A girl’s best friends

Puppen und Bären. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Ich war ein kränkelndes Kind. Im Bild mit einem Hasen, an den ich mich nicht erinnere, und mit meiner ersten Puppe. Die Susi. Auf diesen Namen war sie sicher von meiner Mutter getauft worden. Ich sollte nämlich Susanne heißen. Es war die Hebamme, die meine Mutter in letzter Minute davon abhielt. Dann bleibt sie ihr Leben lang eine Susi. Keine schönen Aussichten. Also wurde sich umentschieden in etwas Blühendes, das auch in einem deutschen Volkslied besungen wird, welches mein Vater angeblich schon als Junge geträllert hatte. Wenn er das damals schon gewusst hätte, pflegte meine Oma immer zu sagen, dass er einmal eine Tochter mit diesem Namen haben würde. Das war die eine Seite der Medaille. Auf einer ähnlichen Aufnahme kniet meine Mutter am Bettrand und trägt einen weißen Kittel. Wie eine Krankenschwester. Der Kittel war vermutlich ein Requisit aus der Praxis meines Vaters. Womöglich trug auch er einen, als er dieses Foto machte, was aber sicher nicht der Grund dafür ist, weshalb ich so traurig dreinblicke. Die Bedeutung des weißen Kittels dürfte ich mit kaum zwei Jahren noch nicht durchschaut haben. Das kam später und wäre die andere Seite der Medaille. Genug davon. Zurück zu dieser Puppe, der Susi. Ich mochte sie nicht wirklich. Der Bruder meiner Mutter, der in den Staaten lebte und einmal im Jahr zu Besuch kam, brachte mir später eine andere mit, die, nicht zuletzt weil ein Geschenk meines Lieblingsonkels, dann zu meiner Lieblingspuppe wurde. Da war ich auch schon alt genug, ihr selbst einen Namen zu geben. Gloria. Wie ich darauf kam, weiß ich heute nicht mehr. Ihrem zerzausten Haar rückte ich irgendwann mit der Schere zu Leibe. Und als ihre Glieder schon ganz lose um den weichen Körper baumelten, fasste ich sie nur noch mit Samthandschuhen an, um ihr keines davon auszureißen. Puppendoktoren sind leider eine ausgestorbene Zunft, sonst hätte ich sie vielleicht eines Tages einem solchen Weißkittel anvertraut. Aber ich habe mich erkundigt. Selbst Schildkröt legt an seine alten Modelle keine Hand mehr.

Puppen, also. Und Bären. Wie gesagt. Ich war ein kränkelndes Kind. Die Zeiten lassen sich rückblickend nicht zählen, in denen ich das Bett hüten musste. Als ich schon lesen konnte, vertrieb ich sie mir mit den Märchen der Brüder Grimm und denen von Wilhelm Hauff. Zwei große schwere Bände, die irgendwann so zerfleddert waren wie meine Gloria. Im Vergleich zu heute waren es damals natürlich ganz andere Stellen, die mich faszinierten. In Schneeweißchen und Rosenrot zum Beispiel die Szene mit dem Zwerg, dessen Bart sich in einem Baumstamm verheddert. Was es bedeuten mochte, seinen Freier totzuschlagen, davon hatte ich keine Ahnung. Es sind diese im eigentlichen Sinn des Wortes früher un-erhörten Märchenmomente, die heute die altvertrauten Geschichten in einem neuen Licht erscheinen lassen. Manchmal ist es ein unruhig flackerndes, meistens jedoch eine hell auflodernde Flamme.

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33 Gedanken zu “A girl’s best friends

  1. Da gehen Filme los in meinem Lesekopf….leise angesprochene Dinge verlangen nach MEHR. Das mit den weißen Kitteln beispielsweise…Geschichten, echte, leben von Andeutungen….gefällt mir sehr!

  2. Es ist immer wieder aufschlussreich von Erwachsenen zu hören, welche Lieblingsmärchen sie als Kinder hatten. Ich glaube eh nicht an Zufälle.
    Einen Abendgruss vom Schwarzen Berg

      1. In diesem Sinn. Allerdings als ein Detail zur Persönlichkeit und nicht als Pauschalurteil über einen Menschen. Beispiel: es gibt viele Frauen, die als Mädchen „Brüderchen und Schwesterchen“ toll fanden, ich habe in den vielen Jahren mit Märchenarbeit keinen Mann getroffe, der dieses Märchen als Junge gut gefunden hat, eher das Gegenteil war der Fall.

                1. Das sehe ich auch so – wie übrigens auch im umgekehrten Fall mit z.B. Brüderchen und Schwesterchen. Da muss es irgendwo Buben geben, die dieses Märchen zu ihren Favouriten zählen mögen. Das eine sind geschlechtsspezifische Neigungen, ein anderes hingegen die allgemeinen Seelenregungen.

  3. Ich mag es so gerne, wenn du von dir erzählst! Da entstehen Bilder.
    Ich kann mir die Puppe richtig vorstellen. Gloria-toller Name!
    Und die zerfledderten Märchenbücher, die man als Kind ganz anders versteht, denn als Erwachsene.

    1. Über diesen Kommentar freue ich mich sehr, Tikerscherk! Jahre später übrigens, begegnete mir eine Gloria, dargestellt von Gena Rowlands, in dem gleichnamigen Film von John Cassavetes. Eine tolle Frauenfigur, die mich quasi posthum in meiner Namensgebung bestätigte..;-)

    2. Mein Kindermärchenbuch war mindestens so alt wie die Haut am Hals meiner Urgrossmutter. Darin lernte ich lesen und betrachtete mir immer wieder die Bilder. Vor Jahren habe ich es wiedergefunden, nachdem es vorher anfänglich auch für den eigenen Nachwuchs verwendet worden ist. Da waren merkwürdigerweise alle Bilder weg. Ich habe das Buch dann nochmal im Antiquariat gekauft wegen der Illustrationen von Else Wenz-Viëtor. Es gibt Erinnerungen, die ich immer wieder mal gerne auffrische 😉

  4. Gloria kann ich mir auch besser vorstellen.
    Ps.: Es gibt eine Puppendoktorin in Detmold (zum Überleben hat sie noch einen Secondhand-Laden).

          1. Ich bin zwar noch nicht dort gewesen, aber ich habe ihren Internet-Auftritt gefunden.
            Soll ich den in den Kommentar schreiben?
            Oder hast Du irgendwo eine Mailadresse?

      1. Könnte ich mich zeitgleich also im Dorf einquartieren und Glorias Klinikaufenthalt mit Urlaub auf dem Lande verbinden und dazu noch Berliner Luft schnuppern. Klingt verlockend..:-)

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