Letzte Einkehr

15. Januar 2001 In letzter Zeit stoße ich öfter auf den Wittgenstein-Satz (in Zitaten, denn in den Büchern des Autors blättere ich ja heute kaum noch), wer sich selbst nicht kenne, könne kein „großer Mensch“ sein. Ich kann nicht umhin, mich über diesen apodiktisch formulierten Satz zu wundern, denn wer kann sich schon selbst kennen? Das läßt sich selbst von Wittgenstein, diesem klugen Kopf, nicht sagen. Mein Ideal ist lediglich eine gewisse Unabhängigkeit von den Urteilen anderer und ein Sich-Abfinden mit den eigenen kläglichen Möglichkeiten; innerhalb dieser Möglichkeiten aber bis an die äußerste Grenze gehen – das ist alles, soweit es mich, ausschließlich mich betrifft.

Imre Kertész, „Letzte Einkehr“

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11 Gedanken zu “Letzte Einkehr

  1. Und das teile ich mit Dir, liebe Pagophila: „Mein Ideal ist lediglich eine gewisse Unabhängigkeit von den Urteilen anderer und ein Sich-Abfinden mit den eigenen kläglichen Möglichkeiten; innerhalb dieser Möglichkeiten aber bis an die äußerste Grenze gehen – das ist alles, soweit es mich, ausschließlich mich betrifft.“
    Danke dafür, wie Du das hier geschrieben hast!
    Keine leichte Aufgabe, meine ich. Immer wieder neu. Aber eine sehr wichtige.
    Danke, mb

    1. Danke Kertész, für diesen Satz, liebe mb. Vielleicht liegt gerade in diesem Sich-Abfinden und dem gleichzeitigen Ausschöpfen dessen, was möglich ist, eine gewisse Größe, die allein schon schwer zu erreichen ist.

  2. Sich Abfinden mit den eigenen Möglichkeiten und sich unabhängig machen vom Urteil anderer sind zwei wirklich schwere und große Unterfangen. Wenn es gelingt, kann daraus große Zufriedenheit, vielleicht sogar Glück erwachsen.
    Ich mag Kertész Blick auf die Dinge. Nicht nur in diesem Zitat.

    1. Wem sagst Du das. Ich bin mit sehr wenig Selbstbewusstsein und jeder Menge Selbstzweifel in diese Welt entlassen worden. Zumindest damit habe ich mich abgefunden, dass es eine Lebensaufgabe ist, mich daran abzuarbeiten. Mir gefällt die Schonungslosigkeit seines Blickes, auch und vor allem auf sich selbst. Oft erschüttert er mich bis ins Mark.

  3. Ein wirklich interessanter Denkansatz verfasst von einem Mann, der das Leben in einer Weise erlebt hat, wie es für mich unvorstellbar ist.
    Was versteht Wittgenstein unter einem „grossen Menschen“ und weshalb beurteilt Kertész die eignen Möglichkeiten als kläglich? Meine Gedanken dazu haben ich in meinem Blog http://lebenistzufall.wordpress.com festgehalten.

  4. Ich habe zwar Ideen aber keine gesicherte Kenntnis darüber was ein „grosser Mensch“ sei. Das Streben nach Selbsterkenntnis ist mir jedoch ein lohnenswertes Lebensziel. Zu erkennen und sich Rechenschaft darüber abzulegen, was mich antreibt oder abhält im alltäglichen Leben. Die Verführung, das Leben anderer Menschen zu bewerten oder zu beurteilen, ist dadurch spürbar geringer geworden.
    Schöne Grüsse aus dem regendunklen Bembelland

    1. Verführen können mich dazu eigentlich nur die unheilige Allianz von Dummheit und Stolz. Wo die beiden auf einem Holz wachsen, blüht nämlich auch die Selbstherrlichkeit, der Anfang vom Ende aller Größe.

      1. Das ist sehr treffend und überdies poetisch gesagt. Wünschen wir den Menschen, die das ähnlich sehen, die jederzeitige Geistesgegenwart und den guten Willen allzeit wach zu sein.

    1. Eine schöne Inklusion ist das. Und ich stimme Dir zu: Ohne den Zweifel hätte ich vielleicht nie die Möglichkeit gehabt, mir meiner selbst auch nur annähernd bewusst zu werden. Eine Ansicht, die allerdings nur wenige teilen.

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