Ein Kollege

Das Buch ist schwer, es sinkt wie ein Anker
tief in die Deutung von Überlebenden
Dein Gesicht gleicht einer Uhr an fernem Gestade
Ein Gespräch ist unmöglich
Worte treiben eine Nacht lang übers Meer
Am Morgen fliegen sie plötzlich auf und davon

Gelächter fällt in leere Schalen
Am Eisenhaken der Metzger dreht sich die Sonne
Der erste Bus fährt
zur Post am Ende der Felder
Ja, der König des Abschieds
inmitten dieser grünen Variationen

Der Blitz, Bote des Sturms
verirrt sich fern den Tagen der Blüte
Ich folge dir auf Schritt und Tritt
vom Hörsaal bis zum Sportplatz
Unter ausschlagenden Pappeln
schrumpfend geht ein jeder seiner Wege

Bei Dao

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17 Gedanken zu “Ein Kollege

  1. Bei dem „Kollegen“ will es mir scheinen, als hätte Paul Celan dies als ein trauriges Gedicht nach einem ihm missglückten Tag des Glücks geschrieben.
    Schöne Grüsse aus dem nieselgrauen Bembelland

    1. Vielleicht sind der Welten, die vermeintlich zwischen einem Paul Celan und einem Bei Dao liegen, dann doch nicht so viele. Der missglückte Tag des Glücks muss sich mir allerdings noch erschließen.

      1. Für den Herrn Celan war ein glücklicher Tag mit Sicherheit ein missglückter Tag, jedenfalls so weit ich seine Biographie (bis zum bitteren Ende) noch im Kopf habe. Selten ist mir ein Schriftsteller begegnet, der so hartnäckig auf seinem Recht ans Unglück beharrte.

          1. Sicherlich ist eine politische Lesart möglich. Ich sehe allerdings den Unterschied zwischen den beiden Lyrikern. Celan ist mit der Vergangenheit nicht klargekommen, in der Gegenwart zumindest lyrisch kaum präsent (ich höre die Adepten aufstöhnen). Bei Dao hingegen steht ganz in der Gegenwart mit seiner Lyrik. Ich kann nicht wirklich über sein bisheriges Werk sprechen, vermute aber, dass er nicht nur die immer wieder zitierten „dunklen Bilder“ verdichtet, sondern sicherlich auch lichteres in seinem Repertoire hat.
            Wochenendlichgnebelgraue Grüsse aus dem Bembelland

            1. Danke. Das relativiert Deinen ersten Kommentar insofern für mich, als er mir den Eindruck vermittelte, Du würdest es auf Anhieb in eine Schublade werfen. Für ein Gedicht, ganz gleich ob es mir nun gefällt oder nicht, tut mir das grundsätzlich leid. Vielleicht habe ich das mit dem missglückten Tag des Glücks auch einfach nicht verstanden. Vermutlich verstehe ich es immer noch nicht.
              Auch im Bayernland herrscht nieselgraues Wochenendwetter. Schönes Winterwetter wird’s wahrscheinlich erst im Frühjahr geben. Nichtsdestotrotz eine gute Zeit Dir in und um und um’s Bembelland herum!

              1. Ich mühe mich redlich, spontanes Schubladenwerfen geflissentlich zu vermeiden.
                Celan war hochgradig depressiv, das mindeste zu sagen, und deshalb gehe ich davon aus, dass ein durchschnittlich glücklicher Tag ihm ein zusätzliches Unglück zufügte.
                Abendgrüsse in den Bayernbloggerfreistaat 😉

  2. Als kleine Anregungen, wie fändest du es, die Übersetzer bei Gedichten/Texten, die aus einer anderen Sprache stammen, zu erwähnen? Das ist vielleicht etwas „akademisch“, aber ich stolpere manchmal über bestimmte Worte/Wendungen und schaue dann nach, ob es noch andere Übersetzungen gibt. Ansonsten wunderschön, schon wieder etwas bei dir aufgeschnappt und gelernt, mein erstes Gedicht von Bei Dao! Ich habe mich bisher nicht an chinesische Literatur getraut, vermutlich weil ich den Übersetzungen nicht traue… oder auch meinem sehr löchrigen Wissen über dieses außergewöhnliche Land. Die Celan-Diskussion erschließt sich mir nicht… ich glaube nicht daran, dass Menschen – vor allem Überlebende von Gewalt, Verfolgung und Krieg – auf ein Unglücklichsein beharren. Das über Celan oder überhaupt über Überlebende des Holocaust zu sagen, finde ich unpassend.

