ke anu

 

Benoit Courti, "Black & White"
Benoit Courti, „Black & White“

ke anu ist Hawaiianisch und bedeutet „kühle Brise, die über dem Berg weht“.

In einer hellen Mondnacht vor ungefähr elf Jahren stand ich am Fenster und blickte auf die Dächer der Stadt. A night in white satin. Aus den Straßenschluchten stieg ein Schweigen, in das nur Schnee die Welt zu hüllen vermag. Kein Laut weit und breit, nur das Säuseln des weißen Pulvers, das vom Wind über den Firsten verweht wurde. Es gibt ihn doch, den Atem Gottes, schrieb ich später in mein Tagebuch. Gott war nur ein anderes Wort für ein Gefühl, von dem ich noch nicht wusste, dass es der Beginn einer großen Liebe war. Ich schreibe diesen Satz und frage mich gleichzeitig: Klingt das jetzt kitschig.

Mein Vater, der ein außergewöhnlicher Mensch war und sich von niemandem vorschreiben ließ, was ihm zu gefallen hatte, der Kunst genau so liebte wie Kitsch und mit derselben Akribie, mit der er einen Mercedesmotor auseinandernehmen und wieder zusammensetzen konnte, seine Patienten behandelte, mein Vater schenkte mir einmal eine Brosche. Eine seltene Geste der Wertschätzung. Wahrscheinlich habe ich sie als das gesehen und bedeutete sie mir deshalb so viel. Einmal nur trug ich sie auch in der Schule. Zu der Zeit, sechste Klasse, war ich mit einem Mädchen befreundet, deren Mutter Kunst studiert hatte. In ihrem Zimmer hingen Aktfotos von einer Art, wie ich sie bis dahin noch nie gesehen hatte. Kein Vergleich mit der Wartezimmerlektüre, in der ich so lange heimlich geblättert hatte, bis mein Vater mir auf die Schliche kam und die einschlägigen Schundhefte abbestellte. Die sind doch überhaupt nicht porno, oder, meinte Bettina zu den Bildern an ihrer Wand. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Meine Brosche fand sie kitschig, und ich schämte mich plötzlich dafür. Auf einmal war sie nicht mehr als das Bruchstück einer Illusion. Zerschlagen. Heute würde ich mir die Frage gerne selber beantworten können: War die Brosche wirklich kitschig? Spielt das überhaupt eine Rolle? Aber es gelingt mir nicht. Mir fehlt die nötige Distanz. Nun. Irgendwann ist man zu alt dafür, sich auf seine verkorkste Kindheit zu berufen. Von Zeit zu Zeit fällt auch in der deutschen Krimilandschaft ein guter Satz. Der andere, der mir in Erinnerung geblieben ist: In der Idylle gedeiht der Horror. Auf Berlinerisch, wohlgemerkt.

Also nochmal: Es war der Beginn einer großen Liebe. Der Mann, mit dem ich zuvor lange gesprochen hatte, er und ich, wir wurden Gefährten. Bis auf das Dach über unseren Köpfen teilten wir alles. Eine gemeinsame Wohnung, darüber dachten wir erst ernsthaft nach, als er krank wurde. Noch zwei, drei gute Jahre. Im besten Fall. Immerhin. Die Ärzte versprachen es noch, als wir selber schon nicht mehr daran glaubten. Die Krankheit hatte es eilig, und jetzt ist es bald ein Jahr her, dass er gegangen ist. Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen. Dann wieder ist Gott nur ein anderes Wort für etwas, das unwiederbringlich verloren ist.

Es heißt, dass Trauer in Teilen um die eigene Zurückgelassenheit kreist. Und dass sie einen Jahreskreis benötigt, um in all ihren Facetten durchlebt zu werden. Einer der schwersten Tage war Silvester. Als um Mitternacht die Raketen in den Himmel schossen… well, I felt like bursting into tears. Aber ich habe nicht geweint. Ich habe keine Tränen mehr. Wo genau ich heute stehe, weiß ich nicht. Dieser Blog war ursprünglich gedacht als ein zusätzlicher Raum des Teilens über die täglichen Telefonate hinaus, in Zeiten, da wir uns nicht sehen konnten. Irgendwann gingen auch andere Menschen hier ein und aus. Als dann die Katastrophe über uns herein brach, schaltete ich um auf Privat. Letzten Endes stand ich vor der Wahl: Den Blog auch sterben zu lassen oder weiter zu machen. Ich habe mich für letzteres entschieden. Öffentlich. Mal spüre ich die Einsamkeit um so mehr. Mal hilft das Bloggen darüber hinweg.

