Zarzuela und Halászlé

Manchmal brate ich meinem Sohn ein Schnitzel. Im Prinzip ist er mittlerweile Manns genug, es selbst zu tun, aber das ist eine andere Geschichte. Es geht mir auch nicht ums Prinzip. Der Punkt ist, dass ich immer vergesse, Paniermehl zu kaufen. Dann suche ich im Vorratsschrank nach einem verwertbaren Ersatz. Haferflocken, zum Bespiel. Oder Couscous. Man glaubt es kaum, aber die Couscousvariante war der Renner. Schnitzel nach nordafrikanischer Art sozusagen.

Das Mehlieren und Panieren erinnert mich an Kinderspiele in nassem Sand. Die feuchte, klumpige Masse nannten wir damals Moddepappe. Es ist vor allem dieses Wort, an das ich denke, wenn sich an meinen Fingerkuppen die Klümpchen aus Mehl und Ei und Semmelbröseln, Haferflocken oder Couscous bilden.

Manchmal höre ich dazu Radio. Oft lausche ich dem Katzenjammer aus der Wohnung gegenüber. Der Kater, der sich dort die Seele aus dem Leib schreit, ist so weiß wie Schnee oder wie die Blüten der Orchidee, die an meinem Küchenfenster steht. Wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, büchst er aus. Sehr zum Leidwesen der Nachbarschaft. Auf irgendeinem Fußabstreifer hinterlässt er garantiert ein Häuflein seiner Exkremente. Als wolle er alle mit der Nase auf sein Elend stoßen. Manche Katzen sind so. Nichts geschieht ohne Grund, sagt mir mein Bauchgefühl, während mein Verstand alles in Frage stellt.

Für mich alleine würde ich wahrscheinlich nicht kochen. Ich würde ein paar Blöcke weiter zum Spanier am Stadtplatz gehen und einen Teller meiner Lieblingsfischsuppe mit einem Viertel Marqués de Altillo vertilgen. Er kocht wirklich ausgezeichnet, der Spanier, und hat höchstwahrscheinlich immer Paniermehl in seinem Vorratsschrank. Mein Vater ist für einen Teller seiner Lieblingsfischsuppe jedes Jahr 1.000 Kilometer gefahren. Serviert wurde sie in einer Spelunke an der ungarisch-rumänischen Grenze. Ich erinnere mich nicht, was ich dort zu essen bekam. Ich erinnere mich nur daran, meinem Vater beim Essen zugesehen zu haben. Wie er die Suppe mit einem Genuss in sich hinein löffelte, als wäre sie wirklich die beste Fischsuppe der Welt gewesen. Ein Fremder ist der Mensch dem Menschen, bis er plötzlich etwas an sich entdeckt, das ihm als Eigenschaft des Fremden schon lange vertraut ist.

Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, wenn er sich selbst nicht kennt, dachte ich nach der Lektüre von Open City:

Jeder Mensch muss sich unter bestimmten Bedingungen als Sollwert der Normalität setzen und davon ausgehen, dass seine Psyche für ihn selbst nicht durchschaubar ist, nicht undurchschaubar sein kann. Vielleicht verstehen wir das unter geistiger Gesundheit: dass wir uns selbst, so verschroben wir uns auch finden mögen, niemals als Bösewichte unserer eigenen Geschichte wahrnehmen.

Julius, der Ich-Erzähler, der kurz vor dem Abschluss seiner Facharztausbildung zum Psychiater steht, wird am Ende mit der Geschichte eines anderen Menschen konfrontiert, in der er tatsächlich der Bösewicht ist. Nicht die Wendung selber sondern Julius‘ Reaktion darauf schockiert. Und doch passt sie in jenes Bild, das sich mir von Seite zu Seite immer stärker aufgedrängt hat: Hier versucht einer zu verschleiern, wer er ist, was ihn eigentlich umtreibt, was die Gründe für seine Unruhe, seine endlosen Wanderungen durch die Stadt sind. Und er wird es weiter tun. Wird seinen Beruf ausüben, in die Dunkelkammern der Seelen seiner Patienten blicken und dabei ganz behutsam und wohlüberlegt vorgehen. Das war interessant, stellenweise sogar richtig spannend. Anders gelesen, hätte es mich womöglich gelangweilt.

Meine Hände hielten sich am Metall fest und mein Blick am Licht der Sterne, und es war, als wäre ich einer bestimmten Sache so nahe gekommen, dass sie aus dem Fokus geriet, oder als hätte ich mich so weit von ihr entfernt, dass sie in der Ferne verblasste.

