Die schönste Landschaft sieht wie gekochter Spinat aus

d4277080xDarf ich vorstellen: Mrs. Rufus Bush.

Wir schreiben das Jahr 1929. Mrs. Rufus Bush ist coole 19 und gerade frisch vermählt sowie portraitiert von Tamara de Lempicka. Als die Ehe drei Jahre später wieder geschieden wird, macht die Dame Tabula rasa und lässt auch dieses Portrait in der Versenkung verschwinden. Das war’s fürs erste.

Die Lempicka selber, die wie kaum eine andere Frau anderthalb Dekaden einer der Stars des europäischen Kunstbetriebes war und in der Zeit zwischen den Weltkriegen die französische Hautevolée, vornehmlich deren männliche Vertreter, dazu brachte, ihr aus der Hand zu fressen, kommt irgendwann in die Jahre und mit den Jahren aus der Mode. Gehörten ihre Auftragsporträts davor zum Teuersten, was man auf dem Markt erwerben konnte, verstauben sie spätestens, als die abstrakte Malerei die Szene betritt, auf den Dachböden der Häuser, deren Wände sie dereinst zierten, und Madame ihrerseits in einem mexikanischen Kaff. Erst Ende der Sechziger werden die Kunsthistoriker beginnen, die ganze Geisterscheiße, um es mit Stephen King zu sagen, wieder von ihren Bildern zu kratzen, während nur zehn Jahre später die Asche der Tamara de Lempicka schon über dem Popocatépetl vom Winde verweht sein wird.

Zurück zu Mrs. Rufus Bush. Dass auch sie mittlerweile in die ewigen Jagdgründe eingegangen sein dürfte, erscheint wahrscheinlich. Ob sie noch einmal geheiratet hat und wenn ja, wie viele und welche Namen sie noch getragen hat, weiß ich nicht. Nur dass sie eine Tochter hatte, die, sechzig Jahre nachdem ihre Mutter für dieses Portrait Modell gesessen hatte, zufällig Kizette de Lempickas Biographie über ihre Mutter Tamara liest und darin wiederum ihre eigene erwähnt findet. Zufall Nummer 2. Ihre Neugier ist geweckt. Der Stein gerät ins Rollen. In einem alten Lagerhaus, das Relikte aus zig Familienumzügen beherbergt und vor den Stäuben dieser Welt bewahrt, entdeckt sie schließlich – nicht ganz zufällig – besagtes Portrait von Mrs. Rufus Bush: „There it was, like new, in perfect condition, unmoved over the past sixty years! It was a moving experience, like opening a time capsule“, wird sie später an Kizette schreiben.

Ich dachte gerade an Farben, als ich das Augustblatt meines Küchenkalenders aufschlug. An Blau und Rot. An blaue Pillen. An rote Pillen. Daran, dass ich ohne meine blaue Pille nicht schlafen kann. Und was sich die Pharmaindustrie dabei denkt, wenn sie die einen blau, die anderen rot einfärbt. Ich dachte auch an Morpheus und die Matrix: „You take the blue pill, the story ends, you wake up in your bed and believe whatever you want to believe. You take the red pill, you stay in Wonderland, and I show you how deep the rabbit hole goes.“ Du schluckst die blaue Pille und blickst wie durch eine Staubwolke. Der Schmerz ist immer noch da, aber er zwingt dich nicht mehr in die Knie. Du wischt ihn wie ein Sandkorn aus dem Auge. Immer und immer wieder. Das Leben soll schließlich weitergehen. And so the story goes. Als ich nämlich das Augustblatt meines Küchenkalenders aufschlug, war da plötzlich diese Frau. Mrs. Rufus Bush. Und das Rot des Mantels, den sie trägt, mit seinem sinnlichen, weichen Faltenwurf wie auf einem Gemälde der Alten Meister, während geometrisch und grau die glänzenden Flächen einer Skyline den Blick so verstellen, dass er unweigerlich auf die Frau fallen muss. Nur ihre Augen sind vom selben kalten Grau wie der Hintergrund. Als wären es blinde Spiegel, die nichts Schönes mehr erblicken können. Die Schneekönigin in ihrem blutigen Gewande, dachte ich. Gefangen in ihrem Eispalast.

Es ist lange her, dass ich sie gelesen habe. Aus altem Familienbesitz gehört mir noch eine rechtschaffen ramponierte Ausgabe von Andersens Märchen, veröffentlicht unter der Zulassungs-Nr. US-W-1094 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung. Die Illustrationen darin sehen aus wie mit einem Zimmermannsbleistift, weil nichts anderes vorhanden war, grob zusammengehauen. Immerhin ist sie nicht verstaubt. In all ihrer Ramponiertheit wird sie von mir seit Jahren gehegt und gepflegt. Bücher sind nicht nur Zeitzeugen. Sie sind auch Lebensgefährten.

In diesem Sinne noch ein Zitat aus Valeria Luisellis „Schwerelosen“:

Ich habe mal in einem Buch von Saul Bellow gelesen, dass der Unterschied zwischen lebendig und tot nur eine Frage des Standorts ist: Die Lebendigen schauen vom Zentrum aus nach draußen, während die Toten von der Peripherie aus zu irgendeiner Art von Zentrum blicken. Vielleicht bin ich erfroren, vielleicht bin ich in jener Nacht an Unterkühlung gestorben. Auf alle Fälle war es die erste Nacht, die ich mit dem Geist von Gilbert Owen verbringen musste. Von da an begann meine Existenz als Person, die von einem anderen möglichen Leben bewohnt ist, das nicht das meine war, das ich mir aber nur vorzustellen brauchte, um mich ihm ganz hinzugeben. Ich begann, von außen nach innen zu blicken, von einem Ort zu keinem.

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4 Gedanken zu “Die schönste Landschaft sieht wie gekochter Spinat aus

  1. ja, bücher sind lebensgefährten, und manche blogs auch…
    luiselli hat übrigens in ihrem essay band „papeles falsos“ einen ganz wunderbaren essay über ihre suche nach brodskys grab in venedig geschrieben, so fügt sich alles zusammen, ganz zufällig ?…

    1. Das ist allerdings ein Zufall, der mich sprachlos macht. Leider reicht mein Spanisch nie und nimmer, um diesen Essay zu lesen, obwohl ich es auf der Stelle wollen würde, wie Du Dir wahrscheinlich vorstellen kannst. Dein Blog begleitet mich jetzt übrigens, seit es ihn hier gibt, denke ich gerade, wenn ich ihn auch die längste Zeit still genossen habe, weil ich einfach keine Kapazitäten frei hatte…

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