Das Buch der Gleichnisse

Man konnte bei der Revision der Grabrede auch die schwarzen Löcher aufsuchen. Oder das, was zwischen dem Gesagten lag, vielleicht war noch Zeit. Sich in den Spalt der Geschichte hineindrängen. Als ob das einfacher wäre! Es war ja das Ausgelassene, was am meisten schmerzte. Die Löcher und die Spalte waren nicht selbstverständlich, sie waren hauptsächlich wie Mitteilungen, deren Zeilen sich überlagerten, so dass die ursprünglichen Wörter, wieder aufgesucht, langsam überdeckt und grau und dann schwarz und am Ende ganz unbegreiflich wurden. Sie überdeckten sich selbst.

So war es mit dem Einfachen. Es war wie Selbsterlösung.

Er flieht, auf irritierende Weise schnüffelnd: wie ein Hund, der auf seine eigene Witterung stößt und erschrickt.

Ist es nötig, dies hinzuschreiben. Er hat keine Angst vor dem Tod. Aber der Weg dahin macht ihn immer erschrockener.

Zurückgelassen war ein Wort, das er ausprobierte, es sollte Eingänge ins Projekt schaffen, weil es jetzt eilte, eilte war ein anderes Wort, er wusste nicht, wie viele Jahre ihm noch blieben.

Er dachte viel an den Tod, sagte sich aber zum Trost, dies hänge sicher damit zusammen, dass alle seine Freunde im Begriff schienen zu sterben. Oder schon ihr Leben abgeschlossen, ihre Körper jedoch gedankenlos am Ufer des Flusses zurückgelassen hatten, als sei es noch nicht fertig, zusammengefasst, zurechtgelegt.

Alles blieb als Rest hängen.

Das, was er schrieb, wurde entweder eine Projektionsfläche, die etwas verbarg, oder machte es möglich, die Wahrheit zu sagen.

Was hat er erlebt? Sein einziger Kommentar ist: „Ist denn die Liebe ein einziger brüllender Notruf, wie von einem Ertrinkenden?“

Warum rufst du an, hatte er gesagt. Weil du zurückgelassen bist, hatte sie geantwortet.

Sich nicht der Gnade verdient machen zu müssen.

Agape, hieß es nicht so?

War das Leben nur dies? Ein zusammengeschustertes Wesen zu sein, in dem aber dank der fürchterlichen Vorstellungskraft, dieses Riesenmuskels, etwas einen immer größeren Platz einnahm?

Er hat eine wiederkehrende Vorstellung von Baugerüsten, die abgerissen werden müssen. Und wenn sie alle abgerissen sind, soll dort drinnen etwas übrig sein, sehr klein, aber wahr. Er reißt sie ab. Es ist notwendig. Man kann sonst nicht überleben.

Und dann diese Fixierung auf den Sinn. Was hatte die Katze Kim zu Siklund gesagt, kurz bevor er starb? Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit. Wie die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. Gott offenbart sich nicht in der Welt. Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.

Er deutete dies mit der Liebe und dem Tod jetzt so: Liebe und Tod sind etwas Unsagbares, aber es kann gezeigt werden.

Vielleicht von ihm?

Per Olov Enquist, „Das Buch der Gleichnisse“

Advertisements

4 Gedanken zu “Das Buch der Gleichnisse

    1. Ich glaube, so ist es. Sowohl im kleinen als auch im großen Zusammenhang. Und irgendwann verfolgt einen dieses ausgelassene Leben dann plötzlich mehr als das gelebte. Das jedenfalls vermittelt Enquist meisterlich.
      Ein schönes Wochenende Euch beiden!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s