Dieb der Stadt

Ich dachte an die zehntausend berühmten Fotografien, die Atget von einem Paris machte, das nun verschwunden ist, jene großen, stummen Bilder, überschwemmt vom Braun des Goldchlorid – an die dachte ich und an ihren Urheber, der jeden Tag vor der Morgendämmerung draußen gewesen war und nach und nach die Stadt an sich brachte, sie denen stahl, die in ihr lebten – hier einen Baum, da eine Ladenfront, einen unsterblichen Brunnen.

James Salter, „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“

Eugène Atget, "Notre-Dame-de-Paris" (1922)
Eugène Atget, „Notre-Dame-de-Paris“ (1922)
Eugène Atget, "Boulevard de Strasbourg" (1912)
Eugène Atget, „Boulevard de Strasbourg“ (1912)
Eugène Atget, "Parc de Sceaux" (Juin 1925)
Eugène Atget, „Parc de Sceaux“ (Juin 1925)
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6 Gedanken zu “Dieb der Stadt

  1. Für Walter Benjamin waren seine Photographien ein abschreckendes Beispiel: mir imponieren sie auf verscheidene Weise.
    James Salter – wer ist das? 😉
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Der Protagonist in diesem Buch ist selber Fotograf. Das macht es natürlich um so spannender – für mich.

      Atget ist umstritten, ich weiß, immerhin hat er ein Paris in Bildern festgehalten, das es so nicht mehr gibt. Vielleicht nie gegeben hat? Über nostalgische Verklärtheit kann man natürlich streiten…

      1. Atget verwendete sehr lange Belichtungszeiten, dadurch sind auf den meisten seiner Fotos die Menschen „verschwunden“. Das nahm Benjamin vor allem zum Anlass. Ob Benjamin das bewusst gewesen ist, weiss ich nicht. Unklar ist mir auch, warum Atget umstritten ist. Von anderen Photographen kenne ich ähnliche Photographien vom Pariser Leben, da wird kaum diskutiert.
        Der Protagonist in dem Roman von Salter ist auch Fotograf, so so…

        1. Ich glaube, seine Bilder werden als romantisch verklärt wahrgenommen. Es gibt kaum einen kritischen Moment darin. Susan Sontag hat sich, wenn ich mich richtig erinnere, in dieser Richtung über ihn geäußert. Wenn ich die Stelle finde, reiche ich sie noch nach.

  2. In „Art Limited“ einem Photoblog, fInde ich nur noch verklärte, überästhetisierte Fotos, tausende Fotos, und tausende begeisterte Betrachter. Landschaften, Menschen, Elend, Müll, abblätternde Häuserwände , Architektur, Tiere, etc. Diese frühmorgentlichen Impressionen, die du uns von E. Atget zeigst, würden dort keinen Raum finden, weil sie zu unspektakulär zwischen den überdrehten Fotos wirken würden. L.G. Roswitha

    1. Ach, da sprichst Du etwas an, Roswitha… – Wenn die Bilderflut das Elend, das sie mitunter zeigt, noch überbietet, ist doch irgendwas faul. Vielleicht sind Atgets Bilder einfach zu unspektakulär, aber dem Unspektakulären will ich gerne auch weiterhin einen Raum bieten. Herzliche Grüße an Dich.

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