Thicker than raindrops on November thorn

In der Time Light Box waren diese Woche seltene Farbfotografien aus dem Ersten Weltkrieg zu sehen.

Reims, Marne, France: 1917. A little girl is playing with her doll. Two guns and a knapsack are next to her on the ground. World War I, Western Front. Autochrome Lumière Photo: Fernand Cuville (1887-1927).  ©R Schultz Collection / The Image Works
Reims, Marne, France: 1917. A little girl is playing with her doll. Two guns and a knapsack are next to her on the ground. World War I, Western Front. Autochrome Lumière
Photo: Fernand Cuville (1887-1927). ©R Schultz Collection / The Image Works

Diese erinnert mich an eine der wenigen Geschichten, die meine Mutter erzählt. Sie spricht nicht gerne über ihre Kindheit. Eigentlich ist es nur einer jener Geschichtensplitter, von denen jeder aus dem Fleisch des Familienkorpus‘ ragt wie die Spitze aus einem Eisberg. Ende des Zweiten Weltkrieges war sie sechs Jahre alt. Zu den Dingen, die in den Wirren von Kriegsende und Vertreibung innerhalb weniger Stunden in den Überlebenskoffer geworfen werden, gehört natürlich nicht die Puppe eines kleinen Mädchens, und so blieb diese zunächst zurück. Erst ein nachzügelnder Onkel mütterlicherseits, der weniger praktisch veranlagt war und mit der Sorge um das Seelenheil seiner Nächsten nicht selten den Spott der Familie auf sich zog, hatte die Puppe wenig später im Gepäck.

Tiefe Kopfnarben erinnerten diesen Onkel Zeit seines Lebens an die – sogenannten – „Schutzhäftlingen“ im Konzentrationslager Sachsenhausen vorbehaltene, „streng auf fachliche Belange“ beschränkte Behandlung von Zwangsarbeitern in den Werken eines Unternehmens, das nach Kriegsende munter weiter machte. Sich selbst zerrieb er fortan in Prozessen um eine irgendwie geartete Entschädigung. Nach zwölf Jahren wurden seine Klagen abgeschmettert. Ein Verhungernder am langen Arm der Ungerechtigkeit, so mag er es empfunden haben und verstarb bald darauf.

Wie die Verlängerung einstiger Schützengräben zieht sich eine tiefe Furche durch den Grund und Boden, auf dem Menschen, die ich zum Teil nur aus Erzählungen kenne, sich ein neues Leben aufbauen mussten. Auch meine Oma mütterlicherseits zerbrach an dieser Kluft zwischen Vorher und Nachher. Noch bevor es zur Scheidung ihrer zerrütteten Ehe kam, beschloss sie eines Abends, am nächsten Morgen einfach nicht mehr aufzuwachen. Da war mein Großvater schon härter gesotten. Mit zusammen gebissenen Zähnen wehrte er sich nach dem Krieg erbittert gegen die Erkenntnis, dass alles, woran er zuvor geglaubt hatte, nun nichts mehr wert sein sollte. Man könnte sagen, erfolgreich. Abhanden gekommener Idealismus wurde tatkräftig in materiellen Wohlstand umgemünzt. Nur manchmal wirkte er schwach. Wenn er nämlich morgens am Frühstückstisch saß und der kalte Angstschweiß, den ihm seine Alpträume des nachts auf die Stirn getrieben hatten, noch auf selbiger glänzte. Dann bekam man eine Ahnung von den Geistern, die den alten Nazi Nacht für Nacht riefen. Nach dem Frühstück mussten die Schnecken d’ran glauben, die wieder über seinen Gemüsegarten hergefallen waren und nun mit dem Spaten gevierteilt wurden.

An einem dieser Tage kaufte die kleine Pagophila von ihrem Taschengeld eine kleine Weinbergschnecke aus Ton. Es war die erste einer ganzen Sammlung, die sich über die Jahre anhäufen sollte und mit der der alte Mann von nun an auf dem gedeckten Mittagstisch neben seiner Salatschüssel vorlieb nehmen musste. Es war die einzige Form des Widerspruchs, die er jemals duldete.