Die „kühle Brise, die über dem Berg weht“ war ein Synonym für die kleinen Etappensiege, die es gibt, im Kampf gegen die Krankheit, bevor sie einen endgültig überholt. Sie soll es auch bleiben. Ein Synonym für jeden noch so kleinen Etappensieg. Im Leben. Und überhaupt.

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26 Gedanken zu “ke anu

  1. Das ist alles andere als kitschig. In einem Beitrag schieb ich: „Kitsch ist immer eine Angelegenheit des Zusammenhangs. Kein Ding an sich ist kitschig. Die Sonnenuntergänge in den Bergen und die röhrenden Hirsche gibt es wirklich. Ich habe sie gesehen, ehrlich.“ Für mich ist das richtig. Und wenn es einen Gott gibt, dann in etwa so, wie Du ihn beschieben hast.
    Ich bin froh um Deinen Blog.

    1. Die Akte „Gott“ fülle ich schon ein Leben lang, ohne dass ihr jemals eine endgültige Erkenntnis entspringen wird, vermute ich. Röhrende Hirsche sind da schon erquicklicher. An die habe ich die ganze Woche über denken müssen. Vielen Dank, Mick!

  2. Ich bewundere sehr Deine Offenheit, den Schmerz haben ja alle, die hier mitlesen schon lange gespürt, aber dass Du es so offen aussprechen kannst, bewundere ich, und auch, Sätze, die so tief empfunden sind, dass sie niemals kitischig sein können.

    1. Ich denke, Du hattest da ganz besondere Antennen. Den Text habe ich lange vor mir hergeschoben, was auch nicht unanstrengend war. Warum ich ihn gerade jetzt loslassen konnte… vielleicht wegen des Anbruchs dieses Neuen Jahres. Fürs Mitlesen aber vor allem fürs Mitspüren danke ich Dir herzlich!

  3. Deine Zeilen haben mich sehr berührt. Ich bin auch froh um deinen Blog und um deine Fähigkeit dich so ausdrücken zu können.Vielen Dank.LG Xeniana

  4. Kitsch ist Kitt. Und dann kein Kitsch mehr, weil er berührt und betrifft. Deine Brosche adelt die Erinnerung. Oder die Erinnerung adelt die Brosche. So oder so. Es stimmt einfach alles. Es gibt kein Darüberhinwegkommen. Gegen diese Idee kämpfe ich entschieden. Wir sind auch Menschen aufgrund unserer Trauer. Und Trauer speist sich aus dem Gefühl zurückgelassen worden zu sein, genau so wie sie sich speist aus der Hilflosigkeit, jemanden gehen lassen zu müssen. Ich habe von deiner Trauer nichts geahnt. Aber von der Tiefe deiner Empfindungen schon. Lass uns hier nicht zurück.

    Achim

    1. Lieber Achim, Deine Zeilen sind wie Balsam. Erinnerungen haften einem manchmal an wie Kletten… bis sich wieder eine Tür öffnet und ein neuer Zusammenhang entsteht. Auch in diese Richtung hat Dein Kommentar gewirkt. Danke dafür!

    1. Ach, Asallime, und den soll ich geschrieben haben. Im Annehmen von Komplimenten bin ich ganz schlecht, aber weil so viel Herzblut in diesem Text steckt, danke ich Dir einfach vielmals!

  5. Liebe Pagophila, dieses Blog ist ein Ort der Stille und Klarheit.
    Manchmal weht einen etwas Melancholie an, dann wieder ein heiteres Lüftchen.
    Ich bin froh, dass es diesen Ort gibt, an dem ich mich wohl fühle, nicht zuletzt, weil ein warmherziger, empfindsamer und kluger Mensch hier wirkt.
    Dein Text, so traurig er auch stimmt, so stark fühle ich mich nach dem Lesen.
    Danke dafür!

