Trivialtagebuch

Mich am Freitag mal wieder unter Menschen gemischt.

Die Tatsache, dass mein Gehalt ausnahmsweise schon an diesem letzten Werktag des Monats auf dem Konto war, machte mich ein bisschen manisch. Die milden Temperaturen taten ihr übriges. Wie von leichter Hand geleitet schlenderte ich zur Conchiglia, dem mit den Freundinnen vereinbarten Treffpunkt.

Der Name lässt ein lauschiges Plätzchen vermuten, aber wie mir ging es augenscheinlich auch anderen. Die kleine Muschel platzte schier aus ihren Schalen. Auf Cosimos Gesicht wie üblich nicht die Spur einer hellen Freude. Als säße im Hinterzimmer ein Abgesandter der Camorra, fegt er mit finsterer Mine durch die Tischreihen und gibt dennoch den Gasparo. Es wirkt wie Galgenhumor und lässt einem das Lächeln auf den Lippen mehr gefrieren denn erblühen.

Nichtsdestotrotz: Die Stimmung an unserem Tisch und das Essen waren gut.

Anschließend noch in den zum aktuellen Inlokal unserer Generation mutierten ehemaligen Weinkeller. Antikes Gemäuer mit einer Mischung aus Moder und Bierhefe in der Luft, dazu eine exorbitante Geräuschkulisse, in der sich eins vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt.

Erstmal eine rauchen.

Den Gedanken hatten noch zwei andere Gesellen, von denen der eine aussah wie ein Räuberhauptmann, der andere wie sein Vasalle. Die machten sich auch sofort an den Heizstrahlern zu schaffen. Gas aufdrehen und Zippo drauf halten. Du mache Feuer, dachte ich, während zischend eine Stichflamme in den schwarzen Nachthimmel züngelte.

Auf einer Schiefertafel wurden hier immerhin Helle Freude und dazu noch ein Primitivo angepriesen. Ich konnte mich nicht entscheiden und bestellte Apfelschorle. Ich dachte, viel Trinken würde vielleicht der Stimme helfen, aber schon nach einer halben Stunde gegenseitigen Anschreiens brachte ich keinen Ton mehr heraus.

Als ich später unter meine Trudeltupfenbettwäsche kroch und mich in die Letzte Einkehr versenkte, entfuhr mir ein seliger Seufzer:

5. Dezember 2003 Wie es scheint, ist es nötig, ein Trivialtagebuch zu führen. Nicht sicher, ob es wirklich so ist.

Dass mein Trivialtagebuch dem eines Imre Kertész nicht das Wasser reichen kann, brauche ich hoffentlich nicht extra zu erwähnen.

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8 Gedanken zu “Trivialtagebuch

  1. Primitivo…den Wein kenne ich vom Karstadt, 3,99 €, wenn mich nicht alles täuscht. Wäre ein perfekter Eintrag in ein Trivialtagebuch. Zuviel Primitivo nach einem Abend gegenseitigen Anschreiens im Weinkeller 🙂

    1. Schön gesagt, aber ich fürchte, das kann ich nicht. Und ich meine das nicht kokett. Nichts fällt mir schwerer, als den Trivialitäten des Daseins auch nur einen Hauch von Qualität abzuringen. Kertészs Hadern verstehe ich nur zu gut. Die Stelle passte in dem Moment quasi wie die Faust auf’s Auge, so dass ich dachte, das ist der Moment, es zu wagen. In aller Bescheidenheit, versteht sich..;-)

      1. Ich hatte weder Koketterie noch Überheblichkeit im Sinn. Nur so, ganz schlicht von aussen betrachtet. Unser aller Einzigartigkeit leidet im Vergleich. Gewinnen können wir jedenfalls nicht dadurch. Lernen im günstigsten Fall, aber das nicht ohne ein gewisses Risiko…..

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