POE

POE hat mich um seine Feder gewickelt. Selten habe ich etwas so Schönes gelesen wie „Das Buch der Gleichnisse“ und „Das Buch von Blanche und Marie“. Die Rede ist natürlich von Per Olov Enquist. Wie aus einem Kokon heraus entspinnen sich die Fäden seiner Geschichten und verknüpfen sich zu einem filigranen Netz, in dessen Gewebe er einzufangen sucht, was nicht einzufangen ist.

Die Liebe kann man nicht erklären. Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten.

Wohl auch, weil es dafür in den modernen Sprachen dieser Welt keinen entsprechenden Begriff gibt, ist es immer wieder das biblische Wort für die göttliche Liebe: Agape, das zwischen den Maschen hängen bleibt.

„Ein Fischernetz besteht aus der Verknotung einer Fadenreihe mit einer Fadenfolge. Die Knoten schließen sich durch Zug in jeder der Fadenrichtungen fester. Dadurch erreicht ein solches Netz größtmögliche Unverschieblichkeit“, schreibt Wikipedia. Aber Enquists Netze sind nicht unverschieblich. Etwas bleibt zwischen den Maschen hängen und fällt durch sie hindurch. Mit jedem Satz, mit jedem Wort begibt er sich erneut auf die Suche. Die Zahl der Knoten geht gegen unendlich. Und immer wieder sind es eben diese Knoten, die wieder gelöst werden müssen.

Mit dem Bild der Spitzenklöpplerin vergleicht er einmal seine Blanche Wittman. Man könnte auch meinen, Enquist selber sei die Spitzenklöpplerin. Allen Erscheinungsformen von Spitze ist gemeinsam, dass sie durchbrochen sind. Das heißt: Zwischen die Fäden werden Löcher unterschiedlicher Größe eingearbeitet. „Beim Klöppeln werden die Fäden nach einem bestimmten Muster verkreuzt bzw. verdreht (den sogenannten Schlägen). Auf rollenförmigen oder flachen Klöppelkissen oder einer Kombination von beidem wird eine Musterzeichnung festgesteckt, der Klöppelbrief. Das Garn wird auf Klöppel gewickelt, mit Nadeln paarweise auf dem Klöppelsack befestigt und dann durch Kreuzen und Drehen der Klöppel verzwirnt, verflochten, verwebt. Die Verkreuzungsstellen werden an bestimmten, vom Muster vorgegebenen Punkten mit dünnen Nadeln am Platz gehalten, bis ihre Position durch die nachfolgenden Schläge fixiert ist“, schreibt Wikipedia. Das kommt der Sache insofern näher, als auch Enquists Fäden und Löcher faszinierend und verwirrend zugleich sind. Aber zumindest in der Hingabe ähneln sich die beiden wirklich. So hingebungsvoll wie die Spitzenklöpplerin ihre Nadeln auf dem Klöppelsack befestigt, so hingebungsvoll scheint Enquist die Feder in die Drehungen und Wendungen eines jeden seiner Wörter, seiner Sätze zu führen. Dabei ist die Sehnsucht nach der Erlösung aus jenem Kokon so eng verknüpft mit der Angst vor dem Tod, die mit dieser Erlösung einher zu gehen droht, wie die Klöppel paarweise auf dem Kissen befestigt sind und durch Kreuzen und Drehen verzwirnt, verflochten, verwebt werden müssen.

Ich weiche nie von deiner Seite. Dieses Gefühl, daß ein Mensch ohne Wohltäter immer unter einer Glasglocke gelebt hat, verzweifelt mit den Nägeln am Glas gekratzt hat, nicht hinausgekommen ist. Und dann plötzlich war jemand da.

Und jemand flüsterte ich weiche nie von deiner Seite.

Marie hatte gefragt, warum Blanche manchmal glaubte, Charcot getötet zu haben. Weil, hatte sie geantwortet, als ich mit ihm aus den Bäumen heraustrat. Und ihn am Ufer des Flusses traf. Und als er verstand, daß ich ihn liebte. Da vermochte er es nicht, gegen das Dunkel zu kämpfen. Teilt man sein Dunkel mit dem, den man liebt, entsteht manchmal ein Licht, das so stark ist, daß es tötet.

Du solltest es wissen, Marie! Du hast ja dieses tödliche blaue Licht gesehen!

Ist das wirklich Liebe, hatte Marie gefragt.

„Ich wußte, daß ich ihn liebte, ich wußte, daß er sterben würde, was macht man mit einem Geliebten, der sterben wird, wenn ein ganzes Leben vergangen ist und man nicht getan hat, was man hätte tun können“, fragt Blanche gegen Ende des Buches. In der darauf folgenden Nacht träume ich von meinen Toten. Der eine quält mich mit den Worten, ich hätte ihn vergessen. Der andere freut sich unglaublich, mich zu sehen. Das eigentlich Faszinierende aber ist, dass er mir ganz natürlich gealtert erscheint. Auf einer Metaebene liefert mir das Gehirn die Bilder, die kein Simulationsprogramm so lebensecht und naturgetreu erstellen könnte.

Auf dieser Metaebene wissen wir vermutlich mehr, als wir mit bloßem Auge zu sehen oder uns vorzustellen imstande sind. Auf einer anderen können wir nur versuchen, uns die Dinge immer und immer wieder zu erklären.

Ich lese jetzt „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic. Zum dritten Mal. Nach wie vor hat es nichts von seiner Rätselhaftigkeit eingebüßt. Eine Rätselhaftigkeit, die mir aber bereits sehr vertraut ist. Und etwas Vertrautes, das brauche ich jetzt, glaube ich.

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7 Gedanken zu “POE

    1. Das freut mich! Ich hoffe, sie werden Dir gefallen. Diese beiden Bücher sind für mich wirklich etwas ganz Besonderes. Vielen Dank auch für Deinen Kommentar.

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