Rabbit Hole

Merkwürdige Blüten treiben in meinem Garten der Trivialitäten ihr Unwesen. Wer dies liest, möge es mir nachsehen, dass ich derzeit nur über meine Befindlichkeiten und den Kelch schreiben kann, der nicht vorüber ziehen mag. Oder gleich das Weite suchen.

Drei freie Tage gingen mit Konsultationen meiner Hausärztin dahin, nachdem die Nebenwirkungen diverser Blutdruck senkender Medikamente mich immer wieder an die äußersten Ränder der Verzweiflung brachten. Reizhusten, Tachykardien, Panikattacken, Synkopen, das volle Programm. Ich will gar nicht weiter ins Detail gehen. In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so elend gefühlt wie in diesen Tagen. Da fällt es schwer, seinen Galgenhumor nicht zu verlieren. Den beiden Pharmaburschen, die zu allem Überfluss wie Maden im kranken Speck des Wartezimmerpersonals saßen, wäre ich am liebsten an die weißen Kehlen gesprungen. Mittendrin weigerte ich mich, überhaupt noch etwas einzunehmen, was leider die schlechteste aller Alternativen ist. Die gute Nachricht: Es gibt noch andere. Die weniger gute: Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis das ideale Mittel zum Zweck gefunden ist. Ich mutiere also zum Versuchskaninchen und nage nun an einem Betablocker.

Da fällt es auch schwer, von sich abzusehen. Alles um mich her dümpelt vor sich hin. Mein Seelentröster ist immer noch Imre Kertész, wenngleich ich zu jung und nichtsdestotrotz zu gesund bin, um mich mit einem 75igjährigen, an Parkinson erkrankten alten Mann zu identifizieren. Aber ich mache mir nicht gerne etwas vor, und es gibt Stellen von entwaffnender Ehrlichkeit in der Letzten Einkehr:

Manchmal fühlt er sich noch irgendwie unsicher. Der archimedische Punkt der Identität ist, wie es scheint, der andere. Die Existenz des anderen ist zugleich mein Identitätsbewußtsein. Fehlt der andere, erleiden wir außer Liebesverlust und Trauer auch die Unsicherheit des Rollenverlustes. Die gemeinsame Identiät erweist sich manchmal als unechter Stil, gegen den wir unerwartet verstoßen. Und trotzdem verhelfen wir dann nicht der Wahrheit zu ihrem Recht, sonder begehen – so fühlen wir wenigstens – Verrat. Der Mensch sucht sich sozusagen unaufhörlich zu entschuldigen: Trauer ist das schlechte Gewissen des Überlebenden.

Ein Trost war mir in diesen Tagen auch die Anwesenheit der Tochter. Wir haben zusammen Musik gehört und Rilke gelesen, der mich für Stunden alles vergessen ließ, was momentan befremdlich ist in meinem Leben: Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem und mal es auf Goldgrund und groß und halte es hoch, und ich weiß nicht wem löst es die Seele los…

Ich hasse Plattitüden, aber die Hoffnung, dass es nur besser werden kann, stirbt zuletzt.

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19 Gedanken zu “Rabbit Hole

  1. Den Trost von Kindern und Büchern kann ich sehr gut nachvollziehen und was die Medikamente angeht, kann es Dir vielleicht Mut machen, dass mein Mann dasselbe Problem hatte wie Du und mittlerweile ein wirksames Mittel gefunden hat? Ich hoffe Du tust es ihm schnellstmöglich nach. Alles Gute!

    1. Danke, Elke, das macht mir durchaus Mut. Ich hatte mich schon für einen Hypochonder ersten Grades gehalten, aber dieses Biest trieb mir meine Ärztin gleich aus. Natürlich projeziere ich Teile dessen, was ich mit meinen Nächsten erlebt habe, auf mich selbst, aber ich vertraue darauf, dass sich auch das legt, wenn das passende Medikament gefunden ist und ich wieder in ruhigere Fahrwasser gelange.

  2. Dass es nicht zum Besten bestellt ist, dachte ich spontan bei dem letzten Calexico Post. Ausgrechnet das Cover von Nick Drake. An seinen Liedern habe ich gelernt, wie schnell es „die Bach runtergehen kann“, wie man in Hessen sagt. Ein, uwei Jahre vorher bei Tim Buckley fand ich es noch kuhlkokett. In meiner WG fiel auf, dass ich offensichtlich anders reagiere als die andern Kumpane. Umso schlechter es denen ging, desto seichter wurde die Musik: sunny Westcoast easy Listening. Bei mir dagegen: düsterdüstereramdüstersten. Musik und Texte und Literaturen. Ich muss es damals wohl für eine Art von Homöopathie gehalten haben: similis similibus curantur. Heute weiss ich, dass ich damit nicht bloss unnötig steinige Umwege gelaufen sondern auch an schroffen Abgründen entlanggeschlittert bin. Ich habe Glück gehabt am langen Ende in zweifacher Hinsicht. Nicht nur bin ich von seichten oberflächlich ablenkenden Banalitäten verschont geblieben, sondern habe überdies gelernt, bei niderdrückend empfundenen Zuständen von zu Ähnlichem mich fernzuhalten. Eines der Ergebnisse war, dass ich nach über dreissig Jahre periodisch auftretender schwerer Migränen mich innerhalb von zwei Monaten von dieser Bedrückung ohne Medikamente befreien konnte.
    Entschuldige den persönlichen und vielleicht zu ausführlich direkten Kommentar.
    Ich wünsche dir einen sonnigen Tag

