1913

Giorgio de Chirico, "Mystery and Melancholy of a Street"
Giorgio de Chirico, „Mystery and Melancholy of a Street“ (zwischen 1911 und 1919)

Das Psychologische, das Transzendentale liegt in der Luft. Der Italiener Giorgio de Chirico malt 1913 seine erste richtige „metaphysische Landschaft“, wie sie Guillaume Apollinaire nennt. Sie heißt „Piazza d’Italia“ und zeigt: die Leere…

Böcklin und Klinger waren de Chiricos künstlerische, Schopenhauer und Nietzsche seine geistigen Väter – und sie braucht de Chirico für seine Studien der Einsamkeit des einsamen Menschen nicht mehr. Denn das ist der Betrachter selbst, der unweigerlich hineingezogen wird in die Sinnlosigkeit des neuen Jahrhunderts. Oder wie es de Chirico selbst sagt: „Die Kunst wurde durch die modernen Philosophen und Dichter befreit. Nietzsche und Schopenhauer lehrten als erste die tiefe Bedeutung des Nicht Sinns des Lebens und wie dieser Nicht Sinn verwandelt werden könnte in Kunst. Die guten neuen Künstler sind Philosophen, welche die Philosophie überwunden haben.“ Deshalb führt de Chirico die Perspektive, das Symbol der Orientierung, ad absurdum. Und wird genau dadurch zu einer schnell in Paris, Berlin und Mailand verehrten Orientierungsfigur auf einem zunehmend schwankenden Untergrund.

Florian Illies, „1913“

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14 Gedanken zu “1913

      1. ZU Beuteschema fallen mir Beutemacher ein. Das hängt natürlich mit dem Bembeltowner Wochenende zusammen. Rolf Silber – Beutemacher (Eichborn). Klasse Kriminalroman, der in Frankfurt spielt. Das ist normalerweise nicht mein bevorzugtes Genre, aber dieses Buch hat mich begeistert.
        Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg.

  1. Man kann die harmlose Ahnungslosigkeit des Mädchens, das auf den Schatten zusteuert fast greifen. Und weiß nicht, wie man sie stoppen soll. Für mich ist das Grauselig. Von diesem Anblick werde ich lange was haben.

      1. Ich glaube nicht. Damit wollte ich nur sagen, a: das Bild ist hervorragend komponiert und b: so etwas würde ich mir nie aufhängen. Dann ist das nicht weiter schlimm.
        Glückwunsch, wenn jemand solch eine Leistung vollbringt. Es gehört nicht nicht nur handwerkliches Können dazu. Man muss eine Situation begreifen; nur dann ist man sie auch mit diesen Mitteln darstellen. Es gibt und gab viel mehr Elend auf der Welt als ich es mir ausmalen kann. Immer ist es vom humanen Standpunkt aus gesehen sinnlos. Wer sich selbst die Fingerkuppe zerquetscht wird so seine Gründe haben. Wer aber es braucht, dass ein anderer dies tut, um Glücklich zu sein … das verstehe ich einfach nicht. So etwas gibt es ja. Je nach Gegebenheit werde ich apatisch oder hilfsbereit. Egal kann mir so etwas nicht sein. Aber man muss auch an seine Gesundheit denken. Selbstaufgabe ist selten hilfreich.

  2. Ich mag De Chirico sehr…
    Willkommen! Ich darf dir mitteilen, du warst augenscheinlich die 3333. Besucherin! Liebe Grüße, Ninou

    1. Ja, ein offensichtlicher Knacks in seinem Denken und Schaffen, vermutlich auch in seinem Leben. Diese Ansicht von Venedig ist in meinen Augen geradezu unansehnlich… wie billiges Dekor auf einem Souvenirartikel.

  3. Dies scheint mir das einzige Manko von !1913″ zu sein, wofür der Autor jedoch nicht belangen ist: Es zeigt einen Jahresausschnitt aus dem Leben verschiedener Akteure. Durch die Auswahl des Autors werden dabei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten präsentiert. Durchschnittsleser, zu denen ich mich auch zähle, kennen zwar die wichtigsten Lebens- und Werkdaten jener Persönlichkeiten aber Irritation wie die im Kommentar von emhaeu genannte sind da fast zwangsläufig.
    De Chirico hatte sich meines Wissens gegen Ende der 1920er Jahre künstlerisch einem ganz anderen Stil zugewendet. Zuvor war er 1917 schon ganz in der Nöhe der (sehr rechtslastigen) Futuristen zu finden.
    Die Schwierigkeit des Buches von Illies liegt meines Erachtens darin, sich wirklich nur auf die geistige Situation dieses einen Jahres 1913 zu beschränken. Jegliche temporale Kontextualisierung fürht wahrscheinlich früher oder später auf schwankenden Boden.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Für mich ist „1913“ eine anregende Collage mit Versatzstücken aus einem viel größeren Zusammenhang… der Blick durchs Schlüsselloch in einen Elfenbeinturm, der natürlich, wie alles andere auch, ins Schwanken geraten musste. Oder in sich selbst zusammenstürzen. Und während die ausgewählten Protagonisten Geschichte schreiben oder um sie herum diese geschrieben wird, sind sie, wie immer der Mensch, zu einem nicht unerheblichen Teil der Zeit mit ihren Befindlichkeiten beschäftigt. Der Sommer des Jahrhunderts, und keiner hat’s gemerkt. Ich glaube, auch darum ging es Illies. Das zu zeigen.

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