Mein Opa väterlicherseits war zwar kein Nazi aber als Angehöriger einer deutschen Minderheit im Ausland vom Größenwahn doch so geblendet, dass er seinen kaum volljährigen einzigen Sohn mit Freuden für die Sache in den Krieg ziehen ließ. Verziehen hat dieser ihm das später nie. Eine unverhohlene Hassliebe verband und trennte die beiden für den Rest ihrer Leben. Mehr als die abenteuerliche Geschichte seiner Flucht aus einem französischen Kriegsgefangenenlager erzählte mein Vater jedoch nicht, und die Geschichte der Verschleppung meines Opas in ein russisches Arbeitslager kannte ich vor Herta Müllers „Atemschaukel“ nur aus der Sicht meiner Großmutter.

Ihre Erzählungen aber gehören für mich zum Ergreifendsten, an das ich mich erinnere. Wie sie sich in jener Zeit alleine durchschlagen musste. Wie ihr Mann eines Tages plötzlich wieder vor ihr stand. Wie dieser Zwei-Meter-Hüne bis auf die Knochen abgemagert war. Wie sie ihn wieder aufpäppelte. Obwohl die kleine Pagophila jedes Mal weinen musste, wenn die Großmutter ihrerseits unter Tränen erzählte, wollte sie die Geschichten immer wieder hören.

Irgendwie haben diese beiden es geschafft, noch viele Jahre ein gutes Leben miteinander zu führen. Vielleicht weil sie aus der Zeit gefallen waren. Geduldig hielt mein Opa die Schüssel, so oft und so lange meine Oma ihre Teige rührte. Elektrische Küchenhelfer kamen ihr ebensowenig ins Haus wie eine Pflegekraft, als ein Schlaganfall ihn für ein ganzes Jahrzehnt ans Bett fesselte. Es war und blieb das gemeinsame Ehebett. Bis zum Schluss. In der Stunde seines Todes riss er plötzlich die Arme hoch, zog seine Frau an sich, küsste sie ein letztes Mal und machte dann für immer die Augen zu.

Wenn ich es nicht so erlebt hätte, müsste ich jetzt womöglich Rechenschaft darüber ablegen, was dieses vermeintliche Rührstück mit der vermeintlichen Realtiät zu tun hat. Es waren das Foto und ein Satz bei Salter: „Nichts auf der Welt gleicht dem Geräusch einer deutschen Pistole, die durchgeladen wird.“

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28 Gedanken zu “Thicker than raindrops on November thorn

  1. Das ist bewegend …… und es fällt mir ein Romantitel von Somerset Maugham ein: „Der Menschen Hörigkeit“; Hörigkeit dem Guten und dem Bösen gegenüber, und der Liebe, die obsiegt.

    Liebe Grüße

    Achim

    1. Danke, Achim. Vor allem, weil ich es als das Schwerste empfinde, über Menschen zu schreiben. Mögen sie auch nicht mehr leben. Gerade dann. Keiner von ihnen kann mehr sagen: „Moment mal, das hab‘ ich aber ganz anders empfunden.“ Und wenn es um Persönliches geht, halte ich auch immer ein bisschen die Luft an, wenn ich den Publicize-Button. Aber Dein schöner Kommentar hat meine Bedenken dann doch zerstreut. Also nochmals: Herzlichen Dank!

  2. Die wahrscheinlich stärkste Energie auf unserem Lebensweg ist die Erinnerung. Nicht die rührselige überhöht ins nostalgisch verklärte. Sahnetörtchen, die den Blick auf die Wirklichkeit verfetten. Vollkornbrot ist die Arbeit, sich zu besinnen und den Blick auf die Tatsachen der Vergangenheit zu richten. Der immerwährende Versuch, sich diesen Blick klar und unverbaut zu erhalten, auch dem Nachhall der Vergangenheit unerschrocken gegenüberzustehen.
    Dein (Erinnerungs-)Bericht, die Formulierungen und die Worte legen dafür Zeugnis ab. Vielen Dank dafür!
    Sonntägliche Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Das Bild vom Vollkornbrot gefällt mir. Unter Umständen beißt man sich daran ja auch die Zähne aus. Selten hat man ein klares Bild vor Augen, das einem enthüllt, wie alles mit allem zusammen hängt. Mir ist auch wichtig, Respekt zu wahren. Vor den Menschen, der Zeit, den Umständen. Respekt schafft eine gewisse Distanz, die es mir leichter macht, zu sehen, woher ich komme, was mich geprägt hat, warum mein Leben so verlaufen ist und nicht anders. Bevor man es selber in die Hände nehmen kann, hat es ja immer schon eine Richtung bekommen. Vielen Dank für Deinen Kommentar, Herr Ärmel, der mir auch vermittelt, dass ich nicht ganz falsch liege mit meinen Grabungen.

