Elf Fragen…

…von Herrn Ärmel:

Du wirst fristlos aus Deiner Wohnung geworfen und kannst drei Dinge mitnehmen, welche und warum?

Meine Handtasche.

Neulich nachts schlug ich nämlich in der Notaufnahme auf. Das war kurz nach dem Tod meines Lebensgefährten. Ich nahm an mir selbst Symptome wahr, die schwer auf einen Infarkt schließen ließen. Drei Uhr morgens. Was tun. Als ich meiner Panik nicht mehr Herr wurde, wählte ich die Nummer der Rettungsleitstelle. Sanitäter, Notarzt, schweres Gerät und meine Wenigkeit im Schlafanzug. Als sich der Verdacht nicht aus der Welt schaffen ließ, musste ich mit. Nur nach meiner Handtasche konnte ich noch greifen. Vollständige Entwarnung gab es erst Stunden später im Klinikum, wo sich ein einfühlsamer Kardiologe meiner annahm. Das Herz sei ja nicht bloß ein Organ sondern auch ein Fleck, an dem wir unsere Gefühle verorten. Warum nur bin ich nicht selbst darauf gekommen. Aber panisch lässt es sich nun einmal schlecht denken. In meiner Handtasche befinden sich deshalb drei Dinge: Ein Necessaire, um mich auch in Ausnahmesituationen wenigstens notdürftig zurecht machen zu können. (Ich will nicht, dass man mir meine Miseren auf den ersten Blick ansieht.) Das Buch, das ich gerade lese, zur Wahrung eines Mindestmaßes an Kontinuität. Meine Brieftasche. Um gegen drohende Formalitäten gewappnet zu sein.

 Du verbringst Deinen nächsten Urlaub mit einem Cellisten oder einem Posaunisten – warum?

Mit einem Cellisten.

Weil ich dahinter einen feinsinnigen Menschen der leisen Töne vermute.

Du hast deine letzten hundert Eurotaler. Für was wirst Du sie ausgeben: für ein Kunstwerk oder ein Möbelstück – warum?

Für ein Kunstwerk.

Eines, das in meiner Handtasche Platz hat. Für den Fall, dass ich fristlos aus meiner Wohnung geworfen werde.;-)

Dein Auftrag: ein Jahr lang intensive Beschäftigung mit Bach oder Bibel. Wofür wirst Du Dich entscheiden – warum?

Bach.

Intellektuell fühle ich mich der Bibel zwar eher gewachsen, aber aus eben diesem Grund stellt Bach die größere Herausforderung dar.

Du verlässt Deutschland für den Rest Deines Lebens. Für welches Land wirst Du Dich entscheiden – warum?

Chile.

Ein bislang unerfüllter Traum von mir und meinen Kindern… die Heimat ihres Vaters kennenzulernen.

Hund oder Katze – warum?

Katze.

Falls es so etwas wie Seelenverwandtschaft zwischen Mensch und Tier gibt, empfinde ich sie zu Katzen.

Was schiebst Du immer hinaus – warum?

Hausputz.

Weil ich ansonsten keine Zeit hätte für Dinge, die mir wichtiger sind.

In welchem Theaterstück / Film würdest Du gerne die Hauptrolle spielen – warum?

Dann hätte ich doch bitte gerne die Rolle der Gloria im gleichnamigen Film von John Cassavetes.

Die Begründung findet sich hier

Was würdest Du jetzt sofort gerne anfangen: malen oder musizieren – warum?

Musizieren.

Wenn schon ein Jahr lang intensive Beschäftigung mit Bach, will ich ihn auch spielen!

Von welchem Fotografen (ausser Herrn Ärmel) würdest Du Dich gerne fotografieren lassen – warum?

Steve McCurry.

He brings out the best in human kind.

 Küche oder Schlafzimmer. Auf welchen Raum könnest Du leichter verzichten – warum?

Auf das Schlafzimmer.

Schlafen könnte ich zur Not auch im Wohnzimmer. Eine schöne große Wohnküche aber lässt sich durch keinen anderen Raum kompensieren.

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17 Gedanken zu “Elf Fragen…

  1. Feingefühlte, aussageweite Antworten!
    Meiner Schwester habe ich nach plötzlicher unvorhergesehener KH-Aufnahme meine Reisetasche mit schöner textiler und hygienekosmetischer Grundversorgung hin gebracht.
    Hast du eine Katze?
    Eine verstorbene Freundin war als Kind glücklich in Chile, lebenslange Sehnsucht blieb- nun ist sie vielleicht dort!?
    Auch dein Schreiben: Seinserschließung. –

    1. Ein gesundes Maß an Eitelkeit ist der Genesung durchaus dienlich, finde ich.

      Zur Zeit habe ich keine Katze, bin aber auf der Suche. Sobald ich eine geeignete Gefährtin gefunden und sie hier Einzug gehalten hat, werde ich das aber sicher kundtun..:-)

      Seinserschließung… das gefällt mir. Danke dafür!

