Versuchsanordnung

Mother & Child
Sonderweg Fußgänger

Wie Motten, die genug vom Licht haben, fallen die Blüten von meiner Königin der Blumen. Während meine Tochter mir mit Verve und Vehemenz am Küchentisch auseinandersetzt, woran es liegt, dass aus der jüngsten Liebschaft nun doch nichts wird, löst sich die letzte Blüte vom Stengel und fällt raschelnd zu Boden. (Dieses Kind. Erzählt mit demselben Temperament, mit dem es dereinst darauf drängte, das Licht der Welt zu erblicken und jetzt in sie hinaus will.) Sie zeigt mir den Entwurf eines filigranen Blumenmusters. Im Geiste gieße ich die noch fehlende Farbe hinein für ein Feld aus Rotem Mohn. Solange es den Klatschmohn gibt, muss gelebt werden.* Ich zeige ihr das Winterquartier für meine Königin der Blumen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nach der Blütezeit soll man sie vergessen. Einen grünen Daumen hatte ich noch nie. Eine schlichte Versuchsanordnung, das vermeintlich Unmögliche möglich zu machen. Am Abend sehen wir eine Dokumentation über die Waffenarsenale, die nach dem Weltkrieg tonnenweise ins Meer gekippt wurden. Tonnenweise Giftstoffe, die im Begriff sind, aus ihrer durchrostenden Ummantelung zu diffundieren. Wir fragen uns, welche Blüten das noch treiben wird. Ob es irgendwann überhaupt noch Blumen geben wird. Als ich meine Tochter am nächsten Tag auf den Weg bringe, lichtet sich gerade der Morgennebel. Aus den Dunstschleiern schält sich immer wieder schemenhaft auch die Hoffnung auf Herbstzeitloses.

*Zitat: Sorab Sepehri

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8 Gedanken zu “Versuchsanordnung

    1. Sepehri ist ein persischer Dichter und der Klatschmohn bei ihm ein Synonym für die Liebe. Die Königin der Blumen wird auch Orchidee genannt..;-) – Aber ob es ohne Klatschmohn noch eine Veranlassung gibt zu leben, die Frage muss sich jeder selbst beantworten…

  1. Allein der Lottogewinn auf diesem Planeten eine Weile zu Gast sein zu dürfen, ist Veranlassung genug zu leben.
    Die Blumen und die Liebe auch.
    Zum Heulen ist mir manchmal, wenn ich sehe, lese, höre, wie achtlos mit diesem Planeten umgegangen wird.
    Munition ins Meer.
    Schön hier zu sein, und Klatschmohn ist auch ein guter Grund das Leben zu lieben.

      1. Es ist ein Lottogewinn. Wie unwahrscheinlich ist es, auf genau diesem einen bewohnbaren Planeten zur Welt zu kommen, und einige Jahre verbringen zu dürfen.
        Je älter ich werde, umso mehr weiß ich das zu schätzen.
        Vielleicht ist es eine Gnade, ja.

  2. „Solange es den Klatschmohn gibt, muss gelebt werden.“ (Sorab Sepehri)
    Mein Vater war bei Leibe kein Leser. Aber ich glaube er hat den Satz dieses persischen Dichters verinnerlicht (ohne ihn zu kennen). Lange Zeit war ich der Überzeugung, das Wort „Klatschmohn“ sei eine Erfindung meines Vaters. Er konnte so eindrucksvoll dessen Schönheit preisen und ich war so klein. Ich meine, er hatte begriffen was tikerscherk schreibt: Schön hier zu sein, und Klatschmohn ist auch ein guter Grund das Leben zu lieben.

    1. Ganze Klatschmohnfelder sah ich zum ersten Mal vor dreißig Jahren in Südfrankreich. Hinreißend. Da begegnete er mir hier nur vereinzelt. Zumindest empfand ich es damals so. Die Begeisterung Deines Vaters für den Klatschmohn erinnert mich an die meines Vaters für blühende Rapsfelder. Die konnten ihn so mitreißen, dass er das Auto schon mal in den Straßengraben lenkte..;-)

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