Das Meerhäschen

Es war einmal eine Königstochter, die hatte in ihrem Schloss hoch unter der Zinne einen Saal mit zwölf Fenstern, die giengen nach allen Himmelsgegenden, und wenn sie hinaufstieg und umher schaute, so konnte sie ihr ganzes Reich übersehen. Aus dem ersten sah sie schon schärfer, als andere Menschen, in dem zweiten noch besser, in dem dritten noch deutlicher und so immer weiter bis in dem zwölften, wo sie alles sah, was über und unter der Erde war und ihr nichts verborgen bleiben konnte. Weil sie aber stolz war, sich niemand unterwerfen wollte und die Herrschaft allein behalten, so ließ sie bekannt machen, es sollte niemand ihr Gemahl werden, der sich nicht so vor ihr verstecken könnte dass es ihr unmöglich wäre ihn zu finden. Wer es aber versuche und sie entdecke ihn, so werde ihm das Haupt abgeschlagen und auf einen Pfahl gesteckt. Es standen schon sieben und neunzig Pfähle mit toten Häuptern vor dem Schloss, und in langer Zeit meldete sich niemand. Die Königstochter war vergnügt und dachte „ich werde nun für mein Lebtag frei bleiben.“ Da erschienen drei Brüder vor ihr und kündigten ihr an, dass sie ihr Glück versuchen wollten…

Brüder Grimm, Kinder und Hausmärchen („Das Meerhäschen“)

David Hockney, "The Boy Hidden in a Fish" from "€œThe Little Sea Hare"€ in "Six Fairy Tales from the Brothers Grimm" (1969)
David Hockney, „The Boy Hidden in a Fish“
from „€œThe Little Sea Hare“€ in „Six Fairy Tales from the Brothers Grimm“ (1969)
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17 Gedanken zu “Das Meerhäschen

  1. Für mich eines der interessantesten Märchen Märchen von den GrimmBrüdern, neben „Die Nelke“ vielleicht. Für was brauchte die die zwölf Fenster? Zum Erkennen der zwölf Sinne? Wie hängt ihre Freiheit mit dem Erkennen der Freier zusammen? Seit Jahren beschäftigen mich derlei Fragen. Dagegen haben „Der Eisenhans“ und „Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet“ geradezu transparente Bilder, Aquarell gegen Öl sozusagen.
    Ein märchenhaftes Wochenende vom Schwarzen Berg wünsche ich dir

    1. Danke Herr Ärmel, das wünsche ich Dir auch!

      Die zwölf Fenster haben etwas ungeheuer Faszinierendes. Einerseits dieser Weitblick, diese Tiefgründigkeit. Höher weiter tiefer blicken als sonst jemand. Andererseits bewahrt sie dieses Sehen selbstverständlich davor, überrascht zu werden, die Kontrolle zu verlieren. Dadurch dass einer ihr zu nahe kommt. Ihre Freiheit ist gleichzeitig ihr Gefängnis. Die Mauern überwindet nur der, der es schafft, ihr unbemerkt so nahe zu kommen, dass jeder Widerstand von vornherein ausgeschlossen ist. In diese Richtung geht meine Deutung.

      Zu meinen Lieblingsmärchen zählt auch „Das singende, springende Löweneckerchen“. Wahrscheinlich weil der Vogel Greif ein in meinen Träumen wiederkehrendes Motiv ist. Ich hoffe natürlich, irgendwann jedes Märchen der Brüder Grimm mit Illustrationen in meinem Blog archiviert zu haben.

      1. Schönen Dank für den guten Wunsch 😉
        Selbst Märchen kann man gendermässig betrachten. Kann man an den Beispielen in den Kommentaren ablesen.
        Deine Anmerkungen zum Meerhäschen finde ich interessant. Merkwürdig auch, dass ein Meerhäschen (Meerhase) ein Steinbeisser ist.

          1. Ich zitiere: „Der Meerhase, des -n, plur. die -n. 1) Ein Meerfisch, welcher mit dem Störgeschlechte nahe verwandt ist, und einen mit knochigen Schuppen besetzten Körper hat; Lumpus L. In Norwegen wird er Rogukere, d.i. Steinbeißer, und auf Helgoland Haffpode genannt. Eingesalzen heißt er in Dänemark Rundemave. 2) Eine Art im Meere befindlicher nackten Würmer mit Gliedern, welche eine Art Spritzlinge, Tothys L. ist. 3) S. Tintenfisch. (aus: Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. Ausgabe letzter Hand, Leipzig 1793–1801.) Lange vor Grimms Wörterbuch.

      1. dm liest meist mit 😉 … und möchte nun unbedingt noch anmerken, dass die Hockney-Radierungen zum Besten gehört, was über die Grimmschen Märchen je gekritzelt oder gemalt wurde. Schön, hier eine davon abgebildet zu finden.
        Liebe Grüße!
        dm

          1. Ui, prima, dass ich das so en passant erfahre, ich habe im Moment ja lediglich Äppler und Handkäs im Kopf, aber die Ausstellung werde ich mir sicher ansehen. Schönen Dank für den Hinweis 😉

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