    1. Ausführliche persönliche Kommentare sind mir willkommen, Herr Ärmel. Danke dafür. Vielleicht hast Du ja recht, wenn ich mich dem Schweren nicht grundsätzlich näher fühlen würde. Es zu meiden, gelingt mir in solchen Situationen noch weniger als in Zeiten, in denen es besser bestellt ist. Warum das letzten Endes so ist, wüsste ich manchmal auch gerne. Das Leben gibt einem leider viel zu viele unlösbare Rätsel auf…

      1. Ich kann deine Argumentation nur zu gut nachvollziehen. Näher fühlen. Ich weiss, wie schwer es ist, eine Gewohnheit zu verändern.
        Und weil du Rilke erwähntest: „…es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treusein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht….“ (aus der 1. Duineser Elegie)
        Dennoch lohnt es sich, „Gewohnheiten, denen es bei uns gefällt“ zu überprüfen und gegebenfalls rauszuschmeissen und andere, neue Gewohnheiten, die uns stärken und positive Entwicklungen ermöglichen zu üben.
        Ich wünsche dir eine gute Woche.

        1. Ich weiß nicht, ob mir der Begriff „Gewohnheit“ in diesem Zusammenhang gefällt. Es ist doch auch eine Frage der Anziehung. Dass starke Gefühle auch destruktiv sein können, ist mir dabei schon klar, aber darüber muss ich erst noch nachdenken.

            1. Ach, Herr Ärmel, es gibt doch nichts Schöneres als starke Anziehungskräfte. Wenn etwas Einzug hält unter unsere Haut und unseren Blick in tiefste Tiefen lenkt. Da werden Gewohnheiten gebrochen nicht geboren…

              1. Ich bezweifle, ob starke Anziehungskräfte ausnahmslos als schön (oder gar superlativisch das Schönste) zu bezeichnen sind. Das hängt meiner Meinung nach von der Qualität der jeweiligen Anziehung ab.
                Sonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

  3. Trauer ist das schlechte Gewissen des Überlebenden – mich holt gerade, neben der ganzen Stimmung Deines Beitrages, auch dieser Kertesz-Satz ein. Was nicht heißt, dass ich Wegbleiben/lesen will von Deinem Blog – also nicht das Weite suchen – sondern dasein, in dem ich mit lese und teile. Ich hoffe, Dir geht es körperlich bald wieder besser – den Pharmaburschen springe ich gerne mal stellvertretend an den Hals. Und wünsche Dir aus der Ferne viel Rilke und töchterliche Liebe (falsche Reihenfolge, drehe es bitte um).

    1. Danke für Deine lieben Worte, Birgit. Die Parallele zu den Zitaten in Deinem Klüger-Portrait heute ist mir sofort aufgefallen. Nur Kertész drückt es noch um einiges gnadenloser aus. Und eine falsche Reihenfolge gibt es in dem Fall nicht. Beides war in diesen Tagen eng miteinander verknüpft.

  4. Diese weißhalsigen Pharmaburschen finde ich exzellent beschreiteufelt!
    Zu solchen Dingen könnte/sollte man stets die Meinung nicht nur einer einzigen Medizinerin einholen, aber sicher weißt du da Bescheid….
    Gruß von der Langhalsgans

  5. Liebe Pagophila, Dein Text, der ganz zu recht „raus musste“ spricht uns in seiner Offenheit und Reflektion sehr an. Und der Satz von Kertész, „Trauer ist das schlechte Gewissen des Überlebenden.“, scheint das Thema (u.a.) vermutlich auf den Punkt zu bringen.
    Entscheidend empfinde ich in solchen Situationen vor allem die Beziehung Patient-Arzt, oder Patient-Therapeut. Ich glaube, dass man – trotz aller Belastung und Hilflosigkeit hinsichtlich der gesundheitlichen Einschränkungen – doch genau spürt, wo man aufgehoben ist und ernstgenommen wird. Für diesen Weg wünschen wir Dir viel Geduld und vor allem jemanden, zu dem Du Vertrauen entwickeln kannst.

    Liebe Grüße, mb und dm

    1. Ich fühle mich gut aufgehoben bei meiner Ärztin. Wir kennen uns schon länger, und die gegenseitige Einschätzung gelingt ganz gut, glaube ich. Ja, und der Satz von Kertész hat für mich eine Schlüsselfunktion bekommen, seit ich ihn zum ersten Mal gelesen habe. Danke Euch beiden und herzliche Grüße!

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