  3. Historische Fotografien sind oft schwer zu deuten im Sinne einer historischen Quellenkritik, aber so wie ein Finger vor Zeiten auf den Auslöser drückte, so können alte Fotografien den Auslöser drücken in Seelen und Gedanken späterer Betrachter.

    1. Darin liegt ein Teil der Faszination begründet, die die Fotografie auf mich ausübt. Und die Aufnahmen müssen nicht zwangsläufig alt sein, um alte, tiefsitzende Empfindungen auszulösen…

      1. Zweifelsohne. Es kommt vielleicht jeweils darauf an, wie und wohin man den Blick rückwärts richtet. Ich habe in meinem Blog schon etliche alte Photographien meiner Grosseltern, die ich nie kennenlernen konnte gepostet. Da mache ich seit Jahren rum und schaue und suche ind er Vergangenheit. ~~~

          1. Aaah, Sonntag, freier Tag – zu träge zum durchklicken ??? 🙂
            Ich schaue heute Abend mal nach den Posts und sende dir dann hier die Links. Es sind zwei oder drei.
            Ich habe eine gewisse Scheu, mich da auszulassen, wer weiss, was da hochschwappt am Ende. Momentan digitalisiere ich die alten Photographien, das reicht mir fast schon.

  4. Danke für diesen wunderbaren Beitrag! Ähnliche Erinnerungen haben vielleicht etliche von uns – und Du hast das sehr schön und einfühlsam formuliert. Ich habe lange gebraucht, um das Leben meiner Großeltern überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn zu verstehen – beide Großväter hatten ja auch ihre Kriegserfahrungen, in beiden Familien wurde wenig darüber gesprochen. Das brach sich erst in den letzten Stunden Bahn.

    1. Vielen Dank, Birgit. Die wenigen Worte, die darüber verloren wurden, lagen wohl in der Natur der Sache. Das ist natürlich schade, aber mit der Zeit hege ich dafür auch mehr und mehr Verständnis. Ich hatte eine sehr innige Beziehung zu meiner Großmutter, für die ich immer sehr dankbar war, und die vieles kompensiert hat, was auf anderer Seite sehr problematisch war.

  5. Herzlichen Dank, liebe Pagophila, für diesen feinen Text, der längst verschüttet geglaubte Erinnerungen an die Geschichten, die die Großeltern erzählt haben, wieder hervorholen konnte! Das ist wunderbar geschrieben!
    Liebe Grüße, mb

    1. Vielen lieben Dank, mb! Ich glaube, gerade die Nachkriegsgeneration ist von diesen Geschichten vielleicht stärker geprägt, als vermutet. Das Echo hierauf hat mich dann doch überrascht und natürlich riesig gefreut..:-)

  6. Auch von mir gibt es Dank für diesen Text. Mein Vater hat mir viel erzählt von seiner Vergangenheit. Das war schon selten, damals. Zumindest zuhören habe ich von ihm gelernt. Zum Dank habe ich ihm mein Geschriebenes vorgelesen (wohlwissend, das der alte Herr alles an mir lobte).

    1. Das ist schön. Der eine erzählt, der andere hört zu und zum Dank dann vice versa. Du kannst Dich glücklich schätzen. Und ein aufrichtiges Lob ist doch so etwas wie das Salz in der Lebenssuppe. Ich danke Dir fürs Lesen!

  7. „Vice versa

    Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
    des Glaubens, niemand sähe diese.
    Doch im Besitze eines Zeißes,
    betrachtet voll gehaltnen Fleißes
    vom vis-a-vis gelegnen Berg
    ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.
    Ihn aber blickt hinwiederum
    ein Gott von fern an, mild und stumm.“

    Christian Morgenstern

    Gruß vom kleinen Löffelzwerg 🙂

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