Sand

Die Erkenntnis, nichts Besonderes zu sein, überfällt die meisten Menschen einmal in ihrem Leben, nicht selten gegen Ende der Schulzeit oder zu Beginn der Berufsausbildung, und die intelligenteren eher als die unintelligenten. Aber nicht alle leiden gleich stark darunter. Wer mit den Idealen des persönlichen Verdienstes, der Leistung, des Herausragens als Kind nicht ausreichend vertraut gemacht worden ist, wird das Bewusstsein blasser Durchschnittlichkeit vielleicht hinnehmen wie eine zu große Nase oder zu dünnes Haar. Andere wieder reagieren darauf mit den bekannten Fluchtbewegungen, die von exzentrischer Kleidung über exzentrisches Leben bis hin zur ehrgeizigen Suche nach einem Selbst reichen können, das im eigenen Inneren vermutet wird wie ein prächtiger verborgener Schatz, welchen die gnädige Psychoanalyse auch dem letzten Trottel zugesteht. Und die Sensiblen reagieren mit einer Depression.

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

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5 Gedanken zu “Sand

  1. Ist das Deine Quintessenz aus der Geschichte? So etwas habe ich nicht wahrgenommen. Hmm.
    Ich müsste diese Geschichte nochmal lesen, aber ich trau mich nicht. Da erinnere ich soviel Gewalttätigkeiten, die ich nicht einordnen konnte.
    LG, mick

    1. Es ist ein Zitat aus dem Buch und bezieht sich auf Polidorio. Von einer Quintessenz bin ich noch weit entfernt, aber die Personenzeichnungen sind sehr präzise. Manchmal in wenigen Sätzen („Der Mann war nicht gerade ein Staranwalt. Er hatte ein Bauerngesicht und trug einen schlechtsitzenden schwarzen Anzug, in dessen Brusttasche wie ein verzweifelter Hilfeschrei ein senffarbenes Taschentuch steckte.“ – Das könnte von Chandler sein…), manchmal ganz ausführlich wie die von Helen Gliese. Alle sind ambivalent und der Blick auf Afrika frei von jeglicher Verklärtheit. Das alles gefällt mir schon mal sehr gut. Ich habe noch keine blasse Ahnung, wohin diese Lesereise wirklich führen wird.

      1. Es bleibt in der Tat spannend für mich. Ich werde mir das Buch noch mal besorgen. Ob ich es lesen kann, das weiß ich noch nicht. Erst mal hinlegen. Die Sprache von Chandler hat mir auch gut gefallen.
        Mit Tschick bin ich besser zurecht gekommen als mit Sand. Ich denke, ich weiß schon woran es liegt. Manche Bücher muß man öfter lesen, wenn man kann.
        In jedem Fall bin ich gespannt auf Deine Lesereise. 🙂

        1. Hier (http://saetzeundschaetze1.wordpress.com/2013/09/05/erinnerung-an-w-g-sebald/) las ich gerade (von Susan Sontag): “Ich lese mit Vorliebe solche Bücher, von denen ich weiß, dass ich sie ein zweites Mal lesen werde. Ja ich behaupte, kein Buch ist es wert, einmal gelesen zu werden, wenn es nicht wert ist, mehr als einmal gelesen zu werden.“ Was im Falle von „Sand“ vielleicht noch zu beweisen wäre, aber ich habe das Gefühl, der Versuch ist es wert!

          (Deine Kommentare landen plötzlich immer in meinem Spam. Leider habe ich es gerade eben erst wieder gemerkt.)

  2. Jetzt habe ich mich verklickt. Ich weiß nicht, wo der erste Teil des Kommentars geblieben ist. Auf jeden Fall glaube ich, der Einschätzung von Susan Sontag. Fast alle Bücher, die mir etwas bedeuteten, habe oder wollte ich mehrfach lesen. In Falle von „Sand“ ist es wirklich noch zu beweisen.

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