Film einfach als Schmankerl, das Dich erwartet, wenn die Umzugskisten ausgepackt und alles wieder seinen Platz hat…

  7. Sich bereits als Kind mit dem Tod zu beschäftigen und auseinanderzusetzen, das kennen wir auch. Mir gefällt sehr, wie Du hier darüber schreibst.
    Lieben Dank dafür!
    Die Bücher von Jan Costin Wagner haben dm und ich gelesen und arg genossen. Ihnen ist eine Unaufgeregtheit und Klarheit eigen, die man in Krimis nicht zwingend vermutet.

    Beste Grüße, mb

    1. Danke Dir, mb! Die Langsamkeit in Wagners Krimi ist wirklich eine Entdeckung. Ohne zu wissen, was mich erwarten würde, habe ich vorsorglich mit dem ersten Band der Reihe angefangen und werde, so wie es sich anlässt, wahrscheinlich nahtlos anknüpfen…

  8. Die Auseinandersetzung mit dem Tod. ich mag deine Art Verknüpfungen herzustellen und darüber zu schreiebn so gerne, weil sie den klugen und empfindsamen Menschen dahinter zeigen.

      1. Ach du! Du widmest mir immer wieder so gute und liebe Zeilen, dass dieses Komliment dir ganz alleine gebührt.

        (Und entschuldige bitte die Tippfehler, die ich ständig mache)

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