Kommt ein Stöckchen geflogen

Tikerscherk hat mir ein Buchstöckchen zugeworfen. Ich gestehe, ich beantworte ungern Fragen. Den Grund dafür, glaube ich zu kennen. Ein Kapitel aus der Kategorie „Stöckchen, an denen man ein Leben lang herumkaut“. Strategien, die man sich im Laufe eines solchen zurecht legt, gehen bis zu einem gewissen Grad auf. So lese ich im Leben der anderen zuweilen wie in einem offenen Buch, ohne dass mir selbst auch nur eine Gegenfrage gestellt wird. Wirklich befriedigend ist das nicht immer.

Als das Stöckchen auf mich zugeflogen kam, ging ich zunächst in Deckung. Desweiteren überzeugte ich mich von der Unverfänglichkeit der Fragen. So weit, so gut. Über das Buch, das ich momentan lese, wollte ich ohnedies schreiben. Den Ausschlag aber gibt nicht zuletzt die Tatsache, dass das Stöckchen von einer meiner Lieblingsbloggerinnen kommt und ich mich im Grunde meines Herzens darüber freue.

Genug davon. Bevor der geneigte Leser feststellt, dass er es hier mit einer hochnotdkomplizierten Person zu tun hat. Werfe ich also meine Schneebälle ins Feuer:

Welches Buch liest Du momentan?

„Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic

Warum liest Du das Buch? Was magst Du daran?

Ich lese das Buch zum dritten Mal und frage mich selbst immer wieder, was ich daran so mag. Es handelt von einem, der eines Morgens in Wien erwacht und peu à peu feststellt, dass er anscheinend der einzig Überlebende einer wie auch immer gearteten Katastrophe ist. Auch die Tiere sind verschwunden. Was über Nacht geschehen ist, bleibt im Dunkel. Spätestens beim zweiten Mal wusste ich natürlich, dass die eigentliche Katastrophe immer die ist, die sich jetzt gerade, in diesem Moment ereignet.

Als gälte es, ein Experiment zu protokollieren, zeichnet Glavinic auf, was mit einem Menschen geschieht, dem alle Spiegel weggebrochen sind. Ist ein Mensch auch dann noch sich selbst der nächste, wenn er sich auf niemanden mehr beziehen und von niemandem mehr abgrenzen kann? Mit welchen Mitteln lässt sich eine solch abgrundtiefe Einsamkeit aushalten? Wie lange?

Obwohl ich weiß, worauf das alles hinausläuft, ist das Leseerlebnis von Mal zu mal intensiver. Vielleicht weil das Buch weniger Fragen beantwortet als aufwirft. Oder weil ich das Gefühl habe, es birgt ein Geheimnis, dem ich auf den Grund gehen muss.

Wurde Dir als Kind vorgelesen? Kannst Du Dich an eine der Geschichten erinnern?

Leider kann ich mich weder an das eine noch das andere erinnern.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den / die die Du mal regelrecht verliebt warst?

Bis über beide Ohren! Meine erste große Liebe war Michael Strogoff, der „Kurier des Zaren“ von Jules Verne. Wenig später verdrehte mir Jack Londons „Seewolf“ den Kopf. Irgendwann bekam ich dann „Zelda“ von Nancy Milford in die Hände und verliebte mich, wenn auch sterblich, in F. Scott Fitzgerald. Meine letzte große Liebe war Raymond Chandler’s Philip Marlowe.

In welchem Buch würdest Du gern leben wollen?

Spontan würde ich mich für die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson entscheiden: Verblendung – Verdammnis – Vergebung. Aber je länger ich darüber nachdenke, um so schwerer fällt mir die Entscheidung.

Welche drei Bücher würdest Du nicht mehr hergeben wollen“

„Jenseits von Eden“ von John Steinbeck, „Die Wand“ von Marlen Haushofer, „Das sterbende Tier“ von Philip Roth

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?

Darf es auch ein ganzer Absatz sein?

