Ein Spiel und ein Zeitvertreib

Schweigen. Ein Schweigen, das auch über mein Leben gekommen ist, ich habe nichts dagegen, das einzugestehen. Es sind nicht die großen Plätze Europas, die mir trostlos erscheinen, sondern die Myriaden von kleinen Städten, die sich fest gegen den Reisenden verschließen, Städte, die so still sind wie die Landschaft selbst. Die Läden der Häuser sind alle zugezogen. Nur gelegentlich kriecht eine Spur Licht hervor. Die Felder werden dunkel, Schwalben schießen über ihnen dahin. Ich fahre schnell durch diese Städte. Bevor der Abend kommt, bin ich wieder draußen, bevor das Neon der Kinos angeht, vor den einsamen Abendessen. Ich verbringe nie eine Nacht in ihnen.

Aber natürlich ist Dean in einem Sinne nie gestorben – seine Existenz ist über solche Zufälle erhaben. Man braucht Helden, und das heißt, daß man sie sich schaffen muß. Und sie werden durch unseren Neid, unsere Treue real. Wir sind es, die ihnen ihre Majestät geben, ihre Macht, die wir selbst nie besitzen könnten. Und sie wiederum geben uns etwas davon zurück. Aber sie sind sterblich, diese Helden, genau wie wir es sind. Sie halten nicht für immer. Sie verblassen. Sie verschwinden. Sie werden zurückgelassen, vergessen – man hört nichts mehr von ihnen.

Was Marie-Anne angeht, sie lebt jetzt in Troyes oder hat dort gelebt. Sie ist verheiratet. Wahrscheinlich hat sie Kinder. Sie gehen sonntags spazieren, das Sonnenlicht fällt auf sie. Sie besuchen Freunde, reden, gehen abends nach Hause, tief in dem Leben, das, wie wir alle finden, so ungemein erstrebenswert ist.

James Salter, „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“

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