  2. So schwierige Fragen, so schwierige Entscheidungen. Ich möchte mich so etwas immer gar nicht stellen. Aber Du machst das meisterhaft…Bach ist eine hervorragende Wahl. Ich geh jetzt Musik hören 🙂

    1. Mir fällt es eigentlich auch eher schwer, mich festzulegen, aber so eine kleine Standortbestimmung mit entsprechend anspruchsvollen Fragen kann einem Dinge enthüllen, von denen man vorher vielleicht gar nicht wusste. Und im besten Fall eröffnen sich durch eine Entscheidung neue Räume, die weiter sind als die sich schließenden..;-)

  3. Eine kurze Zeit lang habe ich mit einer Chilenin zusammengewohnt, eine sehr faszinierende und enge und deswegen auch anstrengende Beziehung war das, geblieben ist die Sehnsucht dieses Land einmal kennen zu lernen, noch etwas, das wir teilen…

  4. Wieder viele kleine Mosaiksteinchen aus deinem Leben, die das Bild, das ich mir von dir, als einem empfindsamen und klugen Menschen, mache ergänzen.
    Es gibt das sogenannte Broken-Heart-Syndrom (http://www.spiegel.de/spiegelwissen/diagnose-gebrochenes-herz-das-broken-heart-syndrom-a-851025.html). Es klingt ganz so, als hättest du daran gelitten.
    Seit ich das erste Mal, wegen der Herzrhythmusstörungen, mit Krankenwagen in die Klinik musste, schaue ich immer, dass ich mich in jedem Moment frisch und gut gekleidet und ansehnlich fühle,- falls der Notarzt kommen muss. Abhängen in bequemer Hauskleidung, mit struppigen Haaren, kann ich nicht mehr seitdem.
    Ich wünsche dir, dass du mit deinen Kindern irgendwann in naher Zukunft nach Chile reisen kannst!

    1. Wenn sich aus bitterem Erkenntnisgewinn denn tatsächlich Klugheit generieren sollte, ja, was soll ich sagen, das lese ich natürlich gerne. Am bittersten wäre es für mich, eines Morgens aufzuwachen und mir eingestehen zu müssen, eine Zynikerin geworden zu sein. Davor bewahrt mich wahrscheinlich mein Humor. Der ist mir in die Wiege gelegt. Alles andere, well, it’s a long way…

      Dieses Syndrom war mir gänzlich unbekannt, interessanter Artikel und eigentlich nachvollziehbar. Ich denke jetzt übrigens immer an Deine Aktiv-Zuwarten-Devise, wenn ich beim kleinsten Zipperlein glaube, mein letztes Stündlein hätte geschlagen..:-)

      1. Zynisch wirst du nie werden, glaube ich.
        Das Broken-Heart-Syndrom gibt es übrigens auch bei jüngeren Frauen, nicht, dass du denkst ich hätte damit sagen wollen, dass du alt bist (wir sind ja so zeimlich im selben Alter).
        Freut mich, wenn das aktive Zuwarten dir hilft. 🙂

  5. Ich danke dir für diese klugen, ja weisen Antworten.
    Mir ging es beim Lesen wie einigen Kommentatoren vor mir, die Chile-Antwort ist mir aufgefallen. Ich kann es kaum verstehen, dass du trotz einer engen Bindung noch nie dort gewesen bist…
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Das erklärt sich ganz schlicht, obwohl es natürlich auch eine traurige Geschichte ist: Mein erster Mann, der Vater meiner Kinder, kam in den 70er-Jahren als politischer Flüchtling nach Deutschland. Als eine Rückkehr überhaupt erst wieder in Frage kam und kurz nachdem er seinen chilenischen Pass wieder in Händen hielt, ist er an einem Herzinfarkt verstorben. Die Wege des Schicksals sind eben unergründlich…

      Es war mir eine Freude, die Fragen zu beantworten, aber weise bin ich nicht, Herr Ärmel. Von nichts fühle ich mich weiter entfernt als von Weisheit.

      Schöne Grüsse auf den Schwarzen Berg! Das Wieder-Einleben dürfte Dir nicht schwergefallen sein. Denke ich.

      1. Über Weisheit liesse sich trefflich streiten 😉
        Die Wege des Schicksals – das trifft in meine eigene lateinamerikanische Lebensgeschichte, die glücklicherweise weniger tragisch endete.
        Tja, das Wieder-Einleben: nächste Woche werde ich sicherlich manches Mal an dich denken. Das Frida Kahlo Kochbuch wird seine Einweihung erfahren.
        Ein gute Woche wünsche ich dir vom Schwarzen Berg

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