Erklär mir, Liebe

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –

Erklär mir, Liebe!

Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!

Erklär mir, Liebe!

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

Ingeborg Bachmann

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5 Gedanken zu “Erklär mir, Liebe

  1. Wer dieses Gedicht, von ihr selbst gelesen, ein einziges Mal nur gehört hat, wird es sicherlich nicht wieder vergessen.
    Ein ähnlich subkutane Wirkung hat vielleicht nur noch die Stimme von Nelly Sachs gehabt. Nach dem fünften oder sechsten Gedicht stieg aus einer ungeahnten Tiefe der Wunsch nach dem Sprung durch ein geschlossenes Fenster.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Die Stimme von Nelly Sachs kenne ich nicht. Klingt, als sollte man sie nur in homöopathischen Dosen genießen. Bei Gelegenheit werde ich mich auf die Suche nach einer Hörprobe begeben. Vielen Dank für die Anregung und einen Gruß auf den Schwarzen Berg!

      1. Geanu das wollte ich zum Ausdruck bringen: in homoäpathischen Dosen. Ich suche seit längerem ihre Gedichte von ihr selbst gelesen. Ich hatte die Aufnahmen einer alten Radiosendung. Die ist mir leider in den alten WG-Zeiten abhanden gekommen. Solltest du fündig werden, würde ich mich über eine Nachricht sehr freuen.

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