Temporäre Gewissheiten

Frech. Fromm. Frei. Frau. Mit diesen vier F-Worten wirbt eine Partei für eine ihrer Kandidatinnen. Scharf umrissen. So scharf wie das Konterfei der Dame von ihrem platinblonden Helm aus Haar. Wie frisch geschmiedet verleiht er ihr den vielleicht letzten Schliff. Scharf sitzt auch der Scheitel. Mitte-Rechts. Gezogen wie von Messers Schneide über einem Paar stahlblauer Augen. Dies ist es! Es gibt keinen tieferen Sinn: Dich möchte ich nicht zum Schwesterle haben. Das Scharfe wurde ja aus dem Riesenschlund des Nebels geboren. Das Barmherzige war, wenn der Schlund sich schloss. Wenige Meter weiter baumelt das große Brüderle von einem Laternenpfahl. Das Gesicht weich wie ein Kinderpopo oder wie geschmirgelt mit einem Schleifpapier allerfeinster Körnung. Sämtliche Ecken und Kanten gebrochen. Ja, das Barmherzige…

Das Barmherzige daran ist auch, dass es mir eine Reminiszenz an „Das Buch der Gleichnisse“ beschert. Und dass Brüderle mich an das Gleichnis von der ungespielten Geige erinnert. Wie sie dort hing! Wie ein frisch gehängter schwedischer Spion. Der stumm gaffte. Genug davon. Wenden wir uns ihm zu. Dem schwedischen Spion.

In dem Buch, das ich zur Zeit lese, gibt es eigentlich nicht viel zu lachen, aber dieser schwedische Spion mit Namen Lundgren, obwohl eigentlich schon tot, als von ihm die Rede ist, amüsiert mich. Erstens habe ich den drittklassigen Schauspieler Dolph Lundgren vor Augen. Zweitens hält er sich selbst höchstwahrscheinlich für James Bond. In der Wüste wird zwar kein Martini serviert, aber im Tee lässt sich ja bekanntlich auch rühren. Lundgren hat seine Lektion – Die Lektion heißt Überleben! – gelernt und dieses Überleben perfektioniert. Er ist so gut darin, dass er zwangsläufig paranoid werden musste. Was ihm wohl am Ende doch das Genick gebrochen hat. Vermute ich. Alle wichtigen Entscheidungen werden immer auf der Basis unzureichender Daten gefällt. Auch ein Lundgren hat nichts wirklich unter Kontrolle.

An dieser winzigen Episode um den schwedischen Spion Lundgren kann man ein Exempel statuieren, ein triviales vielleicht, aber immerhin ein Exempel für das bodenlose Fass an Assoziationen, aus dem Wolfgang Herrndorf beim Schreiben dieses Buches offensichtlich geschöpft hat. Und die Wüste ist womöglich die beste Metapher für dieses zufällige Universum, dem wir so verzweifelt einen Sinn zu geben versuchen. In dem wir nur uns selber haben und manchmal einander. Das klingt nach sehr wenig, aber recht viel mehr scheint es nicht zu geben. Genau an dieser Stelle kommt Helen ins Spiel.

Helen Gliese. Ein platinblonder Engel mit Handkanten, die sie wie zwei Schwerter einzusetzen weiß. Wenn es darauf ankommt. Vorgeblich ist sie für einen amerikanischen Kosmetikriesen auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs. Noch so ein aberwitziges Detail, denn schon beim Verlassen des Flugzeugs zerschellt ihr Musterkoffer im heißen Wüstensand, und die geneigte Leserin fragt sich, welcher CIA-Agent sich diese lausige Tarnung wohl ausgedacht haben mag. Nur, seit sie sich des Mannes ohne Gedächtnis angenommen hat, will die unverbesserliche Romantikerin in mir gerne glauben, dass diese Frau einfach nur ein großes Herz hat und dass ich von Kindesbeinen an lese, um Figuren wie dieser zu begegnen.

Er spürte ein sonderbares Gefühl für diese Frau in sich aufsteigen, ein, wie er sich sagte, möglicherweise unangebrachtes und irregeleitetes Gefühl. Sie war es gewesen, die ihn gerettet hatte, sie hatte ihm ein Dach über dem Kopf gegeben und ihn gepflegt, sie war ein Rettungsanker in einer hoffnungslos versunkenen Welt. Es war nicht Dankbarkeit. Es war etwas anderes. Es schnürte ihm die Kehle zu.

Eine kleine Welle spritzte an ihr hoch, sie lächelte ein wenig undurchschaubar, und er fragte sich, ob ein menschliches Gehirn ein Bild so bezaubernd wie dieses, jemals vergessen könnte; ob er es schon vergessen hatte.

Während er noch zurücklächelte, spürte er tief aus seinem Innern einen Gedanken sich emporarbeiten, einen Gedanken, der, wie er jetzt deutlich fühlte, schon länger im Dunkel hin und her bewegt worden war: Was, wenn er sie tatsächlich von früher kannte? Wenn sie ihn kannte? Wenn sie ihm nur Theater vorspielte? Er sprang auf, lief den Strand hinunter, lief zurück und stolperte über zwei Badegäste. Helen bemerkte ihn erst, als er bis zu den Oberschenkeln im Wasser stand und schrie. Er kannte niemanden. Niemand kannte ihn. Er kannte sich selbst nicht. Er war verloren.

Der Wille, sein bisheriges Leben fortzusetzen, war längst nicht so stark wie der Wunsch nach Ruhe und Sicherheit. Auswandern nach Frankreich oder Amerika, ein unbelastetes Leben beginnen, sich langsam zurechtfinden an der Seite einer platinblonden Frau. War das nicht möglich?

Seit diese platinblonde Frau sich des Mannes ohne Gedächtnis angenommen hat, fürchte ich den Teufel, der noch in Gott weiß welchem Detail stecken könnte. Sämtliche Klischees, die Helen in sich vereint, dürften einem Funken Wahrheit entsprungen sein. Jedes einzelne kann gebrochen werden, und alle Wahrheiten lassen sich in Frage stellen. Was wissen wir eigentlich… sicher?

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3 Gedanken zu “Temporäre Gewissheiten

  1. Genau so etwas meinte ich. Es gruselt mich. Es ist wie das berühmte Kaninchen, das auf die Schlange stiert. Schön, dass Du über dieses Buch weiterhin berichtest. Ich habe es mittlerweile vorliegen. Ich warte noch mit dem Lesen.

    1. Ich finde das aber nicht gruselig. Ich finde das hochgradig spannend. In jedem Fall lässt es einen nicht kalt, was dafür spricht, eine elementare Frage des Seins so gekonnt auf die Spitze zu schaukeln. Insofern mich Muße und Muse küssen, werde ich weiter berichten..:-)

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