    1. Liebe Tikerscherk, den Text loszulassen, hatte für mich eine kathartische Wirkung. Dass Du Dich nach dem Lesen stark fühltest, war mir eine unerwartete Freude. Und Deine warmherzigen Worte – endlich kann ich mal wieder eines meiner Lieblingsworte gebrauchen – sind eine wahre Labsal. Dafür danke ich Dir sehr!

    1. Herzlichen Dank für Deinen Kommentar, Roswitha! Ich hatte Dich schon vermisst, bis auf Deinem Blog diese Fotos erschienen, die so prall von Leben sind, dass es eine helle Freude ist.

  6. Dein Text, so offen, so klar, hat bei mir beim Lesen mehr als eine kühle Brise ausgelöst. Er zeigt einen Menschen (Dich) in seiner ganzen Verletzbarkeit. Dazu gehört auch viel Mut. Danke für diesen Text, der innehalten lässt.

  7. Wir können uns noch gut daran erinnern, als Dein uns sehr lieb gewordener Blog plötzlich ein privater wurde. Umso größer war unsere Freude, als wir wieder mitlesen durften. Um die Umstände wussten wir natürlich nicht. Dein offener und mutiger Text hat uns sehr berührt. Vielen Dank dafür!
    Wir glauben, dass es ein guter und richtiger Schritt war, Deinen Blog weiterzuführen. Zugegeben, dieser Gedanke ist auch egoistisch von uns, weil wir darauf ungern verzichten würden.
    Dir von Herzen alles Gute!
    dm und mb

    1. Die feine englische Art war das nicht. Dessen ungeachtet habt Ihr mich quasi mit offenen Armen empfangen, als ich hier wieder aufgetaucht bin. Ich wusste das sehr zu schätzen, weil ich es durchaus nicht als Selbstverständlichkeit sah. Danke Euch beiden dafür und überhaupt…

  8. Liebe Pagofila, seit ich deinen Blog fand, fragte ich mich nach den cool pains. Dein Text hat verschiedene Saiten in mir angeschlagen, tief berührt träfe es nicht. Ich danke dir für deine Offenlegung und überhaupt für deinen wundbaren Blog. Wunderbar in seiner Bandbreite, und schön in seiner Ästhetik weit über den optischen Aspekt hinaus. Vielen Dank.

    1. Ein schöneres Kompliment als das von der Ästhetik über den optischen Aspekt hinaus, könntest Du mir nicht machen. Vielen Dank, Herr Ärmel! Der Blogtitel geht übrigens auf einen Traum meines Lebensgefährten zurück. Darin trug ich diesen Namen: Vorname Cool, Nachname Pains. Fast alles im Leben könnte einem als self fulfilling prophecy erscheinen, so lange man es nur aus der Rückschau betrachtet…

  9. Allen Kommentatoren schließe ich mich gerne an.
    Meine Backen sind heiß und rot – nach dem Lesen.
    Eh habe ich oft eine Wahnsinnsangst, dass der geliebte Mann vor mir geht….und hier steht beschrieben….
    DANKE!

    1. Die Angst kann ich Dir leider nicht nehmen, liebe Wildgans. Lähmen sollte sie Dich aber nicht. Wenn ich etwas zu verinnerlichen versuche, dann dies: Es gibt einfach keine guten Gründe im Leben, die Dinge, an deren Verwirklichung einem etwas liegt, auf die lange Bank zu schieben. Die Zeit wartet auf niemanden. Auch Dir vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar!

    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar. Nach dem Schreiben klarer zu sehen, ist manchmal mehr, als ich vorher erwartet habe. Der Blick in eine wie auch immer geartete Zukunft ist mir zwar nach wie vor verstellt, aber wer ist schon frei von Hoffnung. Manchmal ertappe ich mich sogar bei der ein oder anderen Überlegung, wie sie vielleicht aussehen könnte, die Zukunft.
      Gestern dachte ich noch, schade, dass Du so selten schreibst, und siehe da…

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