Auch wer ein Tagebuch schreibt, glaubt er nicht an den Zufall, der ihm die Fragen stellt, die Bilder liefert, und jeder Mensch, der im Gespräch erzählt, was ihm über den Weg gekommen ist, glaubt er im Grunde nicht, daß es in einem Zusammenhang stehe, was immer ihm begegnet? Dabei wäre es kaum nötig, daß wir, um die Macht des Zufalls zu deuten und dadurch erträglich zu machen, schon den lieben Gott bemühen; es genügte die Vorstellung, daß immer und überall wo wir leben, alles vorhanden ist: für mich aber, wo immer ich gehe und stehe, ist es nicht das vorhandene Alles, was mein Verhalten bestimmt, sondern das Mögliche, jener Teil des Vorhandenen, den ich sehen und hören kann. An allem übrigen, und wenn es noch so vorhanden ist, leben wir vorbei. Wir haben keine Antenne dafür; jedenfalls jetzt nicht; vielleicht später. Das Verblüffende, das Erregende jedes Zufalls besteht darin, daß wir unser eigenes Gesicht erkennen; der Zufall zeigt mir, wofür ich zur Zeit ein Auge habe, und ich höre, wofür ich eine Antenne habe. Ohne dieses einfache Vertrauen, daß uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und daß uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben, wie könnte man über die Straße gehen, ohne in den Irrsinn zu wandeln? Natürlich läßt sich denken, daß wir unser mögliches Gesicht, unser mögliches Gehör nicht immer offen haben, will sagen, daß es noch manche Zufälle gebe, die wir übersehen und überhören, obschon sie zu uns gehören; aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt.

Max Frisch, “Tagebuch 1946 – 1949″

Das Stöckchen werfe ich jetzt Roswitha zu. Ich fände es schön, neben ihren Bilderwelten auch etwas über ihre Buchwelten zu erfahren.

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7 Gedanken zu “Kommt ein Stöckchen geflogen

  1. Liebe Pagophila, ich wollte dich keinesfalls in Nöte bringen, hielt die Fragen für diskret genug, und fand, dass genau du doch Diejenige bist, die sie beantworten sollte.
    Jetzt freue ich mich über deine Antworten, besonders natürlich, dass auch bei dir Max Frisch eine zentrale Rolle spielt (als Lieferant des langen Lieblingssatzes). Glavinic ist vorgemerkt.
    Und bedanken möchte ich mich für das große Kompliment, dass ich genau so zurück geben kann: auch du bist eine meiner Lieblingsbloggerinnen.

    1. Nein, im Ernst, so groß war die Not nun auch wieder nicht. Ein selbstironischer Blick in den Spiegel und gut ist..;-) – Auch der Beantwortung solcher Fragen ist allzu langes Überlegen wenig dienlich, wie ich festgestellt habe. Ab einem gewissen Punkt kann man sich überhaupt nicht mehr entscheiden. Am schwersten fiel mir übrigens die Festlegung auf nur drei Bücher, die ich nicht mehr hergeben würde. Schreckliche Vorstellung, hier womöglich tatsächlich irgendwann eine Entscheidung fällen zu müssen…

      1. Das beruhigt mich.

        Gerade diese Frage fand ich so leicht zu beantworten. Ich könnte sie alle abgeben, weil sie ja alle nicht aus der Wlt sind, und ich sie mir jederzeit wieder besorgen könnte.
        Nach einem 6monatigen Krankenhausaufenthalt fiel es mir plötzlich so leicht mich von allem zu trennen, weil ich die Besitzlosigkeit in der Klinik, die in einer anderen Stadt war, so genossen hatte.

        1. Es steckt natürlich jede Menge wenn nicht gar die ganze Wahrheit in diesem Gedanken von der Besitzlosigkeit. Grundsätzlich besitze ich wenig und bin auch froh darum. Vor zwei Jahren bin ich umgezogen und habe mich dennoch von jeder Menge überflüssigem Kram befreit, es auch wirklich als Befreiung empfunden. Die meisten Kartons waren mit Büchern gefüllt, handliche aus dem Tabakladen um die Ecke. Die haben dann mein Sohn und seine Freunde mangels Lift alle in den dritten Stock geschleppt. Ohne Murren, wie ich ausdrücklich betonen muss. Dafür wurden sie dann aber auch fürstlich entlohnt. In Naturalien. Etwas anderes hätten sie nicht angenommen. Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Leben als Weltenbummlerin aus dem Koffer und der Sesshaftigkeit mit Büchern, würde ich mich auf der Stelle für ersteres entscheiden. So. Jetzt weißt Du auch, was ich mit einem Lottogewinn anstellen würde..;-)