Einen besseren Schlusssatz gibt es im Prinzip nicht. Aber wie bereits erwähnt geht es mir nicht ums Prinzip. Der Punkt ist, dass ich manchmal vergesse, das Paniermehl zu kaufen. Für einen Vorrat an Lektüre ist dagegen immer gesorgt. „Sand“, zum Beispiel, von Wolfgang Herrndorf. Oder „Das Buch der Gleichnisse“ von Per Olov Enquist. Beiden eilt der Ruf voraus, rätselhaft zu sein. Nun gilt es also, mich zwischen dem Rätselhaften und dem Rätselhaften zu entscheiden.

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12 Gedanken zu “Zarzuela und Halászlé

  1. Mein Vater fuhr jeden Abend – manchmal hunderte von Kilometern – nach Hause um dort Reibeplätzchen zu machen. Die aß er dann . Dabei lief der Fernseher. Wenn ich noch wach war, durfte ich welche essen und mit ihm dabei Schach spielen. Morgens, wenn ich zur Schule mußte, war er schon wieder weg.
    Sand habe ich gelesen und es nicht verstanden. Oder ich habe es nicht gemocht. Wahrscheinlich beides. ( http://allesmitlinks.wordpress.com/2013/08/03/sand/ )
    Liebe Grüße, mick

  2. Ein guter Schlusssatz. Finde ich auch.
    Ich teile Julius´Unruhe, und wie er, spaziere ich täglich mehrere Stunden durch die Stadt.
    Nicht um etwas zu verschleiern (natürlich bin ich kein Bösewicht) sondern um etwas zu finden, oder mich zu beruhigen. Deswegen, und wegen der Sprache, habe ich Coles Buch so gerne gelesen.
    Wenn ich entscheiden müsste, würde ich Herrndorf als nächstes Buch lesen (bin gerade bei Tschick).
    Es ist schön deinen Gedankengängen zu folgen!

    1. Es ist wohlgemerkt der Satz, den ich mir als Schlusssatz auserkoren habe. Dann folgt ja noch die Geschichte mit der Freiheitsstatue und den Vögeln. Ich denke immer noch darüber nach, was mir bei diesem Buch gefehlt hat: eine Art von Tiefe, die ich vielleicht besser Emotionalität nennen sollte. Die fehlt mir übrigens bei den Beschreibungen Deiner Spaziergänge nicht, deshalb lese ich sie ja so gerne. Das Wort Bösewicht fand ich übrigens in seinem Kontext hier ziemlich deplaziert, weil es die Sachverhalte irgendwie unangemessen nivelliert. Aber Du hast Recht, Cole schreibt eine unbestritten schöne Sprache.

  3. Danke für die schönen Zitate aus Open City. Das Buch steht jetzt auf meiner Merkliste.
    „Sand“ habe ich gelesen. Eine einzige Szene, die ich nicht einordnen konnte. Der Rest schien mir stringent aufgelöst, was der Autor ja auch auf seinem Blog betont, dass ihm bisher noch keiner einen wirklichen Widerspruch nachweisen konnte. Eine Art existentieller Thriller ist es, ein bisschen Quentin Tarantino, ein bisschen Nihilismus. Im fünften Buch wird es grandios. Besonders stark die Beschreibung von Schmerz, Orientierungslosigkeit, extremer Erschöpfung, Nahtod.

    1. Danke für Deine Gedanken zu „Sand“ und, bei der Gelegenheit, auch für die vielen Anregungen auf Deinem Blog, angefangen beim Titel. „Sand“ ist keinesfalls verworfen, nur weil ich Enquist den Vortritt gelassen habe…

        1. Ja, der Titel… klingt einerseits wissenschaftlich – den Blick auf das Detail richten zum Zwecke der Widerlegung des Ganzen – andererseits sehr poetisch – nach einem Hin- und Hergerissensein zwischen der magischen Anziehung von Einzelheiten und dem vielleicht vergebens darin zu findenden übergeordneten Sinn?

  4. Jetzt, nachdem Herrndorf sich erschossen hat, liest es sich merkwürdig, wenn von „Sand“ gesprochen wird, aber das ist natürlich Unsinn, denn da ist das Buch und dort ist der Mensch, der es geschrieben hat und sie haben naturgemäß etwas miteinander zu tun, aber ebenso sehr muss man sie trennen.
    Ich denke jetzt über den sehr klugen Schluss nach, den Du aus der Wendung von Coles Roman gezogen hast, ja, vielleicht ist diese Geschichte, in der er Schuld auf sich geladen hat, der Schlüssel für eine Grundhaltung des Buches und somit notwendig…

  5. Pingback: Sand | Cool Pains

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