    1. Dein Misstrauen, was die Übersetzungen angeht, kann ich voll und ganz nachvollziehen. Insofern werde ich Deiner Anregung künftig gerne folgen. Diese hier stammt von Wolfgang Kubin. Das Gedicht ist aus dem bei Hanser verlegten Lyrikband „Das Buch der Niederlagen“. Danke auch für Deine Worte zu Celan. Da bin ich ganz bei Dir.

    2. Ich finde Verallgemeinerungen bezüglich Überlebender des Holocaust, hier im Zusammenhang mit Paul Celan irreführend. Was bitte hat die persönliche Befindlichkeit odeer Seelenhaltung dieses Lyrikers mit Überlebenden des Holocaust zu tun?
      Es ist (mir) schon klar, dass Kommentare in Blogs rasch zu Missverständnissen führen können. Gerade deshalb wäre es meiner Meinung nach in diesem Fall angeraten, weniger vom individuellen Glauben als mehr von Tatsachen und Fakten auszugehen. Die Aussage, dass Überlebende schwerer Schicksale „auf ein Unglücklichsein beharren“ verstehe ich in diesem Kontext jedenfalls nicht.
      Schöne Grüsse aus dem Bembelland

      1. Sie möchten ein unangenehmer Gesprächspartner sein oder ist das auch ein auf Blogkommentare zurückzuführendes Missverständnis? Ich weiß nicht, wo Sie mir „individuellen Glauben“ unterstellen und was „Tatsachen und Fakten“ mit persönlichen Traumata zu tun haben. Nach Tatsachen und Fakten klingt es meines Erachtens jedenfalls nicht, wenn jemand über die Lektüre einer Biografie sagt, der Autor sei ein Mensch, der sich dem Unglück (willentlich) verschrieben habe. Das ist doch schon eine sehr persönliche Interpretation. Paul Celan war Überlebender des Holocaust und sein Werk ist durchtränkt von dieser Erfahrung. Da finde ich es legitim vom Holocaust zu sprechen. Um mal Fakten zu nennen, Sie schrieben: „Selten ist mir ein Schriftsteller begegnet, der so hartnäckig auf seinem Recht ans Unglück beharrte.“ Was Sie damit meinen, können Sie uns sicher erklären, ich weiß es auch nicht so genau. Ich habe mich nur darauf bezogen. Ich bin übrigens auf Traumatheorien spezialisiert und habe viele Jahre zum Holocaust, vor allem zu Texten und Filmen, die sich mit Holocaust-Überlebenden beschäftigen, recherchiert und gearbeitet. Auch Fakt!

        1. Um Paul Celan und seine eigene Lebensauffassung geht es offensichtlich nicht mehr. Ich bin Gast hier in diesem wunderbaren Blog und werde die angenehme Atmosphäre nicht verletzen. Deshalb werde ich auch auf dreiste Unterstellungen wie „Sie möchten ein unangenehmer Gesprächspartner sein…“ oder Prahlereien mit Spezialkenntnissen nicht weiter eingehen.

          1. Ich möchte diesen schönen Blog auch nicht mit unguten Diskussionen vergiften. Ich habe sehr gereizt auf Ihre Antwort reagiert, weil Sie mir nicht gerecht wurde und ich mich belehrt gefühlt habe. Der Verweis auf „Fakten“ ist meines Erachtens oft hohl, auch wenn er schlau klingt. Darum habe ich meine Arbeit erwähnt, prahlen kann man mit einem kulturwissenschaftlichen Hintergrund ganz sicherlich nicht. Aber danke, das fand ich nun doch amüsant.

  3. (Ach, Autokorrektur… jetzt habe ich die ganze Zeit darauf aufgepasst, aus Clean wieder Celan zu machen und dann schreibst du „Anregungen“. I hate it!)

    1. Die „Anregungen“ wären mir gar nicht aufgefallen, hättest Du sie nicht erwähnt, Clean statt Celan dagegen… das wäre allerdings ein Fauxpas gewesen..;-)

      1. Ja, in der Tat! Ich kämpfe immer wieder mit der Autokorrektur… die Dinge, über die ich so schreibe, die passen nicht in das Weltbild der Entwickler, scheint mir. 😉

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