  2. Liebe Pagophila, das ist ja ein amüsantes und auch interessantes Spiel. Es überrascht mich, dass du mir das Stöckchen zuwirfst, weil mein Blog ja hauptsächlich aus meinen Bilderwelten besteht, zu denen ich auch wenig schreibe. Ich bin momentan mehr mit der Aussagekraft von Bildern beschäftigt, als mit der Aussagekraft von Wörtern. Aber wenn ich zum Beispiel bei dir vorbei schaue, fange ich schnell an zu sinnieren. „Wie hat sie das gemeint? Sehe ich das auch so“, und so weiter.Ich mache mir meine Gedanken.
    Meine absolute Bücherzeit war ja in den 80ern. Mit der Buchhandlung “ Licht und Schatten“ in Köln auf der Ehrenstrasse, die ich mit Martins guter Unterstützung gerne geführt habe. Nun aber zu den Fragen:
    Welches Buch ich gerade lese:
    Ich habe zufällig gestern das Buch „Tante Julia und der Kunstschreiber“ von Mario Vargas Llosa ausgelesen. Ein Buch welches ich zum 2. Mal lese. Der Schriftsteller kommt aus Lima, Peru. Ein tolles Buch, voller Fantasie, guter Sprache und die „Boy meets Girl“ Story herrlich amüsant erzählt, mit den zahlreichen anderen Erzählsträngen wunderbar verflochten.Eben ein Gesamtkunstwerk.
    Warum ich das Buch lese:
    Ich liebe die lateinamerikanischen Länder und Peru hat mich besonders fasziniert. Cusco zum Beispiel hat so was von zwei Gesichtern. Es sieht tagsüber komplett anders aus als in der Nacht. So anders, dass ich fast nicht in mein Bett, in das Hotel gefunden hätte. Ich war klar im Kopf und meine Orientierung ist auch nicht die Schlechteste. Auch nach Lima würde ich gerne nochmals reisen. So viele Menschen, die auf ihrem Handkarren, ein kleines Gewerbe betreiben. Häufig duftendes Essen, manchmal für mich Undefinierbares.
    Wurde mir als Kind vorgelesen:
    Nein, aber ich habe auch den ganzen Tag auf der unasphaltierten Spielstrasse mit viel Ruhrgebietsidylle hauptsächlich Hüppekästchen, Rollschuhfahren und Brennball gespielt.
    War ich in eine/n Protagonistin/en verliebt.
    Nein, kann ich mich nicht dran erinnern. Eher dann in Musiker, dessen Musik ich liebe.
    In welchem Buch möchte ich gerne Leben:
    Da fällt mir spontan Pippi Langstrumpf ein. Immer noch…. 🙂
    Welche drei Bücher möchte ich nicht hergeben:
    Da könnte ich mich nicht entscheiden.
    Ich würde auf jeden Fall ein Buch von Dalai Lama behalten.
    Ein Lieblingssatz aus einem Buch:
    “ Du hast zwar keine Chance, aber nutze sie“ ( Herbert Achternbusch)
    Puhh, jetzt habe ich mir aber richtig Mühe gegeben, ich hoffe es ist nicht langweilig, was ich da verzapft habe.

    Cheerio, Roswitha

    1. Liebe Roswitha, überhaupt nicht! Herzlichen Dank für die ausführliche Antwort gleich hier..:-) – Ich war einfach neugierig, nachdem ich das mit der Buchhandlung auf Deiner Homepage gelesen hatte. Und ich bin froh, dass Dich meine Neugier nicht abgeschreckt hat. Von Vargas Llosa habe ich noch nichts gelesen, werde ihn aber jetzt erst recht im Hinterkopf behalten. Südamerika ist ein bislang unerfüllter Traum von mir. Der Vater meiner Kinder war Chilene, aus politischen Gründen hier jahrelang im Exil. Die Amnestie kam leider zu spät für ihn. Jetzt möchte meine Tochter für wenigstens ein halbes Jahr ihre zweite Heimat und die Urgroßmutter besuchen, die mit stolzen 100 Jahren noch am Leben ist. „Du hast zwar keine Chance, aber nutze sie.“ Ein schöner Satz von Achternbusch, der als Lebensmotto bestens geeignet ist. Nochmals vielen Dank und liebe Grüße!

      1. Ja, das ist ein stolzes Alter. Das wird sicherlich eine spannende Zeit für deine Tochter. Meine Tochter arbeitet ja in Guatemala und ich freue mich schon auf die kommende Reise dort hin. Herzliche Grüsse, Roswitha

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