Arbeitshypothesen

Die Trauerweide, die in ihrer ganzen Überlebensgröße am anderen Ufer aufragt und zugleich in einem Tränenweiher zu zerfließen droht. Kleine Lauben, die sich unter Zweigen und Verästelungen auftun und schließen wie barocke Boudoirs. Verlassene Parkbänke. Letzte Rosen. Erste gelbe Blätter.

Ich soll viel spazieren gehen. Nun gut. Mache ich das also. Wenngleich es mich Überwindung kostet ob der Einsamkeit, die mir auf Schritt und Tritt auflauert. Einerseits. In der Natur der Sache liegt es andererseits, dass mich zuweilen gewaltige Bilder übermannen, bei deren Anblick einem das eigene Leben plötzlich nichtig und klein erscheint. Das tut gut und ist wahrscheinlich Sinn und Zweck des Unterfangens.

Im Bücherschrank meiner Mutter dann „Das Buch von Blanche und Marie“ entdeckt, das ich ihr offensichtlich einmal geschenkt habe. Natürlich in der Absicht, es irgendwann auch selber zu lesen. Jetzt erinnere ich mich wieder. Dinge geraten in Vergessenheit und tauchen wieder auf. Alles treibt. Im Fluss der ewigen Wiederkehr.

>Amor Omnia Vincit< – die Liebe überwindet alles – hatte sie auf den Deckel der braunen Mappe geschrieben, in der die drei Notizbücher liegen; darüber stand, kräftiger und in Druckbuchstaben, der Titel FRAGEBUCH. Als sollten zwei Haltungen erprobt werden: die obere kraftvoll, optimistisch und vollkommen neutral, die untere spröde, vorsichtig, beinah flehend. Als habe sie sagen wollen, daß dies der Ausgangspunkt ist, es kann wahr sein, oh, wenn es nur wahr wäre.

Die Liebe überwindet alles. Wider besseres Wissen, aber trotzdem. Es tut ein bißchen weh, es zu sehen, oh, wäre es nur wahr, oh, wenn es doch wahr wäre. Alles sehr angestrengt sachlich und korrekt, bis der Ton bricht. Ein gelbes Heft, ein schwarzes – unvollständig oder zensiert – und ein rotes. Zusammen ein Fragebuch, das von Blanche und Marie handelt. Mehr nicht.

Man muß das akzeptieren.

Die Liebe überwindet alles, als Arbeitshypothese, oder innerster Schmerzpunkt.

Per Olov Enquist, „Das Buch von Blanche und Marie“

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5 Gedanken zu “Arbeitshypothesen

  1. plötzlich „nichtig und klein“ erinnert mich an irgendeinen song von reinhard mey…
    spazieren und flanieren- hilft mir immer, vielleicht dir auch! gedankenbegleitende wünsche…

    1. „Über den Wolken“ – Nicht dass ich ein Fan wäre. Ich kann mich nur so schlecht frei machen von all den Zeilen und Zitaten, die mir ständig in den Sinn kommen. Im Übrigen danke ich Dir für Deinen zusprechenden Kommentar!

  2. Eines der Bücher, die ich mehrmals gelesen habe, und immer wieder lesen kann, weil es so viele Ebenen darin gibt, dass man nie fertig wird, sie alle zu lesen. Und jetzt gucke ich nach dem Märchen…

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